Klinterklater 

Burgpassage und „Häusermord“

„Ägidienstift und eine uralte Kapelle wurden 1955 rücksichtslos abgerissen.“

Aus der „Burgpassage“ wird nun also die „Burggasse“. Die jetzigen Läden werden zu Wohnraum und Büros. Dies Projekt, in der Stille der Rathaus-Büros ausgetüftelt, macht durchaus Sinn; wird doch der Einzelhandel durch digitales Einkaufen ohnehin immer mehr verdrängt. Leider wird aber bei dieser Umgestaltung auch wieder historische Bau-Substanz abgerissen (Schuhstraße Nummer 5 und 6).

Diese künftige Veränderung im Stadtbild lässt mich in die Vergangenheit eintauchen. Und diese Erinnerung ist mit einem üblen Fall von „Häusermord“ verbunden, dem Mitte der 1950er Jahre die Maria-Magdalenen-Kapelle zum Opfer fiel. Aber der Reihe nach.

Genau an dem Ort, wo jetzt die Passage von der Schuhstraße zum Hutfiltern verläuft, hatte ich mehr als zwei Jahrzehnte meine berufliche Heimat. Und zwar in den verschachtelten Bauten der „Braunschweiger Zeitung“. Bis Juni 1981 waren dort Redaktion, Druckhaus, Vertrieb und auch die NB angesiedelt. Dann folgte der Umzug zur Hamburger Straße. Und damit wurde das Grundstück frei für den Bau einer überdachten Ladenzeile, die 1983 eröffnet wurde.

Vom alten BZ-Presse-Zentrum existieren heute nur noch die Fassade Hutfiltern 8 und das im Jahr 1955 eingeweihte Druckhaus; es steht parallel zum Hintereingang der Schule Kleine Burg. Zu dem Zeitungs-Areal gab es zwei Zufahrten. Eine vom Hutfiltern aus in einen kleinen, alten Innenhof hinein, die andere schlängelte sich durch das Straßenstück Kleine Burg auf einen viel größeren Hof. Pförtnerloge und Schranke standen etwa dort, wo sich heute – gegenüber der Schule – der östliche Zugang zur Burgpassage befindet.

Dieser große Druckbetrieb lag also mitten in der Stadt. Entsprechend rege war der Autoverkehr in der Kleinen Burg. Ab 22 Uhr sausten unzählige Transporter die enge Straße entlang, um die druckfrischen Zeitungen zu den Lesern zu bringen. Nach Wolfsburg und Helmstedt, nach Salzgitter, Wolfenbüttel, Seesen, Peine und bis in den Oberharz. Klar, dass solch eine pulsierende Firma irgendwann mal völlig aus den Nähten platzt.

Eigentlich hätte die BZ schon Anfang der 1950er Jahre an die Stadtperipherie ausweichen müssen. Doch das geschah nicht. Verleger Hans Eckensberger wollte unbedingt mitten in der City bleiben. Und das hatte Folgen. Nun ist Braunschweig ziemlich reich an Bausünden, wobei der Abriss des Schlosses 1960 (mit der entscheidenden Stimme von SPD-Oberbürgermeisterin Martha Fuchs) die bekannteste Untat war. Doch bei der Erweiterung des Verlagsgrundstücks ereignete sich ebenfalls ein städtebaulicher Frevel: Das Jahrhunderte alte Fachwerk-Ensemble mit dem Namen Ägidien-Stift rund um die Maria-Magdalenen-Kapelle (erbaut um 1200!) wurde rücksichtslos abgerissen. Genau da, wo heute die Menschen durch die Burgpassage flanieren, hatte dieses Juwel auf wundersame Weise den Bombenhagel des Krieges überstanden.

Ich erinnere mich gut an dies uralte Häuser-Geviert, das über den heute noch existierenden Weg an der Schulmauer entlang zu erreichen war. Die mit Efeu bewachsenen gelben Fachwerkgebäude – das älteste von 1520 – umgaben einen winzigen Hof, dessen Mitte ein Rasenrondell mit Büschen und Blumen zierte. Es war ein stiller, ein verwunschen wirkender Ort mitten im Großstadt-Trubel. Die alten Stiftsgebäude beherbergten noch bis in die 1950er Jahre hinein allein lebende Frauen.

Den Mittelpunkt dieses Idylls bildete die Maria-Magdalenen-Kapelle. Sie entstand möglicherweise schon kurz nach dem Tod von Heinrich dem Löwen! Heute unvorstellbar, dass diese Kostbarkeit bedenkenlos geopfert wurde. Und das in einer Stadt, der die Feuerstürme des Krieges ohnehin 90 Prozent der historischen Bauten geraubt hatten.

Das Ägidienstift gehörte dem Braunschweigischen Kloster- und Studienfonds, den damals die Bezirksregierung verwaltete. Und sie verkaufte das Grundstück an den Limbach-Verlag, so dass Hans Eckensberger sein Druckimperium erweitern konnte. Auch in diesem Fall – wie schon beim Schloss – tat sich erneut die SPD unrühmlich hervor. Abriss-Befürworter waren Bezirkspräsident Hubert Schlebusch, der Oberstadtdirektor Erich Walter Lotz und Oberbürgermeister Otto Bennemann.

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