Braunschweig. „Sprechen Sie Deutsch!“ heißt das preisgekrönte Projekt. Es ist das, was wir jetzt brauchen, soll aber kein Geld mehr bekommen.

Migration und Integration gehören derzeit zu den großen Themen in der deutschen Innenpolitik. Und alle Politiker und Experten berichten unisono: Ohne den Spracherwerb, ohne die deutsche Sprache als Schlüssel zum Verständnis und Miteinander in der Gesellschaft, werden die gewünschten Prozesse wohl kaum gelingen, wird es ganz schwer, Bildung zu gewährleisten und Konflikte abzubauen.

Bis zu 350 Migrantinnen und Migranten engagieren sich ehrenamtlich in der Stadt

Vor diesem Hintergrund begeisterte in diesem Jahr ein Modellprojekt, das in Braunschweig von der Freiwilligenagentur Jugend-Soziales-Sport im Verbund mit dem Awo-Bezirksverband ersonnen und dem schnell bundesweit Modellcharakter zugemessen wurde: „Sprechen Sie Deutsch? – Sprechen Sie Deutsch!“ Bis zu 350 Migrantinnen und Migranten engagieren sich ehrenamtlich in der Stadt und lernen dabei die deutsche Sprache. Mehr noch: Am Ende unterrichten sie selbst, bringen ihren Familien, Freunden und Kollegen die Sprache jenes Landes bei, in dem sie jetzt leben: Deutsch!

Das ist so überzeugend, dass auch die Leserinnen und Leser und die Jury des Gemeinsam-Preises unserer Zeitung „Sprechen Sie Deutsch? – Sprechen Sie Deutsch!“ in diesem Jahr auszeichneten und mit dem Sonderpreis für bürgerschaftliches Engagement bedachten. Laudatorin Katrin Schiebold, Mitglied der Chefredaktion unserer Zeitung, spricht an diesem Tag Ende Mai im Braunschweiger Dom von einem „Schmelztiegel des Verständnisses“. Ein schöner Traum von gelungener Integration, der nun jedoch ausgeträumt scheint: Zum Jahresende läuft die Bundesförderung aus. Dem Projekt droht zum 31. Dezember aus Aus.

Hintergrund: Das Projekt des Bundesinnenministeriums und des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge ist im Rahmen des „Bundesprogramms Gesellschaftlicher Zusammenhalt“ nur auf drei Jahre angelegt. Dann schließt sich der Fördertopf.

Insgesamt rund 350 Migranten und Geflüchtete sowie zwei Mitarbeiterinnen hängen derzeit in der Luft. Sie wissen nicht, wie es weitergeht. Einem wöchentlichen Sprachcafé- und Info-Treff droht die Schließung, das Engagement zu versiegen, zum Beispiel für Einsatzorte wie: Tagestreff IGLU, Braunschweiger Tafel, Mütterzentrum, Ukraine-Hilfe, Volkshochschule, DRK, Diakonie, Tierheim, Frauenhaus, Flüchtlingsheim, Haus der Kulturen, Bahnhofsmission, Lebenshilfe, Jugend- und Drogenberatung, Landesverband der Gartenfreunde, Kinderschutzbund …

In der Freiwilligenagentur und bei der Awo ist man nun auf der Suche nach Lösungen

Auf dem Tisch liegt ein im Rahmen des Projekts eigens erstelltes Wörterbuch, ein Sprach-Navigator, um zentrale Begriffe aus dem Persischen, Englischen, Arabischen, Russischen und Französischen ins Deutsche zu übersetzen. Teilnehmerinnen und Teilnehmer haben es zusammengetragen, sie verteilen Essen an Bedürftige in der Stadt, schieben Menschen mit Beeinträchtigungen für ein Stück Lebensfreude ins Eintracht-Stadion, sind für Kriegsflüchtlinge da, machen im Reparaturcafé Alltagsgegenstände wieder heile, bringen Wissen und Fertigkeiten ein, die auch hierzulande gut gebracht werden können. Deutsch ist der Schlüssel.

In der Freiwilligenagentur und bei der Awo ist man nun auf der Suche nach Lösungen. „Für die Nutzerinnen und Nutzer des Programms ist es fatal, was hier passiert, gerade angesichts der aktuellen Lage“, sagt Awo-Verbandssekretär Falk Hensel. Er ist zugleich ehrenamtlicher Vorsitzender der Freiwilligenagentur. Gerade jetzt müsse jede Anstrengung darauf gelegt werden, gerade Integrationsprojekte wie dieses erhalten zu können. Ein Ende für „Sprechen Sie Deutsch? – Sprechen Sie Deutsch!“, es wäre „eine fatale Entscheidung“, so Hensel.

Lesen Sie dazu auch den Kommentar von Henning Noske:

Sprechen Sie Deutsch!

Mitunter fragen wir uns, ob alles Geld, was da ausgegeben wird, tatsächlich auch notwendig ist. Das ist bekanntlich eine aktuelle und auch brisante Diskussion. Ein wenig kann man ja gerade den Optimismus verlieren, ob noch Mittel für den gesellschaftlichen Zusammenhalt da sind.

Öffentliche Haushalte sind ins Schwimmen geraten, auch seit im Ringen um die Schuldenbremse ein hilfloser Staat sichtbar geworden ist. Die Politik steckt im Dilemma: Sie muss Zukunft sichern und kann hierfür ebenso die „schwarze Null“ wie auch notwendige Investitionen anführen. Das ist nicht mal ein Widerspruch, denn was dem Gemeinwesen wichtig ist, das muss es sich eben auch leisten können oder entschlossen wollen und zu den Konsequenzen stehen.

Was gar nicht geht: Erwartungen zu wecken, die sich nicht erfüllen lassen. Schönen Reden keine Taten folgen zu lassen.

Wenn Menschen mit Migrationshintergrund und Geflüchtete zu uns kommen, müssen sie Deutsch lernen und lernen können, sonst funktioniert das nicht. Nicht das einzige, aber ein entscheidendes Kriterium für Integration. Davon überzeugt, fasst es einen an, wenn ein Modell-Projekt wie „Sprechen Sie Deutsch? – Sprechen Sie Deutsch!“ an deutscher Förder-Arithmetik scheitern könnte. Das ist auf gut Deutsch gesagt nicht die richtige Antwort.