Braunschweig. Am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen rütteln Aktionen in der Braunschweiger Innenstadt auf. Was sind die Ursachen?

Kalt und nass war es am Samstag in der Braunschweiger Innenstadt, trotzdem hielten immer immer wieder Menschen inne angesichts einer beklemmenden Aktion auf dem Schlossplatz: 113 Paar Schuhe und dazu Trauer- und Todesanzeigen standen symbolisch für jene Frauen, die 2021 in Deutschland vom Partner oder Ex-Partner getötet wurden. Eine Aktion am „Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen“ mit mehreren Organisationen und Einrichtungen, die für ein Problem mit hohem Leidensdruck sensibilisieren soll.

Jedes Paar Schuhe steht an diesem Tag für ein konkretes Schicksal im Jahr 2021.
Jedes Paar Schuhe steht an diesem Tag für ein konkretes Schicksal im Jahr 2021. © FMN | Henning Noske

Irgendwo in Deutschland wird alle paar Minuten eine Frau Opfer von Gewalt durch ihren Partner oder Ex-Partner. Auch in Braunschweig wurde dieser Tag wieder für Aktionen gegen Gewalt an Frauen in allen auftretenden Formen genutzt. Die Symbolfarbe Orange war am Samstag gleich an mehreren Stellen in der Stadt zu sehen.

Auf dem Schlossplatz treffen wir Astrid Sutor, Leiterin des Frauenhauses Braunschweig des Awo-Kreisverbandes Braunschweig und sprechen mit ihr im Interview:

Im Frauenhaus sind Sie täglich mit Gewalt gegen Frauen konfrontiert. Von welchen Größenordnungen der Betroffenheit sprechen wir in Braunschweig?

Tatsächlich steigen die Zahlen bei uns immens. Wir mussten bereits Frauen abweisen, weil wir keinen Platz hatten, an einem Tag waren es sogar zehn. Im vergangenen Jahr hatten wir 185 Frauen zu betreuen, fast eine Verdopplung zu den Vorjahren. Hinzu kommen die Kinder, denn viele Frauen kommen mit mehr als einem Kind zu uns. Und auch ganz aktuell haben wir so viele Anfragen wie noch nie.

Wie kommt es zu diesem starken Anstieg?

Ich denke, dass es auch noch ein Stück die Lage nach Corona ist. Während der Pandemie konnten sich die Frauen einfach keine Hilfe holen, vielleicht nicht telefonieren, weil der Partner zuhause war. Hinzu kommt auch, dass viele Sorgen in den Familien größer werden, finanzielle Sorgen, belastende Situationen, ja, auch die ganze Weltsituation, die bedrückt. Und was nicht zu vergessen ist: Das Thema wird offensiv kommuniziert, es ist in den Medien, und es wissen jetzt immer mehr Frauen, wo sie sich Hilfe holen können. Das ist sehr wichtig!

Das ist ein Indiz für hohe Dunkelziffern, da ist noch viel unter der Decke?

Das ist tatsächlich so, und deshalb machen wir diese Öffentlichkeitsarbeit, natürlich auch am Internationalen Tag gegen Gewalt an Frauen, damit eben die betroffenen Frauen wissen, dass sie die Chance haben, sich Hilfe zu holen. Sie müssen nicht in der Gewaltbeziehung bleiben.

Wenn wir von Gewalt gegen Frauen sprechen, in welchen Formen kann sie sich äußern?

Viele denken ja, das ist „nur“ das blaue Auge. Das ist es aber nicht nur, das ist das Sichtbare, es ist auch die psychische Gewalt, die fast immer damit einhergeht. Frauen werden auch finanziell kleingehalten, haben oft keinen eigenen Zugriff auf Geld. Oft ist es sexuelle Gewalt, Vergewaltigung. Hinzu kommt digitale Gewalt. Ein Beispiel: Männer bauen ihren Frauen Tracker ins Handy ein, können dann verfolgen, wo sie sich gerade befinden. Neulich hatten wir einen Fall, da war im Kuschelkissen eines Kindes solch ein Tracker versteckt. Es kommt zu Stalking, Fotos werden ins Internet gestellt – und mehr. Es ist ein Riesenspektrum an Gewalt, das sich da offenbart.

80 Prozent der Opfer in einer Partnerschaft sind Frauen. Das heißt, es ist strukturelle Gewalt, unter der Frauen leiden. Woher kommt das?

Oft sind es noch alte patriarchale Strukturen. Auch gibt es immer noch typische Geschlechterrollen, der Mann geht arbeiten, die Frau bleibt zuhause. Hat er Stress und Frust im Job, schafft er es oft, sich am Arbeitsplatz zusammenzureißen. Und zuhause kann es dann an einer Kleinigkeit explodieren. Und davon gibt es im Alltag viele, Hausaufgaben, Essen, ein falsches Wort, was auch immer.

Sie kennen die Fälle und Beispiele aus Ihrer täglichen Praxis. Es ist ein Schutzraum. Wie kommt frau zu Ihnen ins Frauenhaus?

Die Frauen rufen entweder bei uns an und fragen, ob wir einen Platz für sie haben. Oder es gibt einen akuten Polizeieinsatz, dann melden sich die Beamten bei uns. Es kann auch sein, dass im Kindergarten der Erzieherin etwas aufgefallen ist, dass ein Problem vorliegt. Auch Einrichtungen oder das Jugendamt melden sich bei uns. Allgemein: Man muss immer bei uns anrufen unter (05 31) 2 80 12 34, anders geht es nicht, weil unsere Adresse aus verständlichen Gründen nicht bekannt ist.

Und wenn frau sich nicht traut?

Dann kann sie sich zunächst zum Beispiel an die Frauenberatungsstelle wenden. Oder sie spricht zunächst mit einer Vertrauensperson, vielleicht einer Freundin. Oder mit der Mutter. Und ja, sie kann auch bei bei uns anrufen und zunächst um Informationen bitten. Dann können wir ins Gespräch kommen.

Vieles lockert und entspannt sich doch gerade auch in den Geschlechterbeziehungen. Verglichen mit früheren Jahrzehnten hat es bei Aufmerksamkeit und Bewusstsein gegen Diskriminierung große Fortschritte gegeben. Trotzdem müssen Sie aktuell von einem immensen Anstieg der Gewalt gegen Frauen berichten. Wie lässt sich diese Diskrepanz erklären?

Es ist nicht einfach zu bestimmen, woran das liegt. Ich persönlich denke mir: Es tut sich einfach gerade sehr viel in der Gesellschaft, und man muss schauen, wohin sich das entwickelt. Ja, es gibt viele Partnerschaften, da lockern und entspannen sich Geschlechterrollen, wie Sie sagen, aber viele bleiben auch in ihrer alten Strukturen verhaftet.

Überfordert der Wandel manche Männer auch, fühlen sie sich vielleicht bedrängt im Sinne von: Meine Macht schwindet hier, in der Gesellschaft, in der Beziehung?

Gut möglich. Auch hier gibt es etliche Faktoren, Unzufriedenheit mit geringerer Bezahlung im Beruf als Mann, wenn die Frau besser verdient, Ärger, wenn sie oft beruflich unterwegs ist. Unterschiedliche Bildungsniveaus können sich zum Problem auswachsen. Alkohol, Suchtprobleme ...

Welche Rolle spielt ein Migrationshintergrund?

Auch das spielt eine Rolle, mir ist aber wichtig zu sagen: Gewalt gegen Frauen kommt in allen Kulturen, in allen Schichten vor. In manchen ist der patriarchalische Hintergrund noch ausgeprägt, und klar, das spielt, wie bereits gesagt, eine Rolle. In unserer Gesellschaft kommt hinzu, dass Frauen oft zum ersten Mal in ihrem Leben mit der Idee in Berührung kommen: Ich muss mir nicht alles gefallen lassen.

Auch hier wäre ein hohes Dunkelfeld zu vermuten, Fälle, die nicht bekannt werden?

Das gibt es ohnehin. Wir wissen vieles nicht, manches kommt bei uns an, doch es gibt wohl viele Fälle von Gewalt an Frauen in allen Zusammenhängen, die nicht bekannt werden.

Wie lange bleiben die Frauen im Frauenhaus?

Zwischen drei bis sechs Monaten. Mit mehreren Kindern und falls keine Wohnung für sie gefunden wird, kann es auch bis zu einem Jahr sein. Wir unterstützen die Frauen bei allem, was nötig ist, um eine neue Lebensperspektive zu gewinnen.

Was ist für Sie das Wichtigste an diesem Tag?

Wir haben heute sehr viele Menschen getroffen, denen wir das Thema nahebringen konnten. Wieder ist es noch mehr öffentlich geworden. Und wieder wissen noch mehr Menschen Bescheid. Das ist das Wichtigste.

Service: Hier bekommen Sie Hilfe:

Frauenberatungsstelle

Tel. (05 31) 3 24 04 90

Frauenhaus

Tel. (05 31) 2 80 12 34

Mütterzentrum

(05 31) 89 54 50

Sichtbar – Fachzentrum gegen sexualisierte Gewalt

Tel. (05 31) 2 33 66 66

Solwodi

Tel. (05 31) 4 73 81 12

Asuna

Tel. (05 31) 70 20 16 32

Netzwerk Pro Beweis

Tel. (05 11) 5 32 45 99

Täterberatungsstelle Häusliche Gewalt

Tel. (0 53 31) 99 63 18