Forschung

Hubschrauber über Braunschweig – Nach fünf Tagen ist Schluss

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Auch an diesem Freitag fliegt der DLR-Hubschrauber wieder über Braunschweig.

Auch an diesem Freitag fliegt der DLR-Hubschrauber wieder über Braunschweig.

Foto: Anna Richter

Braunschweig.  Viele Menschen rätselten: Wie lange fliegt er noch? Der Hubschrauber war im Dienst der Forschung im Einsatz. Das DLR erläutert, worum es geht.

Eine Woche lang war der Hubschrauber des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt über Braunschweig im Einsatz, verharrte oft an einer Stelle. Etliche Menschen hatten sich in der Redaktion gemeldet: „Der seit Tagen andauernde Lärm stresst mich und nervt. Dass eine derartige tagelange Ruhestörung erlaubt ist, finde ich nicht angemessen“, schreibt eine Leserin.

Jetzt müsste damit Schluss sein: Laut dem DLR sollten die Flüge nur bis Freitag, 30. September, stattfinden.

Irritation hatte es vor allem deshalb gegeben, weil die Flüge nicht angekündigt waren. Normalerweise informiert das DLR frühzeitig, wenn besondere Forschungsflüge geplant sind – doch dieses Mal gab es keine entsprechende Ankündigung. DLR-Sprecherin Jasmin Begli sagte dazu: „In diesem Fall war uns dies im Vorfeld leider nicht rechtzeitig möglich. Das nächste Mal informieren wir wieder rechtzeitig.“

DLR: Messflüge über Braunschweig rund um das automatisierte Fahren

Die Messflüge über Braunschweig sowie den umliegenden Landstraßen und Autobahnen sind laut dem DLR Teil des Verkehrsforschungsprojektes KoKoVI (Koordinierter kooperativer Verkehr mit verteilter, lernender Intelligenz). Der Hubschrauber begleitet dabei, bestückt mit einem 4k-Kamerasystem, Forschungsfahrzeuge auf festgelegten Teststrecken. In Flughöhen um 700 Meter nimmt er Luftbilder der Fahrzeuge auf.

Neben der Kritik am Lärm hatten einige Menschen auch die Sorge geäußert, gefilmt oder fotografiert zu werden? Jasmin Begli ging darauf auf Anfrage nicht näher ein, sondern betonte: „Das DLR handelt datenschutzkonform.“ Und sie erläuterte die Zielsetzung des Projekts: „Um die zukünftigen Mobilitätsbedürfnisse der Gesellschaft zu erfüllen und gleichzeitig den Straßenverkehr sicherer, effizienter und umweltfreundlicher zu gestalten, arbeitet das DLR an Technologien zur Vernetzung der Verkehrsteilnehmenden. Das Projekt KoKoVI betrachtet den Verkehr als vernetztes System, in welchem Fahrzeuge, Radfahrende, Fußgänger und die Verkehrsinfrastruktur Daten austauschen und miteinander kooperieren.“

Automatisierte Fahrzeuge müssen ihre eigene Position exakt bestimmen

Im Rahmen der Messkampagne wurden ihr zufolge Daten aller beteiligten Verkehrsteilnehmer gesammelt, um deren Perspektiven zu verknüpfen. „Eine Herausforderung für automatisierte Fahrzeuge stellt die genaue und robuste Bestimmung der eigenen Position und des Umfelds dar: Hierzu werden häufig Satellitennavigationssysteme, Kameras und Lidar-Sensoren verwendet. Besonders in dicht bebauten Gebieten mit zahlreichen Verkehrsteilnehmenden und komplexen Situationen kommt es zu Ungenauigkeiten bis hin zu Ausfällen der genutzten Systeme.“

Um einerseits das Einsatzspektrum der existierenden Verfahren zu untersuchen und andererseits neue Methoden zu entwickeln, habe man die Messkampagne durchgeführt: Zwei mit Sensoren ausgestattete Fahrzeuge des Instituts für Verkehrssystemtechnik nahmen Messungen aus der Perspektive des Autoverkehrs vor. Diese wurden ergänzt um Daten der stationären Messanlagen des „Testfelds Niedersachsen für automatisierte und vernetzte Mobilität“ entlang der Autobahn A39 und Sensorik der AIM-Forschungskreuzung am Rebenring/Hans-Sommer-Straße in Braunschweig.

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Ziel: Null Verkehrstote im Straßenverkehr

Zusätzlich war auf einem der Fahrzeuge das Positionierungssystem IPS des Instituts für Optische Sensorsysteme installiert, erläutert Begli. Es ermöglicht die Lokalisierung des Fahrzeugs ohne weitere Referenzdaten. „Darüber hinaus beteiligt sich das Institut für Kommunikation und Navigation mit dem Guardian-Angel-System, um besonders gefährdete Verkehrsteilnehmende zu schützen und zur Erreichung der Vision von Null Verkehrstoten im Straßenverkehr beizutragen.“

Ergänzend nutze man handelsübliche Smartphones, um die eigene Position von Radfahrenden zu bestimmen und mit Daten der Infrastruktur zu kombinieren. „Das Institut für Methodik der Fernerkundung erzeugte mit dem auf einem Hubschrauber installierten 4k-Kamerasystem einen Referenzdatensatz, in welchem Luftbilder die Kampagnenteilnehmenden in den vielfältigen Verkehrssituationen zeigen“, so Begli.

Die gewonnenen Daten werden ihr zufolge durch die beteiligten Institute ausgewertet und für die Entwicklung neuer Methoden zur Positions- und Umfeldbestimmung genutzt. „Ziel ist die Ausweitung des Erfassungshorizonts durch eine Vernetzung, sodass durch vorausschauendes Verhalten die Effizienz im Verkehrsablauf gesteigert und die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmenden erhöht wird.“

Kritik am Einsatz des Hubschrauber: lange, laut und tief

Am Dienstag hatte sich ein Leser per Mail mit diesem Statement in der Redaktion beschwert: „Unfassbar, dass es erlaubt und nicht bekannt ist, dass ein Hubschrauber mit Kamera ausgestattet derart tief, lange und laut z.B. den Bereich über dem Haus, in dem ich wohne, fliegt. Weniger neugierig und eher sehr genervt, da ich in einer Zoomsitzung war, die der Ruhe bedarf und die ich aufgrund der Dauer dieses Lärms abbrechen musste.“

Und weiter schreibt der Leser: „Gewiss gibt es aufgrund der weltlichen Lage genug Grund, Geschehnisse dieser Art zu erläutern und im Vorfeld auch mitzuteilen. Sicher sind viele Menschen entweder im Homeoffice oder sonstwo auf der Arbeit, die sich gestört fühlen und vor allem auch gar nicht wohl fühlen mit solch einer untypischen Aktion. Da ich auf dem Balkon gestanden habe, kann es ja nun auch sein, dass ich aus dieser Nähe einfach mal gefilmt oder fotografiert worden bin.“

Sein Fazit: „Lärmbelästigung und vermutlich eher ein Akt für die zukünftige totale Kontrolle des Volkes und der Menschen.“

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