Straßenbahn-Irrfahrt

Straßenbahn-Klau in Braunschweig: Die BSVG prüft Sicherheit

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Leergewicht fast 30 Tonnen, Länge 27,3 Meter – mit so einer Bahn aus dem Jahr 1995 sollen die Beschuldigten durch die Stadt gefahren sein.

Leergewicht fast 30 Tonnen, Länge 27,3 Meter – mit so einer Bahn aus dem Jahr 1995 sollen die Beschuldigten durch die Stadt gefahren sein.

Foto: STACHURA / JS

Braunschweig.  Wegen der Irrfahrt war der Hagenmarkt für zwei Stunden gesperrt. Die zwei Beschuldigten sind wieder auf freiem Fuß.

Wie kann es sein, dass zwei 23-Jährige in das BSVG-Straßenbahndepot eindringen und mit einer Straßenbahn auf Irrfahrt durch Braunschweig gehen? Die Ermittlungen dauern an. Doch es gibt mittlerweile Details.

Wann genau die Beschuldigten auf ihre Irrfahrt gingen, ist noch nicht klar. Die Strecke vom Hauptgüterbahnhof in die Weststadt und zurück bis zum Hagenmarkt ist weit. Allein von der Weststadt bis zum Hagenmarkt sind Straßenbahnen normalerweise 20 Minuten unterwegs. Dort endete Donnerstag gegen 3.30 Uhr die Irrfahrt.

Zu dieser Zeit sind normalerweise noch keine Straßenbahnen unterwegs. Der Fahrer einer Wartungsstraßenbahn sorgte dafür, dass eine Fahndung der Polizei nach den Flüchtigen ausgelöst wurde. Polizeisprecher Dirk Oppermann: „Kollegen griffen die beiden Beschuldigten wenig später auf der Fasanenstraße auf und brachten sie zum Kriminaldauerdienst in der Friedrich-Voigtländer-Straße.“

Die Beschuldigten wurden vernommen und „erkennungsdienstlich behandelt. Es wurden also Fotos gemacht und Fingerabdrücke genommen. Die jungen Männer wurden anschließend entlassen.“ Ob sie sich in der Vergangenheit anderes haben zuschulden kommen lassen, sei noch nicht ermittelt worden. Gleichwohl werde ihnen nun vorgeworfen: Fahren ohne Fahrerlaubnis, Störung öffentlicher Betriebe, gefährlicher Eingriff in den Bahnverkehr, Hausfriedensbruch.

Einbruch bei der BSVG werde ihnen nicht vorgeworfen, so Oppermann: „Dazu hätten Hindernisse oder besondere Sicherungen überwunden werden müssen. Das war hier nicht der Fall.“ Anders als beim ehemalige Tramdepot an der Georg-Westermann-Allee, es wurde im Jahr 2009 geschlossen, stehen auch keine Straßenbahn-Schranken an der Grundstücksgrenze des neuen Depots am Hauptgüterbahnhof.

BSVG beginnt mit der Aufarbeitung

Die BSVG kündigte auf Nachfrage eine „Aufarbeitung“ an. „Sicherheitsvorkehrungen werden überprüft und sind bereits erhöht worden“, so ein Sprecher, ohne ins Detail zu gehen.

Wie es gelang, die Straßenbahn überhaupt in Betrieb zu nehmen, ist auch noch nicht geklärt. Braunschweiger Verkehrsfreunde verweisen auf Internet-Videos und frei verfügbare Simulationsprogramme zum Bedienen einer Straßenbahn. Der Unterschied zwischen Theorie und Praxis: Die Straßenbahn aus dem Jahr 1995, mit der die Beschuldigten unterwegs waren, hat ein Leergewicht von 29,9 Tonnen und eine Länge von 27,3 Metern.

Bei der BSVG ist Bedingung, um überhaupt für das Fahren infrage zu kommen: Mindestalter 21 Jahre, Führerschein der Klasse B. In aller Regel erfolgt jedoch die Qualifizierung von erfahrenen Busfahrern zu Straßenbahnfahrern. Im Anschluss an theoretischen und praktischen Unterricht erfolgt eine Prüfung. Erlernt werden muss zum Beispiel die Trassen-Beschilderung. Am Friedrich-Wilhelm-Platz etwa darf aus Sicherheitsgründen nur mit Tempo 5 gefahren werden.

Ungeklärt ist auch noch, warum Donnerstagfrüh an der Haltestelle Rathaus gegen 3.30 Uhr Fahrgäste zustiegen. Die Polizei spricht von zwei Personen, die das kurze Stück bis zum Hagenmarkt mitfuhren. Wartende waren es nicht. Die BSVG nimmt gegen 4 Uhr ihren Betrieb auf. Die erste Straßenbahn Richtung Hagenmarkt hält am Rathaus erst um 4.14 Uhr. Rund 45 Minuten nach dem Stopp der Irrfahrt-Straßenbahn an der Haltestelle.

Busse mussten in der Innenstadt Straßenbahnen ersetzen

Die Irrfahrt sorgte für Behinderungen in der Innenstadt: Fahrgäste berichten, dass der Hagenmarkt bis gegen 5.30 Uhr für den Straßenbahnverkehr gesperrt war und stattdessen Busse fuhren.

Braunschweiger Verkehrsfreunde verweisen darauf, dass es einen vergleichbaren Fall in der mittlerweile 125-jährigen Geschichte der Straßenbahn in Braunschweig nicht gegeben habe. Es gebe allerdings eine filmische Vorlage mit Braunschweig-Bezug. Der Braunschweiger Schauspieler Gustav Knuth (1901-1987), nach ihm ist im Westlichen Ringgebiet eine Straße benannt, habe das bereits 1966 im Film „Großer Ring mit Außenschleife“ vorgegeben. Knuth spielt in der Hauptrolle einen Straßenbahnfahrer aus Leidenschaft, der aus Protest gegen seine Degradierung eine Straßenbahn entführt. Allerdings in Berlin und nicht in Braunschweig.

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