„Letzte Generation“

Braunschweiger retten Essen aus Supermarkt und verschenken es

| Lesedauer: 4 Minuten
Am Bohlweg verschenkte die Klimaschutz-Gruppe „Extinction Rebellion“ gerettete Lebensmittel. Diese Braunschweigerinnen fanden die Aktion sehr gut.

Am Bohlweg verschenkte die Klimaschutz-Gruppe „Extinction Rebellion“ gerettete Lebensmittel. Diese Braunschweigerinnen fanden die Aktion sehr gut.

Foto: Peter Sierigk

Braunschweig.  Die Gruppe „Extinction Rebellion“ beteiligt sich an der Kampagne der „Letzten Generation“ und macht auf Lebensmittel-Verschwendung aufmerksam.

Ein bisschen schrumpelig sehen die Gurken aus. Die Bananen haben ein paar „Sommersprossen“. Die Paprika sind auch nicht mehr die straffsten, und der Rosenkohl schwächelt ein wenig. Wen stört’s? Alles noch genießbar! Nichts verdorben, nichts schimmelig, nichts eklig.

Gemüse und Obst, das roh oder flott zubereitet noch wunderbar schmeckt und gut sättigt. Gemüse und Obst, das aus der Biomülltonne eines großen Braunschweiger Supermarktes stammt, wie Pascal Rietz berichtete. Aussortiert, weggeworfen – und gerettet.

Zusammen mit einigen Mitstreiterinnen und Mitstreitern der Klimaschutz-Gruppe „Extinction Rebellion“ stand Rietz am Samstag am Bohlweg und verschenkte Lebensmittel. Aber nicht nur das: Sie informierten vor allem darüber, wie viel Essen Tag für Tag weggeworfen wird, obwohl es nicht schlecht ist.

Jeder Bundesbürger wirft im Jahr statistisch gesehen 82 Kilogramm Lebensmittel weg

Laut dem Umweltbundesamt wird in deutschen Haushalten jedes achte Lebensmittel entsorgt. In den Mülltonnen der Privathaushalte landen demnach fast 7 Millionen Tonnen. Pro Person entspreche das zwei vollgepackten Einkaufswagen: etwa 82 Kilogramm.

Aktionstag auf dem Hagenmarkt- „Braunschweig rettet Lebensmittel“

Im Außer-Haus-Verzehr und in der Industrie entstünden außerdem jeweils fast 2 Millionen Tonnen Lebensmittelabfälle, im Handel 550.000 Tonnen. Verluste in der Landwirtschaft sind dabei noch nicht berücksichtigt. Mehr als ein Drittel des angebauten Obstes und Gemüses wird aussortiert, weil es nicht der Norm hinsichtlich Größe und Form entspricht.

Extinction Rebellion: Warum ist „Containern“ noch strafbar?

Die Aktion in der Innenstadt zielte vor allem auf die Supermärkte. „Es ist krass, 2022 mitten in der Klimakrise immer noch Lebensmittel wegzuschmeißen“, empört sich Pascal Rietz. Energie, Wasser und andere Rohstoffe würden verschwendet, während gleichzeitig weltweit Millionen von Menschen hungern.

Rietz hat kein Verständnis dafür, dass das sogenannte „Containern“, also das Holen von genießbaren Lebensmitteln zum Eigenverbrauch aus dem verschlossenen Abfallcontainer eines Supermarkts, strafbar ist. Rechtlich gesehen handelt es sich um Diebstahl, und wenn Zäune überwunden werden auch um Hausfriedensbruch.

Ziel ist ein Essen-Retten-Gesetz nach dem Vorbild Frankreichs

Die Gruppe verschenkte nicht zum ersten Mal gerettetes Essen. Ihre Ziel: Große Supermärkte sollen verpflichtet werden, noch genießbares Essen zu spenden. „Damit das passiert, muss die Bundesregierung ein Essen-Retten-Gesetz nach dem Vorbild Frankreichs einbringen“, erläutert Rietz.

Die Braunschweiger Extinction-Rebellion-Gruppe solidarisiert sich hierbei mit dem „Aufstand der letzten Generation“. Diese Klimaschutz-Initiative machte in den vergangenen Wochen bundesweit auf sich aufmerksam, vor allem durch Blockaden auf Autobahnen und Störungen an Häfen und Flughäfen. Die Aktivisten wollten auf diese Weise ein Essen-Retten-Gesetz und deutliche Veränderungen in der Landwirtschaft auf den Weg bringen – bislang vergebens.

„Ohne die Autobahnblockaden hätten wir nie diese Aufmerksamkeit bekommen!“

Am Stand in der Innenstadt gehen die Kartoffeln und Mandarinen, Auberginen und Pastinaken ganz gut weg. Viele Passanten sind überrascht. Sie freuen sich, etwas Leckeres geschenkt zu bekommen. Einige fachsimpeln mit den Aktivistinnen und Aktivisten.

Pascal Rietz unterhält sich mit einem jungen Paar. Die beiden begrüßen die Verschenk-Aktion, finden aber beispielsweise Blockaden unangemessen. Rietz verteidigt dieses Vorgehen: „Ohne die Autobahnblockaden hätten wir nie diese Aufmerksamkeit bekommen!“

Inzwischen hat die „Letzte Generation“ ihre Blockadeaktionen eingestellt. Demnächst soll der zivile Widerstand angesichts des Ukrainekriegs mit veränderter Stoßrichtung weitergehen. Das Motto: „Stoppt den fossilen Wahnsinn!“ Deutschland soll jegliche Finanzierung von Öl, Kohle und Gas sowie entsprechender Infrastruktur sofort einstellen, so die Forderung.

Termine: Extinction Rebellion lädt zu zwei Vorträgen ein, die sich mit den weiteren Aktionen der „Letzten Generation“ befassen – am Dienstag, 8. März, um 19 Uhr in der Brunsviga, Karlstraße 35, und am Mittwoch, 23. März, um 19 Uhr im Kinder- und Jugendzentrum Neustadtmühle.

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