Braunschweiger Liebe: Verlobung im Panoramabus am Rhein

Braunschweig.  Marlis und Paul-Dieter Richwien haben vor 60 Jahren geheiratet. Bei Hertie lernten sie sich 1959 in der Wäscheabteilung kennen.

Foto: Karsten Mentasti

Das Wetter war am 13. Januar 1961 ganz ähnlich wie heute, ungemütlich kühl, aber ohne Schneedecke. Für Marlis, geborene Nachsel, und Paul-Dieter Richwien standen an jenem Freitag zwei ganz wichtige Termine an: Die standesamtliche Hochzeit im Braunschweiger Rathaus – und danach die kirchliche Trauung in St. Johannis an der Leonhardstraße. Heute feiert das Ehepaar Richwien in seiner Wohnung im östlichen Ringgebiet diamantene Hochzeit.

„Ich hätte eigentlich gern in Weiß geheiratet“, erinnert sich Marlis Richwien an damalige aufregende Wochen und Monate. Sie war schwanger und hatte mit ihrem Verlobten einen Hochzeitstermin für Dezember 1960 auserkoren. Doch die Braut war mit 19 Jahren noch nicht volljährig, benötigte eine vormundschaftliche Erlaubnis. Die ließ auf sich warten. „Erst als meine Mutter Druck gemacht hat, wurde der Vorgang beschleunigt“, erzählt sie. Aber geheiratet werden konnte dann erst Mitte Januar.

Dunkles Kostüm anstelle eines weißen Kleides

„Da war ich im fünften Monat und hatte schon einen ganz schönen Bauch, damit hätte ich mir in einem weißen Hochzeitskleid nicht mehr gefallen“, berichtet sie – und entschied sich damals für ein dunkles Kostüm. Dabei hatte sie den Stoff für ein Brautkleid vorher schon ausgesucht – als Mitarbeiterin bei Hertie saß sie an der Quelle. Bei der Arbeit in dem Warenhaus, wo heute das Konrad-Koch-Quartier steht, hatten sich Malis und Paul-Dieter im Frühjahr 1959 auch kennengelernt. Sie war Lehrling, er hatte Verkäufer bei Karstadt gelernt und war in dem Jahr für rund sechs Monate ebenfalls bei Hertie in der Wäscheabteilung tätig.

Ende des Jahres wechselte Paul-Dieter Richwien zum Traditionsunternehmen Textilgroßhandel Pfeiffer & Schmidt, das seinen 1952 bezogenen Hauptsitz an der Gördelingerstraße/Ecke Neue Straße hatte. Heute ist unter anderem der Outdoor-Ausstatter SFU dort beheimatet. Die Schaufenster des vom Architekten Friedrich Wilhelm Kraemer entworfenen Verwaltungsgebäudes nutzte damals das benachbarte Einrichtungshaus Honigbaum. „Bei Pfeiffer & Schmidt hatte ich in der Warenlogistik bessere Arbeitszeiten, ich hätte sonst wegen unterschiedlicher Schichten bei Hertie meine Verlobte kaum gesehen“, erklärt er.

Im Hotel mussten sie flunkern

Das Eheversprechen hatten sich die beiden recht schnell gegeben – „während eines Kurzurlaubs habe ich sie gefragt“, sagt der Ehemann. „In einem Panoramabus 1959 an den Rhein, das war damals für uns eine tolle Reise“, schwelgt Marlis Richwien. Im Hotel hatten die beiden flunkern müssen, bereits verheiratet zu sein, sonst hätten sie kein Doppelzimmer bekommen.

Nach der Hochzeit wohnten die beiden zusammen mit Marlis’ Mutter in einer kleinen Wohnung. Vier Monate nach der Heirat kam Tochter Iris zur Welt. „Zwei Jahre bin ich gelaufen, um eine Wohnung für meine kleine Familie zu finden“, sagt Paul-Dieter Richwien. Dann ergab sich etwas in der Kastanienallee. 1968 kam Sohn Jens zur Welt. Im Laufe der Jahrzehnte erweiterte sich die Nachkommenschaft um vier Enkel, die mittlerweile alle erwachsen sind.

Neue Wohnung, neuer Arbeitgeber

Über eine Wohnung in der Göttingstraße zogen die Eltern mit Iris und Jens schließlich am 1. Februar 1972 in die Karl-Marx-Straße in die ehemalige Wohnung seiner Eltern, dort wohnen sie noch heute. „Am Tag des Umzugs habe ich auch meinen Arbeitsplatz gewechselt“, erzählt der Familienvater. Pfeiffer & Schmidt meldete Insolvenz an. „Ich habe dann bei Wolters als Expedient angefangen, also die Warenauslieferung organisiert.“ Später war er bis 2000 Logistikleiter, betreute viele Jahre nebenbei auch die Wolters-Flutlichtpokalspiele in Braunschweig und Wolfenbüttel. „Ich habe sowohl bei Pfeiffer & Schmidt als auch bei Wolters ausgesprochen gern gearbeitet, wir waren dort jeweils wie eine große Familie.“

Sie arbeitete, als der Sohn älter war, bei einigen kleineren Textilgeschäften und bis zur Rente dann noch zwölf Jahre bei Horten.

Das 79 und 81 Jahre alte Ehepaar ist noch gut zu Fuß und auch gern mit dem Rad unterwegs – unter anderem von Frühjahr bis Herbst täglich zum Kleingarten im Verein Mutterkamp an der Mittelriede, wo er 23 Jahre auch Vorsitzender war. „Das ist unser zweites Zuhause, das haben wir uns schön eingerichtet“, betonen die beiden Ur-Braunschweiger, „wir lieben die Natur – und vor allem früher die Gesellschaft mit den Gartennachbarn, es wurde viel gemeinsam veranstaltet.“

Urlaube verbrachte die junge Familie zunächst oft an der dänischen Nordseeküste, später in Kärnten, dann führten viele Europareisen in Städte von St. Petersburg bis Rom. Mittlerweile bevorzugen die Richwiens Nordseeinseln, am liebsten Langeoog und auch mal Fehmarn – „die Räder nehmen wir überall mit hin.“

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