Corona hält sich an keinen Dienstplan

Braunschweig.  Aus dem Braunschweiger Klinikum berichtet Stationsleiter Carsten Conrad über die Pflege im Ausnahmezustand.

Die Pflegefachkräfte Ifrah Karlowski und Marzena Wuwer.in der Corona-Station des Braunschweiger Klinikums.

Die Pflegefachkräfte Ifrah Karlowski und Marzena Wuwer.in der Corona-Station des Braunschweiger Klinikums.

Foto: Klinikum Braunschweig/Leon Vincent Friedrich 

Nach fünf Tagen Arbeit auf der Covid-19-Station, sagt Carsten Conrad, reiche ein Wochenende zur Erholung kaum aus. Conrad ist Stationsleiter in der Gastroenterologie des Braunschweiger Klinikums. Eine seiner Stationen wurde zur Corona-Station umfunktioniert. 24 Betten gibt es. 19 waren am Donnerstag von Corona-Patienten belegt, die nicht intensivmedizinisch betreut werden müssen. „In den letzten Tagen und Wochen hatten wir einen stetigen Anstieg“, berichtet Conrad.

Zwar kann das Klinikum die Zahl der Intensivbetten für Corona-Fälle auf 100 bis 140 aufstocken, das Gros der Patienten aber wird hier auf der Normalstation behandelt. Zum Vergleich: Vier Patienten lagen am Donnerstag auf der Intensivstation, drei von ihnen mussten künstlich beatmet werden.

Isolation in den Zimmern

Seit Ausbruch der Pandemie im Frühjahr hat die Arbeit auf der Station mit dem gewohnten Pflegealltag nur noch wenig gemein. Die Patienten sind in ihren Zimmern streng isoliert. Pflege heißt jetzt: Bevor die Pflegekraft ein Zimmer betritt, legt sie einen Vollschutz mit Kittel, Maske, Visier und Handschuhen an. Bevor sie das Zimmer verlässt, zieht sie alles wieder aus.

Verzicht auf Patiententransporte

Nicht nur das kostet Zeit. Um Covid-19-Patienten zu den täglichen Untersuchungen nicht durchs Haus transportieren zu müssen, übernehmen die Pflegekräfte in Eigenregie die ohnehin erhöhte Überwachung der Vitalzeichen etwa mittels EKG und Blutgas-Analyse. Und zwar in den Patientenzimmern. Das wiederum bedeutet: Das EKG-Gerät muss vor jedem Zimmerwechsel vollständig desinfiziert werden. Das dauere jedes Mal rund 15 Minuten, so Conrad.

Arbeit im Doppelpack

Soll mittels Blutgas-Analyse festgestellt werden, ob der Patient ausreichend mit Sauerstoff versorgt ist, ist der Hygiene-Aufwand nicht geringer. Während eine Pflegekraft dem Patienten in dessen Zimmer Blut entnimmt, steht eine zweite Kraft mit dem Analyse-Gerät auf dem Flur bereit, um das Röhrchen mit dem Blut schnell in Empfang nehmen zu können. Auch diese Arbeit im Doppelpack dient der strikten Trennung der infektiösen und nicht-infektiösen Bereiche auf der Covid-19-Normalstation.

Keine Infektionen unter Mitarbeitern

Das Hygienekonzept geht auf. Antikörper-Tests bei allen Beschäftigten auf der Covid-19-Station hätten gezeigt, dass es unter ihnen keine Infektionen gegeben habe. Darauf ist Carsten Conrad ein bisschen stolz. „Sie können sich nicht vorstellen, was hier geputzt wird. Wir desinfizieren rund um die Uhr.“ Die Krankenhaus-Hygieniker schulten und begleiteten die Mitarbeiter. Das reiche von der Schutzausrüstung bis hin zur Gestaltung der Pausenräume. „Wir haben zeitlich versetzte Pausen-Korridore eingerichtet.“ Die Plätze an den Tischen seien durch Plexiglas-Wände getrennt.

Stationsleiter: „Extreme Arbeitsbelastung“

Es herrscht Ausnahmezustand. Eine so extreme Arbeitsbelastung, räumt der Stationsleiter ein, habe er in seiner beruflichen Laufbahn bisher noch nicht erlebt. „Ja, die Mitarbeiter leisten hier jeden Tag Überstunden.“ Auch wenn der Pflegeschlüssel - eine Pflegefachkraft versorgt sechs Patienten - verdoppelt worden sei. „Manche Aufgaben können nicht einfach an die Kollegen der nächsten Schicht übergeben, sondern müssen beendet werden.“

Hinzu komme: Die Dienstpläne stünden seit zwei Monaten fest. Die Pandemie aber hält sich an keinen Dienstplan. Immer wieder ist Conrad deshalb angesichts der zweiten Corona-Welle auf Verstärkung aus anderen Stationen angewiesen. „Alle anderen unterstützen uns.“ Als Beispiel nennt er einen gelernten Krankenpfleger, der in der Krankenhaus-Verwaltung tätig ist. „Trotzdem hat er sich bereit erklärt, uns zu helfen. Das finde ich großartig.“ Es gebe einen großen Rückhalt im Team.

Problem Fachkräftemangel

Im Hintergrund lauert jedoch auch das Problem des Fachkräftemangels. Darauf weist Klinikum-Sprecherin Thu Trang Tran hin. „Wenn wir Personal auf der Covid-Station zusammenziehen, fehlt es auf anderen Stationen.“

Covid 19 sei keine normale Erkrankung, sagt Conrad. Sie bringe nicht nur in Fragen der Hygiene zusätzliche Belastungen mit sich. Conrad erlebt ebenso Angehörige, deren Nerven blank liegen. Er kennt die besorgten Anrufe, die Anspannung, auch Vorwürfe. „Wir helfen mit, dass die Kontakte nicht abbrechen.“ Telefonate werden ermöglicht, Angehörige auf dem Laufenden gehalten.

Patienten mit Demenz

Viele Corona-Patienten auf der Station seien betagt, manche dement. Was, wenn sie die Isolationsmaßnahmen nicht mehr verstehen können und plötzlich im Flur stehen? „Dann müssen wir immer wieder hin und sie in ihr Zimmer zurückführen.“ Und immer wieder müsse alles desinfiziert werden, womit diese Patienten in Berührung gekommen seien.

Zwischenmenschlich wird es schwieriger. Auf der Covid-19-Normalstation sind alle Patienten bei Bewusstsein. Denn künstliche Beatmung ist Aufgabe der Intensivmediziner. Diese wachen Patienten also sehen nur noch die Augen der Pflegefachkraft in Vollschutz. Das macht Pflege anonymer. „Zum Ausgleich versuchen wir, mehr mit ihnen zu sprechen und Fragen ausführlich zu beantworten“, so Conrad.

Statt klingeln: Anrufe im Dienstzimmer

Doch können die Pflegekräfte nicht mal eben schnell ins Zimmer huschen, wenn der Patient klingelt. „Wir treffen Absprachen, dass wir stattdessen jederzeit im Dienstzimmer angerufen werden können“, erklärt Conrad das Vorgehen. „Ich meine, dass unter den Patienten trotz allem eine große Disziplin herrscht. Die meisten sind sich der Gefahren bewusst.“

Der Stationsleiter rechnet nicht damit, dass die aktuell steigende Kurve schnell abflaut. „Ich gehe davon aus, dass die Zahlen auf unserer Station in den nächsten zehn Tagen so bleiben oder weiterhin ansteigen werden“, verweist er auf die zeitliche Verzögerung zwischen Ansteckung und Krankenhausaufenthalt.

Vorbereitung auf die nächste Alarmstufe

Mit 24 frei gehaltenen Betten auf der Normalstation befindet sich das Klinikum noch in der untersten Alarmstufe. Ab 15 Patienten werden indes schon konkrete Vorbereitungen zur Eröffnung einer weiteren Corona-Station getroffen. „Innerhalb von 24 Stunden können wir die nächste Stufe mit einer Kapazität von 53 Betten aktivieren“, erklärt Thu Trang Tran. Auch in der Pflege ist Conrad auf die nächste Versorgungsstufe eingestellt. Im Hintergrund stehe ein Team in Bereitschaft.

Im Schnitt zwei Wochen verbringen Corona-Patienten nach Conrads Erfahrung bis zur Entlassung auf der Normal-Station. Leben sie allein, stellt sich allerdings manchmal die Frage: Gibt es ein soziales Umfeld, dass die alltägliche Versorgung übernehmen kann, wenn der Patient zwar nicht mehr behandlungsbedürftig, aber gleichwohl noch infektiös ist.

Doch auch der Tod ist auf dieser Station nicht ausgeklammert. „Wir haben es mit einem Multiorgan-Virus zu tun“, sagt Carsten Conrad. Lehnten Betroffene in einer Patientenverfügung bestimmte intensivmedizinische Behandlungen ab, blieben sie - auch bis zum Tod - auf der Station. „Im Team sprechen wir über jeden Verstorbenen.“ Denn auch das muss verarbeitet werden.

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