Galeria Kaufhof in Braunschweig: Sterben eines Kaufhaus-Riesen

Braunschweig.  Bei Galeria Kaufhof hat der Ausverkauf begonnen. Ende Oktober endet nach 46 Jahren eine Ära.

In der Schuhabteilung sind einige Regale bereits leer gekauft.

In der Schuhabteilung sind einige Regale bereits leer gekauft.

Foto: Norbert Jonscher / NJ

In der Schuhabteilung sind einige Regale bereits leer. Eine neue Warenlieferung steht nicht mehr an. Nur die Holz-Osterhasen im Untergeschoss halten noch tapfer die Stellung. In Reih und Glied, wie kleine Kaufhaus-Soldaten, bewachen sie die übrig gebliebenen Osterartikel, die jetzt, im Sommer, aber niemand haben will.

Alles muss raus!

Im einst so stolzen Galeria Kaufhof regieren die professionellen Ausverkäufer – und das gute alte Stammpersonal kann da nur staunen. Alles muss raus! Wenn Ute Jordan (63), Betriebsratsvorsitzende bei Galeria, durch die Abteilungen geht, kommen ihr, wie sie sagt, fast die Tränen.

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Fast nur noch Ausverkaufsware – das ist nicht mehr „ihr“ Kaufhof, wie sie ihn seit 43 Jahren kennt. So lange ist Ute Jordan nämlich im Unternehmen und sie ist nicht die einzige, die hier all die Jahrzehnte einen guten Job gemacht hat und nun mitansehen muss, wie andere das Ruder übernehmen: die Mitarbeiter einer Vermarktungsfirma, die dafür sorgen, dass bis Ende Oktober möglichst wenig übrig bleibt. Denn dann schließt das einstige Horten-Kaufhaus, nach 46 Jahren.

Verkäufer sind verzweifelt

Die Kollegen, sagt Ute Jordan, allesamt gestandene Fachverkäufer, litten darunter, dass ihre Ware nur noch verramscht wird, sie seien allesamt verzweifelt und unsicher, wie es mit ihnen weiter geht. Über 40 Jahre hätten sie die Abteilungen in liebevoller Feinarbeit aufgebaut – und nun das.

Mit einem letzten Hilferuf an Ministerpräsident Stephan Weil will Ute Jordan jetzt versuchen, das schier Unmögliche doch noch möglich zu machen: ihr Galeria wenigstens noch so lange am Leben zu halten, bis der Mietvertrag 2023 ausläuft. Das müsse doch drin sein, findet sie. „Damit wäre zudem zehn Kollegen geholfen, die dann regulär in Rente gehen könnten.“

Verlust für die Innenstadt

Die Schließung von Galeria – sie hat viele Verlierer. Auch für die Innenstadt, sagen Einzelhandelsexperten wie der Galerist Olaf Jaeschke, sei das Aus ein Verlust. War doch der einstige Einkaufstempel mit seiner unverwechselbaren Fassade, den Horten-Kacheln, und seiner Warenvielfalt stets ein Aushängeschild des Braunschweiger Einzelhandels.

Wenn Galeria schließt, endet eine Kaufhaus-Ära, die mit einem Paukenschlag am 21. Mai 1974 begann, einem Dienstag. Gegenüber dem Schlosspark, auf einer im Krieg entstandenen Brache, eröffnete damals Horten, ein mehrgeschossiges Warenhaus der Superlative. „Eine ganze Welt in 6 Etagen“ – so titelt der Horten-Konzern, der das Warenhaus gebaut hat, das 1996 an Galeria Kaufhof überging. Eine Region ist elektrisiert. In einer Zeit, als es noch nicht einmal das Wort Internet gibt, als man noch nicht die Waren per Knopfdruck zu sich ins Wohnzimmer ordern kann. Horten propagiert: „Was die Welt zu bieten hat an Dingen, die man braucht, die nützlich, praktisch und notwendig sind, die das Leben schöner und bequemer machen, alles, was es an Köstlichkeiten und Kostbarkeiten gibt – wir bieten es an in den sechs Etagen unseres neuen modernen Warenhauses. Auf über 16.000 Quadratmetern breitet sich vor Ihnen aus, was Sie sich nur wünschen können: mehr als 100.000 Artikel aus aller Herren Länder.“

Alles hat seinen Platz

Fernsehgeräte im 3. OG, neben Bettwaren, Nähmaschinen, Teppichen, im 2. OG: Alles fürs Kind, daneben Badeartikel, Knabenbekleidung, im 1. OG: Damenhüte, Pelze, Schuhe, im EG: Haushaltswäsche, Fotokopierdienst, Schreibwaren, Strümpfe, Miederwaren und Herrenhüte, im UG: Lebensmittel, Heimwerkerbedarf, Alles fürs Bad.

Ein Querschnitt durchs Kaufhaus zeigt: Alles hat seinen Platz, wie in einem gut aufgeräumten Schrank. Das Kaufhaus als Waren-Magazin. Per Fahrtreppe gelangt der Kunde zum Ziel seiner Wünsche.

Einzelhandelsexperten warnten schon vor Jahren, dass solche Kaufhäuser nicht mehr zeitgemäß sind. König Kunde will es heute anders. Er scheut die Fahrerei über die Geschosse, will flanieren. Das musste der City Point erfahren und selbst die Burgpassage. Nun also Galeria.

Nach Ansicht von Verbraucherpsychologen dient Einkaufen inzwischen generell mehr der „Stimmungs-Therapie“ als der Warenbeschaffung. Ein Warenhaus müsse also mehr bieten als nur Waren, fordern sie. Es müsse durch eine breit gefächerte „Stimmungschoreografie“ faszinieren, eine Stätte des Genusses, des Flanierens und des Happenings werden. Eine Neuausrichtung in der Art habe man 1996, bei der Übernahme, versäumt, erinnert sich Ute Jordan. Nun bekomme man dafür die Quittung.

Wie geht es weiter?

Was aus dem Galeria-Gebäude nach der Schließung wird, ist noch nicht abzusehen. Eigentümer ist die Volksbank BraWo. Ins Spiel gebracht wird von einigen eine Ladenzeile quer durch das Erdgeschoss und das 1. Obergeschoss, die am Bohlweg beginnt und ins Magniviertel führt. In den Obergeschossen könnten Wohnungen und Büroräume entstehen. Die markante Eiermann-Fassade würde dann wohl verschwinden – und nichts würde in ein paar Jahren mehr darauf hindeuten, dass hier mal ein Kaufhaus stand, das „der Nabel der Welt“ sein wollte.

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