So sieht’s jetzt in Braunschweigs Kitas aus

Braunschweig.  65 Prozent der Kinder gehen bereits wieder in die Kita. Der Alltag ist anders als vor Corona. Wie kommen Kinder, Eltern und Erzieher damit klar?

Krippen und Kindergärten fahren den Regelbetrieb hoch. Vieles ist anders als früher. Wir schauten uns in der Awo-Kita Timmerlah um.

Krippen und Kindergärten fahren den Regelbetrieb hoch. Vieles ist anders als früher. Wir schauten uns in der Awo-Kita Timmerlah um.

Foto: Bernward Comes / Braunschweiger Zeitung

Die Zeit der Notbetreuung ist vorbei, die Kindertagesstätten fahren den Regelbetrieb wieder hoch. 5500 Kinder sind in Braunschweig in der vergangenen Woche wieder regelmäßig in die Kita gegangen, das entspricht 65 Prozent. „Tendenz deutlich steigend“, wie Martin Albinus sagt, Leiter des Fachbereichs Kinder, Jugend und Familie der Stadt Braunschweig. Aufgrund der Hygieneauflagen, die eingehalten werden müssen, können viele Einrichtungen aber noch nicht die volle Zahl der Kinder über die gewohnten Zeiträume betreuen: Die Räumlichkeiten und die personelle Ausstattung geben das nicht her.

Dürfen Hasi, Schnuffi und Bär noch mit in die Kita?

Es kehre langsam eine „neue Normalität“ ein, hat Heike Beer beobachtet, Leiterin der Awo-Kita in Timmerlah. Mit alten Regeln und Routinen musste gebrochen werden. Das fängt schon morgens an: Die Eltern bringen ihre Kinder nicht wie früher bis in die Gruppe. Stattdessen stellen sie sich auf die Kreidefüße, die auf die Steinplatten vor dem Eingang gemalt sind. Ein letztes Bussi, dann nimmt eine Erzieherin das Kind in Empfang. „Gewohnte Abschiedszeremonien müssen entfallen. Aber es funktioniert gut und scheint den Kindern leicht zu fallen“, sagt Heike Beer. Überhaupt habe sie gestaunt, wie schnell und gut die Kinder sich nach der Schließung und Notbetreuung wieder eingelebt hätten: „Das ist erstaunlich, denn für Kinder sind sechs bis vierzehn Wochen eine Ewigkeit.“

Das ständige Händewaschen, Abstandshalten, die Kontaktvermeidung mit den Kindern der anderen Gruppen: All das machten die Kinder gut mit. „Dass der niedersächsische Rahmen-Hygieneplan vorgibt, dass sie hier keine Zähne mehr putzen dürfen, können sie verschmerzen“, sagt Beer lachen. Groß sei aber die Enttäuschung gewesen, als sie verkünden musste, dass der geliebte Spielzeugtag bis auf Weiteres entfalle – einmal die Woche durften sie früher ein Spielzeug von zu Hause mitbringen. „Da waren die Kinder traurig. Der Spielzeugtag ist ihnen heilig“, sagt Beer. Ausnahmen mache man nur bei den Krippenkindern: Wer Hasi, Schnuffi oder Bär unbedingt für den Mittagsschlaf braucht, muss nicht darauf verzichten. Manchmal tauchen seit Corona auch Fragen auf, auf die die Kita-Leiterin trotz aller Erfahrung erstmal keine Antwort parat hat: Dürfen Kinder von den Erziehern mit Sonnencreme eingecremt werden? Dürfen die Kinder mit Knete spielen? Letzteres war schnell gelöst: Jedes Kind in der Gruppe durfte sich eigene Knete von zu Hause mitbringen.

Fast täglich müssen die Einrichtungen auf neue Vorgaben reagieren

Eine Stunde früher als sonst ist Heike Beer jetzt immer in der Kita. Bevor die Frühbetreuung um 7.30 Uhr beginnt, desinfiziert sie Klinken, Lichtschalter und Wasserhähne, lüftet durch und kümmert sich um das Update, wie sie sagt: Informiert sich über die neuesten Vorgaben, heftet sie in den eigens eingerichteten Corona-Ordner, notiert sie auf dem Flip-Chart, der neuerdings im Foyer steht und informiert die Kollegen: „Seit März sind Flip-Chart und Corona-Ordner zu einem der wichtigsten Arbeitsgeräte geworden, um eine schnellstmögliche Weitergabe von Infos an alle Mitarbeitenden zu gewährleisten“, sagt Beer. Es ändert sich viel in diesen Tagen, da könnte man sonst schnell den Überblick verlieren. Im Jugendhilfeausschuss hat Andrea Streit, verantwortliche Mitarbeiterin des Fachbereichs, letze Woche gesagt: „Fast täglich gibt es neue Vorgaben. Das ist eine große Herausforderung für die Kita-Leitungen und die Verwaltung.“

Die 140 Krippen und Kindergärten in Braunschweig befinden sich derzeit im „eingeschränkten Regelbetrieb“, so wird diese Phase genannt: Sie dürfen wieder 100 Prozent Betreuung anbieten, sofern dabei alle Hygiene- und Abstandsregeln eingehalten werden. In vielen Kitas ist das aber aus räumlichen oder personellen Gründen gar nicht möglich. Auch in Timmerlah können die gewohnten Betreuungszeiten noch nicht angeboten werden: Ein Teil der Kinder muss um 12 Uhr abgeholt werden. „Höchstens 12 bis 13 Kinder pro Gruppe können hier essen, ansonsten können wir die vorgeschriebenen Abstände nicht einhalten“, erklärt Beer. Das den Eltern zu vermitteln, sei nicht leicht gewesen, nachdem öffentlich angekündigt worden war, dass die Kitas ab dem 22. Juni in den Regelbetrieb zurückkehren. „Die Vorgaben des Ministeriums müssen vor Ort umgesetzt werden. Das braucht Zeit. Da gab es anfangs Enttäuschung bei den Eltern, auch Verzweiflung, denn auf vielen lastet ein sehr großer Druck“, so Beer. Sie versuche, Transparenz walten zu lassen - und ist froh, dass der Elternrat sie unterstützt und die Eltern verständnisvoll sind. Auch sie als Leiterin steht unter Druck: Sie muss die Vorgaben einhalten, will den Bedürfnissen von Kindern und Eltern gerecht werden und zugleich den Gesundheitsschutz der Mitarbeiter gewähren.

Neuaufnahmen sind möglich - aber vieles steht noch in den Sternen

Zurzeit wird manches ermöglicht, was sonst nicht möglich ist - zum Beispiel, dass zwei Kinder sich einen Betreuungsplatz teilen. In einigen wenigen Kitas wird auch ungeschultes Personal eingesetzt. Beer lehnt das ab: „Für uns ist das keine Option.“ Und Fachbereichsleiter Martin Albinus betont: „Das sollte auch die Ausnahme in absoluten Notsituationen sein.“

Alle sind bemüht, den Betrieb hochzufahren. Heike Beer hat bereits die Zusagen erteilt, welche Kinder zum Start des neuen Kita-Jahres am 31. August neu aufgenommen werden. „Ob sie dann auch tatsächlich zur Eingewöhnung kommen können, können wir jetzt noch nicht sagen“, bedauert sie. Auch Albinus sagt: „Alle Träger sind unheimlich bemüht, den Elternwünschen gerecht zu werden. Aber wir können noch nicht sagen, wo wir in zwei Monaten stehen werden.“ Der Rechtsanspruch auf einen Kita-Platz ist noch ausgesetzt.

Corona in Braunschweig- Alle Fakten auf einen Blick

„Wenn ich das Haus zum Feierabend verlasse, fühle ich eine Angespanntheit, die ich sonst so nicht erlebe. Das Gefühl, nicht allen gerecht zu werden, die Abkehr von der Routine und auch die Ungewissheit machen mir zu schaffen“, erzählt Heike Beer. Sie sagt aber auch: „Ich bin auch ein bisschen stolz darauf, wie wir das hier schaffen.“ Die Kita-Leiterin ist gespannt, wie es im Herbst laufen wird, wenn die Erkältungszeit kommt. Schnupfnasen sind bei Kita-Kindern in der kalten Jahreszeit normal - doch nun müssen die Kleinen bei ersten Krankheitssymptomen direkt zu Hause bleiben, zu groß ist die Gefahr einer Corona-Ansteckung. „Für die Eltern wird das eine weitere Herausforderung, zumal die meisten ihre Urlaubs- und Kinderkrankheitstage bereits aufgebraucht haben“, fürchtet sie und hofft: „Vielleicht mildern die strengen Abstands- und Hygienevorgaben die Erkältungswelle etwas ab.“

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder