Braunschweiger Labor: Flächendeckende Massentests nicht sinnvoll

Braunschweig.  Über das Braunschweiger LADR-Labor wurden schon 12.000 Coronatests durchgeführt. Der ärztliche Geschäftsführer spricht über Kapazitäten und Verfahren.

Prof. Dr. Jan Kramer ist Inhaber des LADR-Laborverbunds mit bundesweit 18 Facharztlaboren – und er ist ärztlicher Geschäftsführer des Braunschweiger LADR-Laborzentrums.

Prof. Dr. Jan Kramer ist Inhaber des LADR-Laborverbunds mit bundesweit 18 Facharztlaboren – und er ist ärztlicher Geschäftsführer des Braunschweiger LADR-Laborzentrums.

Foto: Robert Stuhlmann / STUHLMANNSTUDIO.DE

Wer sollte auf das Corona-Virus getestet werden? Kürzlich hatte sich der Rat auf Antrag der Linksfraktion mit dem Thema befasst. Während die Linken regelmäßige Tests bei allen Pflegekräften in Heimen nach dem Vorbild von Salzgitter fordern, lehnt die Ratsmehrheit dies ab und setzt stattdessen auf landesweit einheitliche Vorgaben. Angesichts begrenzter Test-Kapazitäten seien Alleingänge keine Lösung, heißt es. Auch finanziell seien flächendeckende Tests nicht machbar.

Die meisten Tests in Braunschweig und der Region laufen über das LADR Laborzentrum Braunschweig. Es ist eines von bundesweit 18 Facharztlaboren des LADR Laborverbunds. Inhaber dieses Verbunds und ärztlicher Geschäftsführer des Braunschweiger Standortes ist der Laborarzt und Internist Professor Dr. Jan Kramer. Im Interview spricht er über die Tests.

Herr Professor Kramer, wie viele Corona-Tests werden zurzeit in Braunschweig untersucht – und wie viele wären möglich?

Unser Braunschweiger Labor versorgt rund 500 Arztpraxen und 10 Krankenhäuser in der gesamten Region und bekommt auch die Tests der Kassenärztlichen Vereinigung. Das sind zurzeit 1000 bis 1200 Tests pro Woche, möglich wären mehr als doppelt so viele . Die Untersuchungen auf das Coronavirus SARS-CoV-2 werden dann allerdings nicht vor Ort durchgeführt, sondern wir fahren die Tests dreimal am Tag mit unserem eigenen Transportdienst Intermed in unser LADR-Zentrallabor in Geesthacht.

Jeweils innerhalb von 24 Stunden liegen die Ergebnisse vor. Für die Region Braunschweig haben wir seit Beginn der Pandemie rund 12.000 dieser speziellen PCR-Untersuchungen durchgeführt, und insgesamt bei LADR mehr als 170.000. Wir werden unsere Testkapazität in Kürze verdreifachen.

Bundesweit gibt es freie Kapazitäten: Laut dem Robert-Koch-Institut wurden in der vorletzten Woche 426.000 Tests durchgeführt, während die wöchentlichen Kapazität der Labore inzwischen mit etwas mehr als einer Million Tests angegeben wird.

Ja, die Möglichkeiten übersteigen den aktuellen Bedarf. Die Testkapazität ist ständig gestiegen. Zugleich ist auch die Zahl der wöchentlichen Tests gestiegen, während das Infektionsgeschehen ja deutlich nachlässt und die Positivraten aktuell von maximal neun Prozent vor einigen Wochen auf jetzt unter zwei Prozent runtergehen – der Anteil der positiven Testergebnisse sinkt also kontinuierlich. Das hat damit zu tun, dass inzwischen Testungen bei asymptomatischen Menschen vor allem in Pflegeheimen und Krankenhäusern zugenommen haben, die fast immer negativ ausfallen. Dieses Vorgehen entspricht dem, was das Bundesministerium für Gesundheit in seinem Positionspapier „Testen, testen, testen – aber gezielt“ sehr gut vorgeschlagen hat.

Darin wird unter anderem empfohlen, in Einrichtungen wie Krankenhäusern und Pflegeheimen alle Patienten und Bewohner vor einer Aufnahme zu testen. Zudem sollen Mitarbeiter, die Corona-Patienten betreuen, regelmäßig getestet werden. Von flächendeckenden Tests ist nicht die Rede. Was halten Sie von Massentests? Labor-Kapazitäten gibt es doch.

Aus medizinischer Sicht gibt es keinen Grund für anlasslose Massentestungen. Es ist sinnvoll, in medizinischen und pflegerischen Einrichtungen etwas breiter zu testen, so wie es das Positionspapier vorsieht, und auch in Pandemieregionen, wenn es plötzlich zu einem Ausbruch kommt.

Gut ist auch der Vorschlag im Positionspapier, regelmäßige Sentinel-Testungen durchzuführen, also Tests bei zufällig ausgewählten, repräsentativen Personengruppen. Man schaut sich zum Beispiel an: Wie sieht es in einer Schule oder in einer Kita aus? Und das wird wissenschaftlich ausgewertet. Oder man testet in einer ganzen Stadt, wie es in Lübeck auf freiwilliger Basis im Rahmen einer Studie gerade geschieht – wir begleiten das wissenschaftlich.

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Flächendeckende Massentests hingegen sind nicht sinnvoll. Man begibt sich in falsche Sicherheit, weil das Ergebnis nur für den Moment aussagekräftig ist – und die Kosten für das Gesundheitssystem steigen immens. Noch deutlicher: Bei Menschen ohne Symptome und fortgesetzten Sozialkontakten mit potenziell Infizierten schließt ein negatives Testergebnis von heute Morgen schon nicht mehr sicher eine Infektion in der Inkubationszeit aus.

Sie sprachen die Kosten an. Könnte man mit „Pooling-Verfahren“ günstiger testen? Dabei mischt man ja mehrere Einzelproben und untersucht sie gemeinsam. Wenn ein negatives Ergebnis angezeigt wird, ist alles gut. Wenn ein positives Ergebnis angezeigt wird, muss man die betroffenen Einzelproben herausfinden. Wären damit Massentests denkbar?

Nein. Diese Gruppentestungen mit Pooling kennt man aus dem Bereich der Blutprodukteherstellung, wo man zum Beispiel auf HIV und Hepatitis testet. Das funktioniert gut, weil bei diesen Infektionserkrankungen die Anzahl der Viren pro Milliliter Blut in der Infektionsphase extrem hoch ist. Da kann man also poolen und sieht trotzdem noch die infizierten Patienten. Bei SARS-CoV-2 haben wir es aber mit einem neuen Erreger zu tun, der über den Rachenhinterwand-Abstrich mit der PCR-Methode nachgewiesen wird – dabei weisen wir im Labor nach, ob die Probe genetisches Material des Virus enthält.

Ein wichtiger Faktor ist die Virusmenge im Rachen: Bei einem symptomatischen Patienten ist sie relativ hoch. Bei einem asymptomatischen Patienten ist sie aber eher sehr niedrig. Wenn man dann so einen Individualabstrich mit geringer Virusmenge mit mehreren anderen vermischt, sinkt die Sensitivität des Tests. Das heißt, die Wahrscheinlichkeit, dass man wirklich die Infizierten nachweist, sinkt durch die Mischproben, also durch das Pooling. Mit flächendeckenden Abstrichen einmal oder zweimal die Woche kann man vielleicht einzelne Infizierte entdecken. Die würden aber zwei Tage später wahrscheinlich auch Symptome kriegen, und dann würde man sie über die Symptomtestung erkennen, gezielt isolieren und die Übertragungswege unterbrechen.

Aber zwei Tage wären doch schon ein Gewinn – man kann die Betroffenen früher isolieren.

Wenn man ein gutes Hygienekonzept hat, ist die Gefahr der Infektion auch so relativ gering. In Betrieben und öffentlichen Einrichtungen ist es aus ärztlicher Sicht ausreichend, in Ausbruchsituationen gezielt zu testen.

In Krankenhäusern, Altenheimen, Behinderteneinrichtungen und sonstigen Einrichtungen für besonders vulnerable Gruppen kann es durchaus sinnvoll sein, umfangreicher zu testen, um Ausbrüche zu verhindern. Alle Patienten und Bewohner sollten vor Aufnahme in eine solche Einrichtung getestet werden, dann in gewissen Abständen unter Berücksichtigung der Inkubationszeit erneut.

Die Testung von symptomlosen Mitarbeitern dieser Einrichtungen und von Besuchern ist medizinisch nicht zwingend notwendig. Medizinisches Personal, das Covid-19-Erkrankte betreut, sollte hingegen regelmäßig getestet werden.

Es gibt doch auch Schnelltests, die direkt vor Ort gemacht werden. Wären sie eine Möglichkeit, flächendeckend zu testen?

Da muss man differenzieren. Es gibt zum einen Antikörper-Schnelltests, die nicht das Virus selbst erfassen, sondern die Reaktion des Immunsystems auf das Virus. Sie haben bislang aber eine eingeschränkte Qualität. Zum anderen gibt es die PCR-Schnelltests – doch diese Gerätesysteme sind noch nicht breit verfügbar, außerdem sind die Kosten hoch. Für so ein Kleingerät zahlt man 20.000 bis 30.000 Euro. Und dann muss man pro Untersuchung 80 bis 100 Euro rechnen, also auf jeden Fall mehr als bei den normalen PCR-Tests mit 59 Euro für gesetzlich krankenversicherte Patienten. Außerdem kann man auf diesen Geräten keinen Hochdurchsatz haben, sondern nur Testungen von bis zu 100 Patienten pro Tag. Die PCR-Schnelltests könnten aber zunehmend Bedeutung zur Testung bei Aufnahme in spezialisierte Kliniken mit Risikopatienten erlangen.

Sind technische Fortschritte absehbar?

Methodisch gibt es verschiedene Ansatzpunkte, an denen gearbeitet wird. Aber ich sehe für das nächste halbe Jahr keine Methode, die den direkten Virusnachweis im Routineeinsatz optimieren könnte.

Was ist mit Antigen-Tests, die Fragmente des Virus nachweisen können? Sie sollen so ähnlich funktionieren wie Schwangerschaftstests. Könnten Sie irgendwann Massentests ermöglichen?

Da gibt es noch nichts, was für die Routine verfügbar wäre. Diese Teste sind von der Sensitivität her auch immer eingeschränkter als die PCR, könnten aber vielleicht für gewisse Fragestellungen eine mögliche Alternative werden. Ein konkreter Zeitrahmen ist aber Spekulation.

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