Angst vorm Virus verdirbt Braunschweiger Wirten das Geschäft

Braunschweig.  Die Restaurants erlebten einen schleppenden Neustart. Sie sind nahezu menschenleer.

Fuat Altunkaya (links) und sein Team vom „Dolce Vita“ am Kohlmarkt. Viele Speiselokale sind immer noch zu.

Fuat Altunkaya (links) und sein Team vom „Dolce Vita“ am Kohlmarkt. Viele Speiselokale sind immer noch zu.

Foto: Norbert Jonscher

Pietro Stanziale (57) geht den Neustart vorsichtig an. Ganz piano, wie er sagt. Er traut der „neuen“ Corona-Normalität noch nicht – und öffnet sein Lokal, das „Da Piero“ an der Salzdahlumer Straße, vorerst nur mittags. Um zu testen. Kommen seine Gäste zurück aus zweimonatigem Corona-Schlaf? Haben sie wieder Appetit auf Pizza und Pasta? Oder ist es noch nicht die Zeit für Dolce Vita beim Italiener?

Der 57-Jährige ist skeptisch. Da gebe es Stammgäste, weiß er, die es weiterhin bevorzugen, ihr Essen abzuholen, um es daheim zu verzehren. 100 Prozent coronasicher. Darauf angesprochen, sei er zu einer ganz persönlichen Überzeugung gelangt: Das Virus sei zwar nicht mehr unterwegs. „Aber es steckt noch drin in den Köpfen.“ Da könne man noch so viele Vorkehrungen treffen.

So wie Stanziale erlebten viele Gastronomen das Wiederhochfahren ihrer Lokale nach zweimonatigem Lockdown. Corona-Woche 10 in dieser Stadt – noch immer ist längst nicht wieder alles so, wie es mal war. Die Passantenzahlen in der City sprechen da eine eindeutige Sprache. Sie liegen immer noch bei rund 50 Prozent. Soll heißen: Noch immer meiden viele Menschen die Stadt, den Kontakt zum dort vermeintlich lauernden Virus, an dem, Stand heute, 14 Menschen in dieser Stadt gestorben sind. 32 Personen sind noch erkrankt, 273 gelten als genesen.

Sehr, sehr vorsichtig geht auch Andrea C. Marannano, Chef des „Al Duomo“ am Burgplatz, den Neustart an. Auch er öffnete erst am Dienstag – mit einem Mini-Team, bestehend aus Sohn und Tochter, Tellerwäscher, Koch und Kellner. Die anderen Mitarbeiter, sagt Marannano, befänden sich noch in Kurzarbeit. Das Einhalten der vorgegebenen Sicherheitsmaßnahmen sei für das „Al Duomo“ kein Problem, stellt Marannano klar. „Wir haben genug Platz und können die Tische leicht weiter auseinander stellen.“

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Nur, die Braunschweiger seien noch „viel zu ängstlich“, um an ein unbeschwertes Essengehen zu denken. Sie hielten sich zurück, und die im Fernsehen gezeigten Berichte sorgten auch nicht dafür, „dass jetzt alle auf einen Schlag rausrennen“ zu „ihrem“ Italiener. Ganz im Gegenteil. Aber das sei okay so. So habe sein Personal etwas Zeit, sich an die neuen Gegebenheiten zu gewöhnen. Als da wäre: das Arbeiten unter Schutzmaske, möglichst ohne mit Gästen zu sprechen. Im „Da Piero“ ist das übrigens ab sofort per QR-Code möglich. Auf jedem Tisch ist ein solcher angebracht. Per Smartphone kann der Gast sich die Speisekarte ansehen und auf das Gericht tippen, das er haben möchte. Wenn er das so möchte.

Das alles ist aber nicht das Problem von Pietro Stanziale, der, wie alle, nur 50 Prozent seines Lokals nutzen darf. Bei zwei Meter Abstand könne er nur maximal 30 Prozent an Gästen bewirten und eigentlich, sagt er, müsse er jeden Gast nach maximal 90 Minuten im Lokal bitten zu gehen, um die Einnahmen zu erzielen, die er zum Überleben benötigt. Wie aber solle man das aber seinen Gästen klarmachen?, schüttelt er den Kopf.

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Wir schauen und hören uns um in der Braunschweiger Gastronomie. Es ist Mittag, aber die Zahl der Gäste in den Speiselokalen ist sehr, sehr überschaubar. Auch im „Dolce Vita“ am Kohlmarkt. Fuat Altunkaya schaut raus. Sein Blick streift einen regenverhangenen Himmel. Niemand sitzt draußen, auch bei den Mitbewerbern nicht. Gespenstisch. „Jetzt ist auch der liebe Gott noch gegen uns Gastronomen“, scherzt Altunkaya, dem es leicht fällt die Auflagen zu verstehen, jedoch mitunter schwer, diese umzusetzen. Da sind seine zahlreichen Stammgäste, die Tag für Tag bei ihm vorbeischauen. „Ich kann doch nicht jedes Mal Name und Telefonnummer erfragen und in meine Liste eintragen. Wie kommt denn das an?“

Ähnlich schwer hat es das Karstadt-Restaurant „Le Buffet“, das seit gestern wieder auf hat. Drin saßen am Mittag aber nur zwei Personen, acht weitere standen am Einlass, warteten geduldig, bis eine Mitarbeiterin Namen für Namen und Handynummer für Handynummer notiert hatte. Wobei mancher Rentner die eben gerade nicht im Kopf hatte, was die Sache auch nicht einfacher machte. Eine ältere Frau schüttelte da nur den Kopf: „Was die alles von einem wissen wollen. Da vergeht einem ja der Hunger.“

Was Gastronomen und Gäste beachten müssen, lesen Sie hier.

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