Um das Kindeswohl – Diskussion über Elternkrieg in Braunschweig

Braunschweig.  Der Fernsehfilm „Weil du mir gehörst“ – und die Diskussion des Vereins „Mama Papa Auch“ darüber in der Braunschweiger Stadthalle.

Im erbitterten Duell zwischen ihren Eltern Julia (Julia Koschitz) und Tom (Felix Klare) ist Anni (Lisa Marie Trense) das Opfer.

Im erbitterten Duell zwischen ihren Eltern Julia (Julia Koschitz) und Tom (Felix Klare) ist Anni (Lisa Marie Trense) das Opfer.

Foto: SWR/FFP New Media GmbH/Martin Valentin Menke

Am Ende sagt eine Zuschauerin: „Die kleine Schauspielerin kann froh sein, dass das nur ein Film war und sie jetzt wieder aus ihrer Rolle schlüpfen kann.“ Das ist aber nur ein Teil der Wahrnehmung, denn in der Hauptsache geht es an diesem Abend in der Stadthalle darum, dass der ARD-Fernsehfilm „Weil du mir gehörst“ auch beklemmende Wirklichkeit widerspiegelt.

Im Vortragssaal wird der Film an diesem Abend gezeigt – erst später, gleich nach der Tagesschau, wird er im Ersten laufen. Auch in der ARD-Mediathek ist er zu sehen. Es geht darum, wie mit der 8-jährigen Anni ein Kind unter dem Trennungs-Krieg ihrer mittlerweile geschiedenen Eltern leidet. Mehr noch: Anni wird von ihrer Mutter systematisch und betrügerisch gegen ihren Vater aufgebracht – bis sie ihn hasst.

Es geht um das Phänomen der vorsätzlichen Eltern-Kind-Entfremdung (PAS)

Es ist harter Stoff, der da über die Leinwand und den Bildschirm flimmert und für Diskussionen sorgt. Dabei sollte man ausblenden, dass der Betrogene in diesem Film – neben dem Kind – der nichtsahnende Vater ist, dem Anni kalt und berechnend entfremdet wird. Dies ist der Tatsache geschuldet, dass tatsächlich häufiger Männer als Opfer betroffen sind, weil Kinder nach Ehescheidungen tatsächlich zu 85 Prozent bei der Mutter leben – mehr Gelegenheit also schlicht, das Kind zu instrumentalisieren.

Doch sowohl der Film als auch die vom bundesweiten Verein „Mama Papa Auch“ veranstaltete Diskussion in Braunschweig wollen tiefer gehen. Es geht eben nicht darum, ob es ein Mann oder eine Frau ist, der oder die ihrem Kind da so schweres Unrecht antun. Beides kommt vor! Es geht vielmehr darum, wie dies geschieht. Das Phänomen wird vorsätzliche Eltern-Kind-Entfremdung (PAS) genannt. Diese ist so perfide, dass die darin liegende Misshandlung eines Kindes oft gar nicht bemerkt wird.

„Ja, leider Gottes, solche Fälle wie im Film, sie sind durchaus auch Tagesgeschäft. Allerdings sehen die Beteiligten dann nie – wie im Film – die ganze Handlung, sondern stets nur Details, immer nur Ausschnitte“, sagt Martin Albinus, Leiter des Jugendamts der Stadt Braunschweig. Auch in Braunschweig landen 400 Fälle pro Jahr bei der Scheidungsberatung. Und fünf Prozent von ihnen, also 20 im Jahr, seien „ganz schwierige Fälle“, so Albinus.

Eltern teilen sich das Sorgerecht, doch dann wird es schmutzig

Ob es da so schlimm kommt wie im Film, das wünscht man sich nicht, doch Diskussionsteilnehmer in der Stadthalle berichten: „Auch das haben wir alles schon erlebt.“

Anfangs hat Anni ein herzliches Verhältnis zu ihrem Vater, auch nach der Scheidung. Die Eltern teilen sich das Sorgerecht, es gibt regelmäßige Besuche beim Vater, der in einer neuen Beziehung lebt.

Doch dann beginnt eine bedrückende Entwicklung, die den Zuschauer zunehmend verstört, dann wütend und schließlich ratlos macht: Die Mutter belügt das Kind, verhindert die Besuche beim Vater. Termine werden torpediert, das Handy manipuliert, es kommt zum Umzug an einen geheimen Ort. Papa findet nicht mehr statt. Sein Bild wird aus der Wohnung getilgt. Er hat dich nicht mehr lieb.

Geplante Wochenenden scheitern so im Komplott, ein ganzer Urlaub fällt ins Wasser. Hilflos sieht der Zuschauer mit an, wie das Kind leidet, das Zutrauen verliert und im Manipulationsstrudel zu hassen beginnt, in die Hose macht und sich mit einem Messer selbst verletzt.

Behörden, Gerichte, Anwälte und Gutachter bekleckern sich in diesem Fall nicht mit Ruhm

Die beteiligten Behörden, Gerichte, Anwälte und Gutachter bekleckern sich allesamt nicht mit Ruhm. Erst am Ende, als nach all dem Gezerre um Sorge- und Umgangsrecht, Besuchsrecht und Besuchsverbot alles vermutlich schon zu spät ist, ruft ein Richter am Oberlandesgericht alle Parteien doch noch zur Ordnung und ordnet endlich Mediationsgespräche an – und weist beiden Eltern die gemeinsame Verantwortung für das Kindeswohl zu, auch nach der Trennung.

„Das muss auch das Ziel sein, dass beide Elternteile schnell an einen Tisch kommen“, sagt Braunschweigs Jugendamtsleiter Albinus. Schwer genug ist das, wenn erwachsene Menschen alle ihre Konflikte und Probleme in ein Kind projizieren und zur Waffe gegen den anderen machen.

Experten: Mediation und Verfahrensbeistand können helfen

„Das alles geht unter die Haut. Umso mehr kommt es auf die Beratung für die Eltern an“, sagt Hans-Georg Göres, Geschäftsführer der Braunschweiger Familienberatung BEJ. Die meisten Eltern erreiche es ja immerhin noch, so Göres, wenn ihnen vermittelt werde, wie sehr ihr Kind unter der Situation leidet.

Braunschweigs Familienrichterin Anja Nowak sagt: „In dem Maße, in dem der Film es zeigt, habe ich das in meiner Praxis noch nicht erlebt.“ Gleichwohl komme es darauf an, sich viel Zeit zu nehmen, dem Kind zuzuhören – und sich auch viel Zeit für die Verhandlung zu nehmen. Im Falle der Filmhandlung wäre es notwendig gewesen, so Nowak, vom Gericht einen Verfahrensbeistand für das Kind zu bestellen.

Ein solcher „Anwalt des Kindes“ kann herausfinden, in welchem Maße ein Kind von den Eltern bereits manipuliert wurde. Im Film sagt Anni in einer denkwürdigen Szene: „Bei meiner Geburt war Papa nicht dabei ...“

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