Nach Auschwitz – Ein Braunschweiger Ritt gegen das Vergessen

Braunschweig.  Eine besondere Gedenk-Fahrt: Die „Brunswick Wheelers“ sind auf dem Rennrad unterwegs nach Auschwitz in Polen.

Die Radsportler aus der Region Braunschweig am Brandenburger Tor.

Die Radsportler aus der Region Braunschweig am Brandenburger Tor.

Foto: Oliver Pietsch

Die Nacht auf Freitag war kalt, eiskalt. Bretthart, keine Gnade. Minus fünf bis minus acht Grad. Die „Brunswick Wheelers“ rollen wie ein Uhrwerk. Nonstop auf dem Rad von Braunschweig nach Auschwitz in Polen. Wenn der heiße Tee beim Trinken während der Fahrt überläuft, friert er am Rahmen des Rennrades fest ...

Es geht stumpf weiter durch die kalte Nacht. Acht Fahrer, ein Gedanke: Niemals darf vergessen werden, was in Auschwitz geschehen ist, dem deutschen Konzentrations- und Vernichtungslager, das vor 75 Jahren von sowjetischen Truppen befreit wurde.

Dafür treten sie in die Pedale, eine Truppe von Radsportbegeisterten aus der Region Braunschweig, 850 Kilometer an etwas mehr als zwei Tagen, aufgeteilt auf zwei Gruppen a vier Fahrer. Insgesamt ein Ritt, den nur Spitzenfahrer durchstehen.

An der polnischen Grenze entschädigt in den frühen Morgenstunden eine Wintersonne für die Strapazen, eine, die rotgolden neue Energieschübe auslöst.

Zuvor hat man das Brandenburger Tor und das nahegelegene Holocaust-Mahnmal in Berlin passiert, das Denkmal für die ermordeten Juden Europas. Eine wichtige Station der Fahrt. Renate Wagner-Redding von der Jüdischen Gemeinde Braunschweig hatte die „Brunswick Wheelers“ auf den Weg geschickt. „Wir dürfen niemals vergessen“, sagt sie. Und mit diesem Gedanken pedalen sie jetzt Auschwitz entgegen, einem unbeschreiblichen Ort, heute Oswiecim in Polen, Gedenkstätte für das größte Menschheitsverbrechen. Mehr als eine Million Menschen wurde allein hier ermordet, die meisten waren Juden.

So ist es hier wieder einmal der Sport, der Maßstäbe weit über Tore, Punkte und Sekunden hinaus setzt. Radsport. Diese „Wheelers“ werden von den „Friends for Life“ getragen, einer famosen Mannschaft, die zuletzt mit einer Inklusionsfahrt quer durch Deutschland für Furore sorgte. Überall Unterstützung. Berliner Radsportfreunde vom Flux RC geleiten sie jetzt durch den Großstadtdschungel im Laternenschein – und bis zur polnischen Grenze.

Die Fahrt ist minutiös organisiert, ein begleitendes Wohnmobil nimmt so eine Vierer-Truppe nach 100 bis 120 Kilometern auf und verpflegt sie, während die nächste Vierergruppe losjagt. Gleichzeitig sind die Supporter die „Scouts“, damit sich die Radsportler auf ihre Fahrt mit einem Durchschnittstempo von 25 Stundenkilometern konzentrieren können. Kopfsteinpflaster, glatte, seifige Strecken, Schräglage in den Kurven. Es soll nichts passieren ...

Wenn sie am Samstag in Auschwitz ankommen, wird die dortige Gedenkstätte sie begrüßen – die „Brunswick Wheelers“ übergeben Spenden und ein Buch, das ihnen Renate Wagner-Redding mitgegeben hat.

Doch vorher – nochmal ein Temperatursturz. Die Nacht zum Samstag, noch einsamer, noch bretthärter, noch eiseskälter. Ein Video zeigt die Fahrer, die durch stockdunkles polnisches Niemandsland brettern. Auch dieser Weg ist schon das Ziel – gegen das Vergessen.

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