„Vieles hier ist einfach intakt“

Anke Kaysser-Pyzalla, Präsidentin der TU Braunschweig, und VW-Personalvorstand Gunnar Kilian sprechen über Arbeitsbedingungen und Lebensqualität.

Doppelinterview mit TU-Präsidentin Anke Kaysser-Pyzalla und Gunnar Kilian vom VW-Vorstand

Doppelinterview mit TU-Präsidentin Anke Kaysser-Pyzalla und Gunnar Kilian vom VW-Vorstand

Foto: Bernward Comes

Die Region Braunschweig-Wolfsburg in Niedersachsen ist zwar nicht so bekannt wie die Metropolen Berlin, Hamburg und München oder das Ruhrgebiet. Warum sie für Fachkräfte dennoch attraktiv ist und viel Lebensqualität bietet, erläutern Anke Kaysser-Pyzalla, Präsidentin der Technischen Universität Braunschweig, und Gunnar Kilian, Personalvorstand des Autobauers VW, der in Wolfsburg seinen Stammsitz hat.

Warum sollten Fachkräfte, Wissenschaftler und Studierende ausgerechnet in die Region Braunschweig-Wolfsburg ziehen?

Kaysser-Pyzalla: Sie bietet vielfältige Karrieremöglichkeiten und eine große Dichte an Forschungsinstituten. Die Region Braunschweig-Wolfsburg ist Europas Forschungsregion Nummer 1! Dazu gehören die Helmholtz- und die Leibniz-Gemeinschaft, Fraunhofer-Institute, Forschungsanstalten des Bundes, die Kliniken und nicht zuletzt die TU Braunschweig, die Ostfalia Hochschule und die Hochschule für Bildende Künste mit ihren großartigen Möglichkeiten.

Kilian: Die Wirtschaftsregion Braunschweig-Wolfsburg ist Heimat vieler attraktiver Arbeitgeber. Das gilt natürlich für Volkswagen, aber auch für eine sehr große Zahl erfolgreicher mittelständischer Unternehmen aus unterschiedlichsten Branchen. Viele von ihnen sind stille Stars, auf ihren Gebieten jeweils führend in Forschung und Produktion.

Was kennzeichnet das wissenschaftliche und wirtschaftliche Profil der Region?

Kaysser-Pyzalla: Wir arbeiten gemeinsam an Themen, die für unsere Partner in Gesellschaft und Wirtschaft relevant sind – von der Grundlagenforschung über die Anwendung bis zur konkreten Zusammenarbeit mit Unternehmen und Institutionen. Zusammen mit VW, IAV und mittelständischen Partnern haben wir die Leichtbau-Forschungsfabrik etabliert. Wir sind stark in der Mobilitäts-Forschung, zum Beispiel im autonomen und nachhaltigen Fahren. In unserer Batterie-Forschungsfabrik arbeiten wir an der nächsten Generation Batterien und deren Recycling. Im Exzellenzcluster SE2A erforschen wir mit dem DLR das energieeffiziente und nachhaltige Fliegen. Gemeinsam mit dem Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung forschen wir zu Wirkstoffen und Infektionen. Mit dem Thema Stadt der Zukunft setzt sich an der TU Braunschweig eine ganze Reihe bedeutender Architekten und Bauingenieure, Sozial- und Geisteswissenschaftler auseinander, und viele Projekte können wir direkt in und mit der Region als Reallabor umsetzen. Weltberühmt ist Braunschweig auch für die Messtechnik, vor allem wegen der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt, und für das Georg-Eckert-Institut für internationale Schulbuchforschung.

Alle Texte unseres Regions-Specials finden Sie hier: "Alles da - Sie auch?" - die große Beilage über unsere Region

Kilian: Für jeden, der sich mit der Zukunft des Autos beschäftigt, ist die Region Braunschweig-Wolfsburg eine der spannendsten weltweit. Nach wie vor gilt: Alles, was Volkswagen zur Transformation des Konzerns und zur Zukunft der Mobilität entwickelt, hat hier seinen Ursprung. Unser neues rein elektrisches Modell, der ID.3, wurde in Wolfsburg konzipiert, maßgebliche Komponenten kommen aus den Werken Braunschweig und Salzgitter, also ebenfalls aus der Region. In Salzgitter betreiben wir ein Exzellenzcenter für die Batteriezellen-Fertigung. Dort stellen wir Experten für die Weiterentwicklung der Batteriezelle ein. In direkter Nachbarschaft bauen wir mit unserem Partner Northvolt eine Zellfertigung auf. Das ist geballte Kompetenz, die man in dieser Dichte anderswo kaum findet.

Fachkräfte finden also besonders wegen der Konzentration von Forschung und Entwicklung berufliche Perspektiven?

Kilian: Ja, das ist eindeutig der Fall. Volkswagen bietet nicht nur Ingenieuren in klassischen Disziplinen, sondern ebenso IT-Experten, Software-Entwicklern, UX-Designern oder Cloud-Architekten herausragende Entwicklungsmöglichkeiten — übrigens nicht nur in der Region. Volkswagen ist ein international tätiger Konzern mit Marken wie Porsche, Audi oder Scania, mit hochinteressanten Standorten weltweit. Die Chancen bei uns sind nahezu unbegrenzt.

Kaysser-Pyzalla: Sehr gute Perspektiven bieten sich nicht nur für technische Berufe. Braunschweig ist ein attraktiver Standort für die Ausbildung und Beschäftigung von Lehrerinnen und Lehrern. Auch unser Studiengang Psychologie ist hochattraktiv. Das gilt durch die vielen Forschungsinstitute ebenso für die Naturwissenschaften.

Kilian: Volkswagen zählt bei wissenschaftlichen Nachwuchskräften zu den Top-Adressen. Wir unterstützen regelmäßig junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler bei ihrer Promotion. Damit übernehmen wir gesellschaftliche Verantwortung und investieren zugleich in unsere Zukunft — und wir zeigen, wie erfolgreich Kooperation zwischen Wirtschaft und Wissenschaft sein kann.

Kaysser-Pyzalla: Der Erfolgsfaktor sind die Doktoranden-Tandems: Einer arbeitet bei Volkswagen, der andere an der Universität. Beide tauschen sich aus und sind regelmäßig am anderen Standort. So werden Praxis und universitäre Forschung ideal miteinander verbunden.

Wie unterstützen Sie Menschen, die neu in die Region kommen?

Kaysser-Pyzalla: Wir haben Begrüß-ngsfeiern, Infoveranstaltungen, persönliche Unterstützung vor allem für internationale Mitglieder, und informelle Vernetzungstreffen.

Kilian: Uns ist sehr wichtig, dass das Onboarding unkompliziert und zügig verläuft und der Einstieg in unsere Teams bestmöglich gelingt. Natürlich stehen wir, wenn gewünscht oder notwendig, mit Rat und Tat zu Seite, wenn Hilfen etwa bei der Wohnungssuche nötig werden. Kurz: Wir sind sehr integrationserfahren. Unsere italienischen Kollegen, die einst als Gastarbeiter zu uns kamen, wurden zügig ein Teil von Volkswagen und der Region, ihre Kinder oder Enkel sind es sowieso. Und als international tätiger Konzern sorgen wir regelmäßig dafür, dass unsere Fachkräfte aus anderen Kulturkreisen auch hier erfolgreich arbeiten und gut leben. Arbeit ist eben neben Sport der größte Integrationsfaktor.

Das heißt, die Menschen sind besonders offen und international?

Kilian: Ja. Bei Volkswagen in Wolfsburg arbeiten Menschen aus mehr als hundert Nationen, viele unserer Teams sind international und arbeiten sehr erfolgreich zusammen. Das prägt uns.

Kaysser-Pyzalla: Wir investieren gezielt in unsere Internationalisierung und werden englischsprachige Lehrangebote deutlich ausweiten. Wir sind überzeugt, dass wir alle Studierenden so noch besser auf ihr Berufsleben vorbereiten. Parallel dazu bauen wir internationale Partnerschaften aus.

Welche Karrieremöglichkeiten haben langjährige Mitarbeiter?

Kilian: Auch für sie sind die Möglichkeiten nahezu unbegrenzt. Wir setzen auf die Kompetenzen unserer Mitarbeiter. Wir fördern sie deshalb nachhaltig in ihrer Entwicklung. Wir wollen, dass sie ihr Wissen und Können erweitern und umfassend Erfahrung sammeln, denn das Know-how unserer Beschäftigten ist unsere Zukunft. Für Top-Karrieren sind Stationen in anderen Bereichen, Marken, Gesellschaften und im Ausland deshalb sogar Voraussetzung.

Kaysser-Pyzalla: Wir haben die Personalentwicklung in allen Bereichen deutlich befördert und bieten zusätzliche Qualifikationsmöglichkeiten, etwa zu Führungsverantwortung oder Soft Skills.

Wie bewerten Sie die Lebensqualität in der Region?

Kilian: Mein Eindruck: Es gibt hier sehr viele glückliche Menschen. Vermutlich, weil hier jeder das finden kann, was er neben guter Arbeit sonst noch sucht. Wer großstädtisch leben will, zieht nach Braunschweig oder Wolfsburg, wer es überschaubarer mag, findet Dörfer im Grünen oder historische Fachwerkstädte. Bundesliga-Fußball, Basketball oder Eishockey auf hohem Niveau, erstklassige Museen und Theater — alles das ist da. Naturbegeisterte können im Harz wandern, er liegt ja quasi vor der Haustür. Und Berlin übrigens auch: Mit der Bahn braucht man gerade mal 61 Minuten.

Kaysser-Pyzalla: Auch das Angebot für eigene sportliche Aktivitäten ist toll. Allein unser Sportzentrum bietet zum Beispiel Kurse in mehr als 90 Sportarten.

Wie ist die Lebensqualität für Familien?

Kilian: Ich finde sehr gut. Gute Kindertagesstätten gehören ebenso dazu wie ein breites gefächertes Schulangebot mit unterschiedlichen Ausrichtungen: Gesamtschulen, Gymnasien, internationale Schulen. Und was nicht nur Familien interessiert: Im Vergleich zu anderen Regionen sind Immobilien noch erschwinglich, die Lebenshaltungskosten insgesamt bewegen sich im Rahmen, viele Wege sind kurz und zumeist ohne Stau zu meistern.

Kaysser-Pyzalla: Das Arbeitsklima konstruktiv und kollegial. Forscherinnen und Forscher, aber auch unsere Mitarbeitenden in Technik und Verwaltung fühlen sich wohl. Familien, die hierher ziehen, werden schnell heimisch.

Worauf führen Sie das zurück?

Kilian: Vieles hier ist einfach intakt, das Leben funktioniert. Einen gehörigen Anteil daran haben übrigens aktive Sportvereine, Freiwillige Feuerwehren, Spielmannszüge, Schützenvereine. Die Menschen hier sind gesellig. Das macht das Ankommen leicht.

Kaysser-Pyzalla: Vor allem junge Menschen finden die Region attraktiv, und die ziehen weitere junge Menschen an.

Was macht die Region besonders?

Kaysser-Pyzalla: Sie ist super kompakt mit all ihren Angeboten – und wir haben Klarheit und Charme.

Kilian: Diese Mischung macht’s. Oder eben unsere Vielfalt: Wirtschaftliche Leistungskraft, lebenswerte Oberzentren, ländlicher Raum und vor allem: freundliche Menschen.

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