Wird er Braunschweiger des Jahres? Fred Lorenz

Braunschweig.  Der Lehrer griff bei der Fahrt zu einer Skifreizeit dem ohnmächtigen Busfahrer ins Steuer – und rettete damit nicht nur seinen Schülern das Leben.

Fred Lorenz, Oberstufenleiter an der Sally-Perel-Gesamtschule, griff beherzt ein, als ein Busfahrer ohnmächtig am Steuer zusammenbrach. Er rettete damit sehr wahrscheinlich nicht nur seinen Schülern das Leben.

Fred Lorenz, Oberstufenleiter an der Sally-Perel-Gesamtschule, griff beherzt ein, als ein Busfahrer ohnmächtig am Steuer zusammenbrach. Er rettete damit sehr wahrscheinlich nicht nur seinen Schülern das Leben.

Foto: Bernward Comes

Nur Bruchteile von Sekunden. Dann hätte alles zu Ende sein können. Als Fred Lorenz an jenem Tag in diesem Januar dem ohnmächtigen Busfahrer ins Steuer griff, verhinderte er eine Katastrophe. 33 Schüler und vier Lehrerinnen saßen mit im Bus – und der war mit Tempo 100 unterwegs.

Wie ein Film hat sich das Geschehen auf der Autobahn 9 bei Lorenz ins Gedächtnis gebrannt. Sekunden, die über Leben und Tod entschieden. „Ich glaube, uns allen ist an diesem Tag so viel bewusster geworden, wie kostbar das Leben ist und wie schnell es vorbei sein kann.“

Lorenz (51) ist Oberstufenleiter an der Sally-Perel-Gesamtschule in Volkmarode. Ein leidenschaftlicher Lehrer, wie er betont. Seine Fächer: Politik, Wirtschaft, Sport.

Die Gruppe mit Schülern des 12. und 13. Jahrgangs war unterwegs ins bayerische Ruhpolding zum Skifahren und schon kurz vor Nürnberg, als den Busfahrer eine Hustenattacke überfiel, der Mann bewusstlos über dem Steuer zusammenbrach und zur Seite sackte. Ein Herzinfarkt, wie sich später herausstellte. Lorenz wollte aufspringen vom Beifahrersitz, doch der Sicherheitsgurt riss ihn zurück. Vergeblich versuchte er, die Halterung zu lösen. Eine Kollegin sprang bei, entriegelte den richtigen Knopf. Lorenz eilte ans Steuer, während der Bus auf die Mittelleitplanke zuraste, diese touchierte, den Bus leicht anhob und nach rechts lenkte. Noch immer war der Tempomat auf 100 Stundenkilometer eingestellt.

Lorenz schob den ohnmächtigen Fahrer, soweit es ihm möglich war, zur Seite, hockte sich leicht auf dessen Schoß, griff ins Steuer – und brachte den Bus zurück auf die Fahrbahn. „Es war im allerletzten Moment, sonst wäre er frontal auf die Abzweigung nach Nürnberg-Feucht geprallt“, ist sich Lorenz sicher. Nach 10 bis 15 Sekunden sei der Busfahrer wieder zu sich gekommen. Ein großes Glück. Lorenz hatte nicht mehr daran geglaubt. „Ich hätte nicht gewusst, wie ich den Bus zum Stehen hätte bringen sollen. Ich wäre nicht an die Pedale gekommen.“ Dass Busse mit Hand-Motor-Bremsen ausgestattet sind, erfuhr Lorenz erst später.

Fred Lorenz - Braunschweiger des Jahres
Fred Lorenz - Braunschweiger des Jahres

Nein, er habe in diesem Moment nicht viel gedacht. Einfach nur gehandelt. „Man hat ja für solche Fälle keinen vorgefertigten Plan. Ich wusste nur: Ich muss etwas tun, sonst passiert etwas ganz Schreckliches.“ Später, im Gespräch mit der Schulpsychologin, habe er erfahren, dass Menschen in solchen Schockmomenten meist auf zweierlei Art reagierten: die einen erstarrten, seien unfähig zu handeln, die anderen folgten dem Impuls, aktiv zu werden. „Glücklicherweise gehöre ich offenbar zu jenen, die etwas tun müssen.“

Lorenz weiß, dass er wahrscheinlich eine Katastrophe mit vielen Toten und Verletzten verhindert hat. Zum Helden stilisiert werden, mag er hingegen nicht. Und er mochte es auch nicht, wie hartnäckig, wie distanzlos die Medien ihn und andere Beteiligte für Interviews verfolgt hätten und wie reißerisch die Sache manchmal aufbereitet worden sei. „Das hat auch die Schüler sehr irritiert“, sagt er.

Sein ausdrücklicher Dank jedoch gilt der Landesschulbehörde. Die habe unmittelbar nach der Heimkehr psychologische Hilfe angeboten. In zahlreichen Gruppen und Einzelgesprächen hätten die Schüler, seine Kolleginnen und er das Erlebte verarbeiten können. Anfangs sei das nicht leicht gewesen. Es habe auch lange gedauert, bis er gut darüber habe sprechen können.

„Durch so eine Nahtod-Erfahrung, die wir letztlich ja alle gemacht haben, merkt man, wie schnell es vorbei sein kann.“ Doch damit wachse eben auch das Bewusstsein, die tollen Dinge zu genießen: Das Leben mit der Familie, mit seiner Frau und den drei Töchtern. Der Fußballklub „Freie Turner“. Da kickt er begeistert in der Altherren-Riege.

Bei Eintracht Braunschweig kommentiert Lorenz live die Spiele für Blinde und Sehbehinderte. Ja, und dann noch die Musik: die Liebe zur Ukulele und seine altbewährte A-cappella-Formation „Chor Don Bleu“. Ganz klar. Fred Lorenz ist kein Mann für Schockstarre. Vielmehr Aktivist. Durch und durch.

Informationen und Service:

Die Kandidaten: Wir stellen bis zum 9. November die Kandidaten für den „Braunschweiger des Jahres“ oder die „Braunschweigerin des Jahres“ 2019 vor.

Die Wahl: Vom 12. bis zum 17. November können dann unsere Leser per Telefon, per Post und online darüber abstimmen, wer es wird.

Die Preisverleihung mit der Bekanntgabe des Gewinners oder der Gewinnerin findet am Montag, 25. November, um 18.30 Uhr im BZV-Medienhaus statt und ist öffentlich. Um Anmeldung wird gebeten: BZ-Lokalredaktion, Hintern Brüdern 23, 38100 Braunschweig. Oder per E-Mail: redaktion.braunschweig@bzv.de

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder