„An Polizeischutz werde ich mich nicht gewöhnen“

Braunschweig.  Die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Braunschweig, Renate Wagner-Redding, fordert mehr Aufklärung und härtere Urteile.

Renate Wagner-Redding ist die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Braunschweig.

Renate Wagner-Redding ist die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde Braunschweig.

Foto: Philipp Ziebart/BestPixels.de (Archiv)

Der Anschlag auf die Synagoge in Halle, bei dem zwei Menschen ums Leben kamen, stellt eine Zäsur dar. Was bedeutet er für das jüdische Leben in Braunschweig? Antworten darauf gibt Renate Wagner-Redding, die Vorsitzende der Jüdischen Gemeinde.

Frau Wagner-Redding, ist die Tat in Halle ein Ausdruck dafür, dass Antisemitismus sich in Deutschland weiter verbreitet hat oder halten Sie es für die Tat eines verwirrten Einzelnen?

Vor Halle gab es München, Düsseldorf, Wuppertal. Es gab kleinere Attacken an den Tagen vor Jom Kippur, zum Beispiel eine Messerattacke in Berlin, es gab Verprügelungen von Kippaträgern. Halle ist im Moment der Schluss einer langen sichtbaren Entwicklung. Unsere Warnungen, die wir seit Jahren vorgebracht haben, wurden immer runtergespielt.

Als ich mein Amt vor 25 Jahren angetreten habe, gab es eine Studie, in der festgestellt wurde, dass 20 Prozent der Bevölkerung zum Antisemitismus neigen. Und das obwohl kaum jemand einen Juden persönlich kannte. Vor 25 Jahren hatten wir in Deutschland rund 30.000 Gemeindemitglieder. Durch die Zuwanderung in den neunziger Jahren sind es jetzt rund 140.000. Wir sind immer noch eine kleine Minderheit.

Wie ist die Situation der Juden in Braunschweig?

Bisher habe ich immer gesagt, in Braunschweig leben wir auf einem Stern der Glückseligen. Ich werde diesen Satz nicht mehr sagen. Wir haben einen guten Kontakt zum Staatsschutz und zur Polizei, und bisher sind wir ohne sichtbare Polizeipräsenz ausgekommen, aber diese Zeiten sind scheinbar vorbei. Als ich an Jom Kippur nach der Pause um 17 Uhr wieder in die Gemeinde kam und ein Polizeifahrzeug vor der Tür gesehen habe, war ich schockiert. Ich wusste in diesem Moment noch nicht, was in Halle passiert war. Die restlichen Feiertage haben wir dann mit sichtbarem Polizeischutz verlebt.

Was sagen Sie zum Wahlergebnis in Thüringen?

Ich kann es nicht begreifen. Und ich kann auch die Argumentation mancher Leute nicht nachvollziehen, die sagen, dass sie die AfD nur aus Frust gegenüber den anderen Parteien wählen. Ich bin auch manchmal frustriert und ich gehe immer zur Wahl, aber dann wähle ich eine andere Partei oder gebe eine ungültige Stimme ab.

Es sind sicherlich auch in dieser Partei Leute, die etwas Vernünftiges wollen. Aber die sind nicht durchsetzungsfähig gegenüber einem immer größer werdenden rechtsradikalen Teil in der AfD. Und solange das so ist, ist das für mich keine Partei, mit der man sprechen oder die man wählen kann.

Wie sehen Sie den bevorstehenden AfD-Parteitag in Braunschweig?

Den sehe ich mit sehr gemischten Gefühlen. Ich befürworte, dass man dagegen demonstriert. Ich finde es erschreckend, dass dort eventuell jemand in den Vorstand gewählt wird, den man laut Gerichtsentscheid als Faschisten bezeichnen darf.

Denken Sie, dass von offizieller Seite etwas gegen die Veranstaltung hätte unternommen werden müssen – auch wenn die Stadt sagt, dass sie keine juristische Möglichkeit habe?

Ich hätte mir gewünscht, dass man angesichts der Braunschweiger Vergangenheit mit diesem Thema etwas sensibler umgegangen wäre. Das Argument, die AfD sei ja nicht verboten, ist kein wirkliches Argument. Man weiß ja, wie lange es dauern kann, bis eine Partei wirklich offiziell verboten wird.

Wie könnte die Stadt oder die Bevölkerung aus Sicht der jüdischen Gemeinde auf die Entwicklung und die Vorfälle reagieren?

Wenn in den vergangenen 30 Jahren etwas Antisemitisches passiert ist und in letzter Zeit verstärkt passiert, dann gibt es jedes Mal einen Aufschrei „Das darf nicht sein!“. Aber anschließend bleibt alles beim Alten. Es ist nicht fünf vor zwölf, es ist fünf nach zwölf. An Polizeischutz vor jüdischen Einrichtungen wird man sich auch gewöhnen. Das wird irgendwann als normal empfunden werden. Ich werde mich daran nicht gewöhnen.

Man hat bisher vergessen, die Ursachen am Schopf zu packen – und das heißt Aufklärung: über jüdische Geschichte, über jüdische Bräuche, über jüdisches Leben. Das muss in den Schulen beginnen oder sogar schon in den Kindergärten. Gegen Klischees und Vorurteile helfen nur Bildung und Geschichtswissen, sonst wird das immer weitergehen. Es geht ja nicht nur um die Juden oder die Muslime oder die Christen oder die Atheisten, es geht um die Gemeinschaft der Menschen in diesem Lande.

Wenn irgendwann die Rechten die Oberhand haben sollten, wird jeder Bürger, ob Atheist, ob Gläubiger, ob Jude, Muslim oder sonst etwas, darunter zu leiden haben. Man muss gegen solche Gruppierungen von Anfang an mehr machen. Kerzen und Blumen vor die Synagoge zu legen oder einen Schweigemarsch zu machen, ist schön, reicht aber nicht aus.

Wir haben ausreichend Gesetze in dieser Demokratie, und man muss sie auch anwenden. Es kann nicht sein, dass Frau Künast sich im Internet straffrei beschimpfen lassen muss, es kann nicht sein, dass jemand Bewährung bekommt, wenn er wiederholt Friedhöfe schändet oder jemanden angreift, weil der eine Kippa trägt. Es muss schneller und härter verurteilt werden.

Meinen Sie, wir sind zu tolerant?

Wir sind zu tolerant diesen Leuten gegenüber. Wir haben die Gesetze und wir müssen diese Gesetze anwenden. Und es muss mehr Aufklärung geleistet werden.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (1)