Die Frauen mit den Fruchtkörben lassen Braunschweig lächeln

Braunschweig.  Die 65 Jahre alten Wandskulpturen wurden restauriert. Sie sind frühe Zeugnisse von „Kunst am Bau“.

Von der Ackerstraße aus sind die riesigen Wandplastiken zu sehen, die vor etwa 65 Jahren angefertigt wurden.

Von der Ackerstraße aus sind die riesigen Wandplastiken zu sehen, die vor etwa 65 Jahren angefertigt wurden.

Foto: STACHURA

Ist das Kunst – oder kann es weg? An der Ackerstraße hat sich die Wohnungsbaugesellschaft Vonovia entschieden, alte Wandplastiken zu restaurieren und zu erhalten. Eine kluge Entscheidung, sagt Niedersachsens Denkmalschutz.

Die Zeit des Wiederaufbaus gilt ganz gewiss nicht als Blütezeit der Braunschweiger Baukunst. An ganz vielen Stellen der Stadt wurde oft mit einfachsten Mitteln Wohnraum geschaffen. Repräsentatives Bauen, das gab es erst in den 60er Jahren. Und doch lohnt es sich, auch die Gebäude der 50er Jahre zukunftstauglich zu machen. „Besonders, wenn darunter Mehrfamilienhäuser sind, die je Wohnung sogar zwei Balkone haben“, sagt Volker Schätzel. Er ist Bewirtschafter bei der Vononia, der in Braunschweig etwa 5000 Wohnungen gehören. Millionen fließen zurzeit in die Sanierung. Auch entlang der Ackerstraße am Bahnhof.

Doch Sanierung heißt nicht nur Fenster- und Heizungserneuerung. Die Außenwände erhalten zusätzlich eine dicke Isolierschicht. Alles, was an der alten Fassade angebracht war, lässt sich an der neuen Fassade nicht ohne weiteres wieder anbringen.

So war es auch im Fall der Frauen mit den Fruchtkörben. Die Plastiken aus fingerdicken Stahlstäben einfach abnehmen und nach der Sanierung einfach wieder anbringen, das klappt nicht. „Dieses Problem sorgt dafür, dass in Niedersachsen viele solcher Plastiken, aber auch Reliefs und Putz-Graffiti an den Häuserwänden verschwinden“, berichtet Dr. Ulrich Knufinke. Er ist Experte für Bau- und Kunstdenkmalpflege beim Niedersächsischen Landesamt für Denkmalpflege.

Dort hatte sich Schätzel erkundigt, ob es prinzipiell möglich wäre, die Plastiken auf Nimmerwiedersehen verschwinden zu lassen ­– „Sie sind zwar 65 Jahre alt, stehen aber nicht unter Denkmalschutz“.

Vermisst hätte sie wohl auch keiner. Zeitzeugen, die etwas über Entstehung und Künstler wissen, gibt es keine mehr. Schätzel hat alte Mieter dazu befragt. Stadtteilheimatpfleger Karl-Heinz Löffelsend ist auch nicht fündig geworden und gibt offen zu: „Ich kenne das Gebiet vergleichsweise gut. Die Plastiken sind mir aber nie aufgefallen.“

Schätzel sagt: „So ging es auch einigen Mietern, die glaubten, es handele sich um ganz neue Plastiken, die erst nach der Fassadensanierung angebracht wurden.“ Er vermutet: „Unter den Plastiken befand sich einst ein Anbau mit Bäckerei. Die war ein Blickfang. Außerdem wurde vom Flachdach der Bäckerei aus die Hausfassade von Sprayer beschmiert. Anbau und Graffiti sind verschwunden. Erst jetzt fallen die Frauen mit den Fruchtkörben auf.“

Experte Knufinke hält es für wahrscheinlich, „dass der Gewöhnungseffekt die Plastiken hat quasi unsichtbar werden lassen. Sie sind ja weder provokant, noch stehen sie in einer funktionalen Abhängigkeit zu dem Gebäude. Die Plastiken sind ein dekoratives Element. Hätte sich im Gebäude zum Beispiel eine Apotheke befunden und die Plastiken hätten einen Bezug zur Apotheke gehabt, eine viel größere öffentliche Aufmerksamkeit wäre ihnen sicher gewesen.“

Das scheint sich am Beispiel einer zweiten Groß-Plastik zu bewahrheiten, die an einem Nachbargebäude hängt und einst von der Helmstedter Straße aus zu sehen war. War – weil die Plastik „Angler mit Fischen“ mittlerweile von Pappeln auf dem vorgelagerten Tankstellen-Grundstück verdeckt wird. Angler und Fische verschwanden quasi im langsamen Rhythmus der Natur. Klagen darüber sind unbekannt. „Wohl auch, weil die Plastik vom Grundstück aus nicht gesehen werden kann. In der Regel kommt dort nie ein Mieter hin“, erzählt Schätzel. Dennoch wurde der Angler mit Fischen ebenfalls entrostet und neu lackiert. Schätzel: „Ich war verblüfft, dass das Wasser damals Blau-Gelb dargestellt war. Das gefiel mir als Braunschweiger gut.“ Die Entscheidung, die Skulpturen zu retten, hält Knufinke für richtig: „Sie waren dazu gedacht, Wohngebäude hervorzuheben. Das war in den 50er Jahren sehr selten – heute ist das wertsteigernd.“

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