Braunschweig war das Herz der Folkszene

Braunschweig.  Vor 50 Jahren entstand der Klub Folk ‘69. Am Sonnabend gibt es ein Jubiläumskonzert.

Folk-Wochenende im Sommer 1977 im Schlosspark vor der Kulisse des Bohlwegs.

Folk-Wochenende im Sommer 1977 im Schlosspark vor der Kulisse des Bohlwegs.

Foto: ARCHIV

Sie saßen auf der Wiese des Schlossparks und lauschten den Liedern von Sehnsucht und Frieden. So viel Innigkeit auf der Wiese, so viele Gefühle der Verbundenheit. Ausgelöst durch die Lieder der Welt, die die Reisenden der Folkszene mitgebracht hatten. Es war ein Sommerwochenende im Jahr 1977. Und über die Wasserbecken hinweg drang der näselnde Sound des Krummhorns der Nürnberger Gruppe „Kurtzweyl“. Braunschweig hatte damals in Deutschland die lebendigste Folkszene.

Und der schönste Beweis dafür war, dass die Troubadoure samt Freundinnen auch ohne Engagement nach Braunschweig zogen, wenn hier wieder mal ein Folkfestival war. Wie kam es eigentlich dazu, dass diese Musikanten damals so von Braunschweig schwärmten? Da muss man etwas zurückblenden und an die denken, die 1969 den Klub Folk ‘69 gründeten. Das ist nun 50 Jahre her. Und wer damals dabei war, ist voller glücklicher Erinnerungen, auch weil in dieser Stadt bald die Volkslieder der ganzen Welt erklangen. In den intensivsten Momenten, wir sind jetzt wieder auf der Wiese, hatten alle das Gefühl, zu einer großen Familie zu gehören. „Make love not war“ war eine Überschrift, auf die sich alle einigen konnten. 1969 war ja auch Woodstock, und Joan Baez ermutigte dort mit ihrer glockenreinen Stimme alle Friedliebenden.

Folk ‘69 in Braunschweig konnte auch deshalb aufblühen, weil der lange Zeit hellste Stern am Folkhimmel verglühte: das Festival auf Burg Waldeck im Hunsrück. Eine Ruine als romantische Kulisse, die nach dem 1. Weltkrieg die desillusionierte Jugend anzog, bis die Nazis die Burg besetzten. 1964 dann das erste Waldeck-Festival, das aber nur verstanden werden kann durch den Einfluss der amerikanischen Folk- und Bürgerrechtsbewegung. Aber gab es nicht auch in Europa Lieder, die vergessen waren? So erkannten die Macher von Waldeck bald, welchen Schatz die Ostjuden mit ihren jiddischen Liedern der Welt geschenkt hatten. Die Faszination von Waldeck schwand durch die Politisierung des Festivals. Folklore nur noch als Restprogramm.

Folk ‘69 in Braunschweig hat einen großen Teil der Szene aufgesogen. Aber wer weiß, was aus dieser geworden wäre, wenn Hansi Dobratz, der erste Vorsitzende und Geschäftsführer des Klubs, nicht in dieser Weise die Verbindungen zu den Künstlern gepflegt hätte, die als Nomaden durch Europa tourten.

Die Umstände entwickelten sich günstig. Da waren die Veranstaltungsmöglichkeiten im neuen Freizeit- und Bildungszentrum. Die Stadt gab Zuschüsse. Es waren BZ-Überschriften wie „Stille ist wie ein wundervoller Klang“, die die Abende bei Folk ‘69 auch für jene versüßten, die nicht dabei waren.

Die Berühmten der Liederzunft waren alle in Braunschweig: Werner Lämmerhirt, Reinhard Mey, Hannes Wader, Mike Silver, Hedy West, immer mal wieder die Gruppe „Ougenweide“ mit ihrer Sängerin Minne Graw. Folk satt über viele Jahre. „The Balladeers“ waren der Braunschweiger Beitrag zur Szene. Aus den „Balladeers“ wurde die „Folk-Family“. Es ging immer mal wieder in Richtung Kabarett und Nonsens. Man denke an Hanns-Dieter Hüsch und Insterburg & Co.

Folklore gibt es immer noch, zum Beispiel in der Brunsviga. Aber Folk ‘69 damals konnte sich in dieser überschaubaren Verfassung, in dieser gemütlichen Privatsphäre nicht halten. Auch weil die höheren Gagen nicht bezahlt werden konnten. Heute kursieren noch die wilden und schönen Geschichten, wie es damals war. Und jeder erzählt eine etwas andere.

Jubiläumskonzert „50 Jahre Folk ‘69“ am Sonnabend, 5. Oktober, ab 19 Uhr im Kult-Theater im Schimmelhof, Hamburger Straße 273. Es gibt ein Wiedersehen mit den „Balladeers“. Reservierungen möglich unter info@daskult-theater, (0531) 7076547 und bei Musikalien Bartels. Der Eintritt beträgt 20 Euro. -ui-

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