In Braunschweig dreht sich viel um Fairness und das Klima

Braunschweig.  Diskussionen auf dem Kohlmarkt, Umsonst-Flohmarkt vor dem Schloss – das Wochenende ist eine Schnittmenge aus Fairer Woche und Klimawoche.

Großer Andrang beim Umsonstflohmarkt des Vereins „Transition Town“. Er fand im Rahmen der Klimawoche auf dem Schlossplatz statt.

Großer Andrang beim Umsonstflohmarkt des Vereins „Transition Town“. Er fand im Rahmen der Klimawoche auf dem Schlossplatz statt.

Foto: Florian Kleinschmidt/BestPixels.de

Braunschweig geht in sich. Immer mehr Menschen, die sich über Nachhaltigkeit Gedanken machen, über die Schonung von Ressourcen, über moralischen Handel und gerechte Verteilung. Auf dem Kohlmarkt gab es am Samstag im Rahmen der „Fairen Woche“ den Markt der Möglichkeiten mit Diskussionen, Fair-Fashion-Modenschauen und kulinarischen Genüssen ohne Reue; die Jugendbewegung „Fridays for Future“ derweil lud im Rahmen der Klimawoche zu zahlreichen Veranstaltungen mit Umweltschutzcharakter ein.

So hatte am Samstag der gemeinnützige Verein Transition Town erneut seinen Umsonst-Flohmarkt auf dem Schlossplatz aufgeschlagen. Second-Hand-Klamotten, Kinderspielzeug, Bücher, Haushaltskrimskrams. Alles für nix. Oder im Tausch. „Die Botschaft der Nachhaltigkeit kommt in den Köpfen an“, meint Vorstandsmitglied Britta Steven erfreut.

Lieber verschenken als wegwerfen

Ein Drängen und Schieben, Prüfen und Zugreifen. In Taschen, Koffern, Bollerwagen wird das Ergatterte heimgetragen. Eine 42-Jährige, Lehrerin und Mutter zweier Töchter, zieht beglückt von dannen, die Kinderkarre voll beladen. „Ich habe Kleidung, aus der die Mädchen herausgewachsen sind, zum Tausch mitgebracht“, sagt sie. Dafür hat sie nun bei den größeren Größen zugegriffen: Leggins, ein Paar Gummistiefel, Rollerblades. Und jede Menge Bücher für die Mädchen. „Sie sind gerade in der Pony- und Einhornphase“, erklärt die Mutter lachend und zeigt uns den erbeuteten Pferdekalender – von 2013. „Ist den Mädchen doch egal ...“ Die Mutter sorgt schon vor für Weihnachten.

Eine Veranstaltung von Greenpeace habe sie auf Foodsharing-Aktionen aufmerksam gemacht, also das Teilen und Verschenken von Lebensmitteln, bevor sie in der Mülltonne landen. Dann sei sie auf den Verein Transition Town gestoßen, der regelmäßig Tauschbörsen veranstaltet. „Ich lerne immer mehr nachhaltige Aktionen in Braunschweig kennen“, sagt sie. „Es tut gut zu wissen, dass die Dinge nicht im Müll landen, sondern weitergenutzt werden.“

Um die Ecke am Theater haben es sich Aktivisten unter anderem von „Fridays for Future“ und der Baumschutz-Initiative auf einem Parkstreifen am Theater bequem gemacht. Ein symbolischer Akt, der vor Augen führen soll, wieviel Möglichkeiten eine autofreie Innenstadt böte. Die Aktion ist bei der Stadt angemeldet. Nach dem Motto „Spielplatz statt Parkplatz“ oder „Park statt Parkplatz“ besetzen die Aktivisten die Buchten zum Theaterpark. Unter anderem haben sie ein Sofa angekarrt. Drauf und drumherum auf einem mitgebrachten Teppich hocken diskussionsbereite Aktivisten.

Ein Motorradfahrer stoppt und fragt, was das Ganze solle. Fridays for Future? „Na, dann schmeißt mal gleich eure Brillen weg, die sind aus Plastik, und zieht eure Schuhe aus!“ Der Mann geht aufs Ganze, spricht von Hypochondern und Heuchlern, von Plastikmüll am Meeresstrand und dass die Sache nur mit radikalen Maßnahmen zu retten sei. Alles drehe sich doch nur ums Geld, und Politiker seien allesamt unfähig.

Die jungen Leute fragen nach, ob er denn konkrete Vorschläge habe. Betonen, dass sie im Kern mit ihm einig seien, aber die Sache doch nicht ganz so Schwarz-Weiß zu betrachten sei und das Kind nicht mit dem Bade ausgeschüttet werden müsse. „Wir sind hier, weil wir Anstöße geben wollen, wie jeder einzelne seinen Beitrag zum Schutz von Umwelt und Klima leisten kann“, sagt eine junge Frau.

Appell: Jeder kann etwas beitragen!

Dominique Neumann hat festgestellt, dass sich ältere Menschen von der „Fridays for Future“-Bewegung oft angegriffen fühlen. „Sie glauben, man mache ihnen Vorwürfe, wie sie in den vergangenen 50 Jahren gelebt hätten. Aber darum geht es doch gar nicht. Wir wollen doch nur bewusst machen, dass jeder einzelne seinen Teil zu einem verantwortungsvollen Umgang mit den Ressourcen beitragen kann“, sagt der 48-Jährige.

Das Bewusstsein schärfen, genau hinschauen, Gewohnheiten ändern – darum ging es auch in der Podiumsdiskussion auf dem Kohlmarkt. In der von BZ-Chefredakteur Armin Maus moderierten Runde war man sich einig: Auch die Menschen in Braunschweig können etwas dafür tun, dass Menschenrechte in anderen Ländern eingehalten, die Arbeitsbedingungen in Billiglohnländern verbessert werden und die Unterdrückung von Frauen endet. Oberkirchenrätin Sabine Dreßler forderte mehr Transparenz bei der Lieferkette von Textilien. In Richtung der Zuhörer sagte sie: „Schauen Sie, was Sie auf der Haut tragen! Gucken Sie, dass Sie nicht zu billig kaufen.“ Rund um die Bühne präsentierten sich beim „Markt der Möglichkeiten“ viele lokale Anbieter von fairen und ökologischen Produkten – vom Babystrampler bis zum Blazer.

Länder wie Bangladesch oder Burma seien weit weg, doch mit gemeinsamer Kraft könne man etwas bewegen, so Guna Opfer von Amnesty International: „Schließen Sie sich einer NGO an, einer Nichtregierungsorganisation. Unterstützen Sie deren Aktionen! Steter Tropfen höhlt den Stein!“

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (4)