Braunschweiger Biologin spürt Mikroben im Haushalt nach

Braunschweig.  Susanne Thiele versteht Mikroben. Ihr Buch „Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Türklinke“ ist eine Zumutung und gut fürs Immunsystem.

Die Braunschweiger Biologin Susanne Thiele hat ein Sachbuch über Mikroben im Haushalt geschrieben

Die Braunschweiger Biologin Susanne Thiele hat ein Sachbuch über Mikroben im Haushalt geschrieben

Foto: Isabel Kobus / oh

Haben Sie schon einmal eingehender die Tastatur Ihres Computers betrachtet? Legen Sie Wert auf eine mikrobiologische Analyse Ihres Smartphone-Bildschirms? Wissen Sie, was wirklich in Ihrer Spüle los ist oder – besser noch – im Spülschwamm? Und im Kühlschrank, ogott? Besser nicht. Oder vielleicht doch? Und haben Sie auch nur annähernd eine Vorstellung davon, worauf Sie da zugreifen, wenn Sie die Türklinke drücken?

Falls diese Fragen Ihr Interesse geweckt haben sollten, falls Sie mit Hund, Katze oder Maus zusammenleben, falls Sie derzeit regelmäßig am Wickeltisch zugange sind, Ihren Kopf gern auf eine Matratze betten oder behaglich ins Daunenkissen schmiegen, ob Sie das Bad schätzen oder einen behaglichen Teppich – Sie haben jetzt zwei Möglichkeiten. Erstens: Bitte nicht weiterlesen! Zweitens: Bitte weiterlesen!

Denn erstens: Sie sind niemals allein, sondern stattdessen stets von einer bildhübschen Mikrobenwolke umgeben. Diese Artenvielfalt der Bakterien und Keime, Pilze und Algen ist wirklich erschütternd. Da kann man wischen und wienern, wie man will. Das macht alles nur noch schlimmer.

Und zweitens: Diese Bio-Wolke der Bazillen gehört dazu, umschließt unseren Lebensraum mit einem robusten Film, der immerhin abhärtet, wenn er nicht umbringt. Unser Immunsystem braucht dieses Training. Ohne Mikroben, die uns ständig kitzeln, so muss man sagen, gehen wir glatt zugrunde.

Und so gibt uns die Braunschweiger Biologin und Wissenschaftsjournalistin Susanne Thiele am Ende ihres bemerkenswerten Buches sogar Tipps, wie man wieder mehr Mikroben ins Haus reinkriegt statt weniger. Lesen wir mal rein:

Häufig lüften. Pflanzen aufstellen. Keine harten Desinfektionsmittel. Neutralreiniger. Zitronensäure. Scheuermilch. Wie früher. Und: Schaffen Sie sich einen Hund oder eine Katze an!

Moment mal. Und die Sauberkeit? Okay, sagt Frau Thiele: Halten Sie die Oberflächen und Beläge sauber. Aber bitte nicht steril. Und vor allem: Platz da für „gute Mikroben“. Schon schicken sich die besten Architekten an, uns die richtigen Häuser dafür zu bauen ...

Wenn Susanne Thiele schreibt, liest man wohltuend die Wissenschaftlerin und Journalistin, Chefin der Öffentlichkeitsarbeit des Braunschweiger Helmholtz-Zentrums für Infektionsforschung (HZI). Vom Fach also. Wenn man sie liest, schreibt jedoch auch ganz wohltuend verständlich die Hausfrau und Mutter, ein Mensch wie du und ich. Hilfe, mein Teppich lebt! Schnuller – abkochen oder nicht? Mit Bello oder Mieze ins Bett? Das sind so die Fragen.

Von dieser Sorte darf ein Wissenschaftsbuch ruhig sein, eines, das auch dem kritischen Blick der Fachwelt standhält. Unsere Welt ist schließlich ein Planet der Mikroben, ein Bio-Kosmos der Kooperation und Symbiose im Gleichgewicht, den wir lieber besser verstehen lernen sollten statt ihn mit Keulen anzugreifen.

„Zu Risiken und Nebenwirkungen fragen Sie Ihre Türklinke“, lautet der etwas sperrige Titel des Buches, das jetzt im Heyne-Verlag erschienen ist. Es verspricht ein Lesevergnügen, wenn man sich dazu entschieden hat, wirklich alles wissen zu wollen.

Zum Beispiel über die Toilettenwolke, die erstmals in den frühen 1900-er Jahren beschrieben wurde, übrigens von einem gewissen Sir Horrocks.

Heute übrigens beschäftigen sich Forscher damit, die Schussweite der Spülung zu vermessen, das Klo also gewissermaßen als mikrobiellen Schleudersitz zu orten. Reichweite übrigens, falls Sie es wissen wollen, bis zum Waschbecken und zur Zahnbürste …

Aber das ist noch gar nichts gegen den Horror in der Küchenspüle, Mr. Horrocks. Doch lesen Sie das alles gern selbst bei Susanne Thiele.

Und geben Sie ihr doch ruhig einmal die Hand bei der Lesung in der Buchhandlung Graff in Braunschweig an diesem Dienstag, 23. April, 20.15 Uhr. Ganze Kapitel widmen sich ja dem Händeschütteln. Was uns nicht umbringt, das härtet uns ab.

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