Braunschweiger Forscher erzählen, was sie fasziniert

Braunschweig.   Serie „TU von A bis Z“: heute R wie reingehört. Wir haben sechs Wissenschaftler nach ihrer Motivation befragt.

Sechs Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der TU Braunschweig erzählen, was sie an Wissenschaft fasziniert: Stefanie Kroker (oben links), Heike Bunjes, Georgia Albuquerque, Olaf Mumm, Jan Röhnert und Christoph Herrmann.

Sechs Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler der TU Braunschweig erzählen, was sie an Wissenschaft fasziniert: Stefanie Kroker (oben links), Heike Bunjes, Georgia Albuquerque, Olaf Mumm, Jan Röhnert und Christoph Herrmann.

Foto: BZ

Die Arbeit in der Wissenschaft kann mühselig sein, langwierig. Sie kann aber auch beflügeln und große Erkenntnisse für die Menschheit hervorbringen. Was treibt Wissenschaftler an, in Forschung und Lehre tätig zu sein? Das wollten wir von sechs Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der TU Braunschweig wissen.

Die Physikerin

Stefanie Kroker ist Juniorprofessorin am Institut für Angewandte Physik der TU sowie bei der Physikalisch-Technischen Bundesanstalt:

„Ich bin Wissenschaftlerin, weil es immer wieder Neues zu entdecken gibt. Man überschreitet täglich die Grenzen des bekannten Wissens und bewegt sich auf unbekanntem Terrain. Es ist oftmals unklar, was sich hinter dem nächsten Abzweig verbirgt – Scheitern oder Erfolg. Nicht selten ist es sogar das Scheitern, das einen voranbringt. Man ist dann zwar erstmal enttäuscht, aber langfristig zahlt es sich aus, weil man weiß, wie etwas nicht geht. Mein beruflicher Alltag umfasst aber noch mehr als nur die Beschäftigung mit wissenschaftlichen Fragen. Dazu gehören zum Beispiel auch die Ausbildung von Studierenden, Projektmanagement und Personalverantwortung. Ab einem bestimmten Level geht es ja vor allem darum, Studierenden und Doktoranden Wissenschaft zu ermöglichen, bestmögliche Rahmenbedingungen zu schaffen, Themen anzustoßen. Es macht mir Spaß, mich täglich am Rand der persönlichen Komfortzone zu bewegen: immer wieder herausgefordert, mit neuen Situationen konfrontiert, vortastend. Sicher ist: Man bleibt nie stehen.

Mein Fachgebiet ist die Wechselwirkung von Licht und Nanostrukturen, also Materialien, die bis zu 10.000-mal kleiner sind als der Durchschnitt eines menschlichen Haares. Mithilfe der Nanostrukturen können wir Oberflächen so manipulieren, dass sie Licht auf besondere Weise beeinflussen. Und zwar so, dass wir das Licht als besonders feines Lineal für hochpräzise Messungen verwenden können, bei denen es auf millionstel Millimeter ankommt. Mit diesem Prinzip können wir unter anderem auch Gravitationswellen-Detektoren besser machen, um das dunkle Universum besser zu erforschen. Es ist schön, wenn man einen Mehrwert schaffen kann – das ist das Sahnehäubchen.“

Der Ingenieur

Christoph Herrmann ist Professor für Nachhaltige Produktion und Life Cycle Engineering am Institut für Werkzeugmaschinen und Fertigungstechnik:

„Ich bin Wissenschaftler, weil es mich fasziniert, wie insbesondere auch ökologische Nachhaltigkeit, also Energie- und Ressourceneffizienz, in den Ingenieur- und Produktionswissenschaften realisiert werden kann. Mir geht es darum, die Wechselwirkung von Ingenieurtätigkeit und Verantwortung für Umwelt und Gesellschaft zu verstehen. Außerdem ist es einfach wahnsinnig spannend, ein Thema zu haben, das einen nie in Ruhe lässt. Ich bin schon früh im Studium zu diesem Thema gekommen. Mitte der 90er Jahre wurde viel über Elektroschrott diskutiert. Daran ist mir offensichtlich geworden: Alle Produkte haben auch ein Lebensende. Es gilt, in neuen Kreisläufen zu denken, über den ganzen Lebenszyklus eines Produktes hinweg. Und dann ist es sinnvoll, Produkte gleich so zu gestalten, dass erst gar keine Probleme entstehen: nämlich so, dass sie leicht demontierbar und recyclebar sind. Zugleich muss man auf die Produktion schauen, weil dort viele Ressourcen aufgewendet werden.

Unsere große Forschungsfrage lautet: Kann man über Daten und Simulationen neue Technologien entwickeln, die deutlich weniger Energie und Ressourcen verbrauchen, als das, was wir bisher haben? Wie kann ich zum Beispiel für ganze Fabriken schon im Modell vorhersagen, wie viel besser sie sind oder wo neue Probleme entstehen? Ein aktuelles Thema ist auch die Elektromobilität: Ob ein E-Auto nachhaltiger ist als ein konventionelles Auto, kann man nur anhand von Daten und Modellen verlässlich beantworten. Was mich besonders interessiert: Ist es möglich, bestimmte Produkte wieder nah am Menschen und in guter Nachbarschaft herzustellen? Also wie gelingt es, industrielle Produktion in die Stadt zurückzuholen – in urbane Fabriken?“

Die Pharmazeutin

Heike Bunjes ist Professorin für Pharmazeutische Formulierungstechnik am Institut für pharmazeutische Technologie:

„Ich bin Wissenschaftlerin, weil ich sehr gern über wissenschaftliche Fragestellungen nachdenke. Es fasziniert mich, neue Zusammenhänge zu entdecken und für die pharmazeutische Nutzung zu erschließen. Ich habe die Freiheit, selber zu entscheiden, woran ich mir die Zähne ausbeiße – anders als in der Pharmaindustrie, wo man sehr produktbezogen arbeitet. Dort geht es darum, einen vorgegebenen Wirkstoff möglichst schnell in eine Form zu bringen, die für Versuche genutzt und später hoffentlich in einem Arzneimittel angewendet werden kann. Bei uns geht es hingegen um die Grundlagen. Wir liefern quasi die Werkzeuge, die die Kollegen in der Industrie nutzen: Wir decken Gesetzmäßigkeiten auf und entwickeln Methoden, damit man später die geeigneten Strategien auswählen kann.

Mein Schwerpunkt ist es, Arzneistoffe mit schwierigen Verarbeitungseigenschaften in den Griff zu kriegen. Viele neue Wirkstoffkandidaten sind zum Beispiel schwer löslich. Sie müssen sich aber lösen lassen, weil man sie sonst nicht in eine Injektionszubereitung verarbeiten kann. Auch wenn ein Patient etwas einnimmt, muss es sich anschließend auflösen. Es geht also darum, widerspenstige Arzneistoffe sozusagen zu überlisten und in eine Form zu bringen, die für Menschen anwendbar und wirksam ist. Dafür sind zum Beispiel Nanopartikel geeignet: In ihnen kann der Wirkstoff eingeschlossen und mit dem Blut dorthin transportiert werden, wo er wirken soll. Wir untersuchen, wie man solche Nanopartikel herstellt und weiterverarbeitet, wie sie sich verhalten, wie viel Wirkstoff sie aufnehmen können. All das ist entscheidend, denn andernfalls könnte man mit manchem Wirkstoff nicht viel anfangen.“

Der Architekt

Olaf Mumm ist wissenschaftlicher Mitarbeiter am Institut für nachhaltigen Städtebau: „Ich bin Wissenschaftler, weil ich das komplexe System Stadt entschlüsseln möchte. Gemeinsam mit anderen arbeite ich an der Vision, die systematische und methodische Auseinandersetzung mit Stadt, Architektur und Raum mit weiteren Disziplinen –
etwa Verkehr, Energiedesign, Produktion, Geoökologie und Soziologie – zu koppeln und weiterzuentwickeln. Mit wissenschaftlich fundierten Erkenntnissen und neuen digitalen Instrumenten möchte ich zu einer Kultur des städtebaulichen Entwerfens beitragen, in der der Mensch zentral steht. Der städtebauliche Diskurs heute ist einerseits geprägt von Werten, andererseits von Meinungen – insbesondere in Bezug auf Ästhetik und die Wirkung auf den Menschen. Dies lässt häufig eine wissenschaftliche Basis für Entscheidungen und Prozesse missen – daran arbeiten wir am Institute for Sustainable Urbanism (nachhaltiger Städtebau). Eines der Ziele ist dabei die Identifizierung objektivierbarer Kriterien, wie die Umwelt gestaltet sein sollte, damit sie für alle Menschen zugänglich und gleichzeitig schön und ressourcensparend ist.

Im Kontext des Forschungsschwerpunktes „Stadt der Zukunft“ befassen wir uns unter anderem mit der Frage, wie sich aus „urbanen Daten“ Kriterien für eine nachhaltigere Entwicklung ableiten lassen. Im Kontext der Mobilität interessiert uns beispielsweise, wie sich Menschen bewegen und ihre Entscheidung, zu Fuß zu gehen, den Bus, das Rad oder das Auto zu nehmen, treffen. Da spielt die Gestaltung der Stadträume eine wichtige Rolle, das Wetter, die Bustaktung und vieles mehr. Für uns ist es zentral, dass das Wissen aus den Unis in der Praxis ankommt. Wir arbeiten deshalb sehr eng mit Kommunen und anderen Gruppen zusammen.“

Die Informatikerin

Georgia Albuquerque ist Post-Doc am Institut für Computergrafik:

„Ich bin Wissenschaftlerin, weil es mir Spaß macht, immer weiter zu lernen. Deswegen habe ich mit der Forschung angefangen. Ich komme aus Brasilien, habe dort meinen Bachelor gemacht und bin 2003 für ein Austauschsemester nach Braunschweig gekommen. Die Forschung hier hat mir ebenso viel Freude bereitet wie in Brasilien. Generell ist hier alles schöner, als ich erwartet hatte. Es war ganz einfach, sich hier in alles zu verlieben.

Ziel von Forschung ist es, neue Ideen zu entwickeln, die man später in echten Produkten nutzen kann. Das macht zwar auch die Industrie, aber ich kann mir vorstellen, dass man an der Uni mehr Freiheiten hat. Ich genieße das konzentrierte Arbeiten, den Austausch mit anderen Wissenschaftlern und mit den Studenten, die ich betreue. Mein Hauptthema am Institut für Computergrafik ist die Analyse von Big Data, von großen Datenmengen. Es ist sehr schwierig, daraus Informationen herauszufiltern. Mit Methoden wie interaktiver Visualisierung, kombiniert mit Data Mining oder Machine Learning ist es aber möglich. Dabei geht es darum, mittels Algorithmen bestimmte Muster und Zusammenhänge zu finden. Ein Beispiel aus dem Supermarkt: Die Betreiber interessiert ja, wie sie ihre Produkte am besten anordnen. Bei der Analyse von Kaufbelegen sieht man dann vielleicht, dass viele Kunden an einem bestimmten Tag Bier und auch Windeln kaufen – das kann man fürs Marketing nutzen.

Das Tolle an der Wissenschaft ist: Es gibt immer neue Dinge, die mich interessieren. Ich glaube, alle Menschen mögen es, Neues zu lernen. Es haben vielleicht nur noch nicht alle genau das gefunden, was ihnen am Herzen liegt.“

Der Literaturwissenschaftler

Jan Röhnert ist Professor für Literaturwissenschaft am Institut für Germanistik:

„Ich bin Wissenschaftler, weil die Wissenschaft es mir gestattet, meine Nase in verschiedene Bereiche zu stecken und nicht von vornherein mit einem Kosten-Nutzen-Denken konfrontiert zu sein. Ich kann erstmal zweckfrei neugierig sein. Natürlich nicht zum reinen Selbstzweck, denn Forschung soll ja einen Nutzen für die Allgemeinheit haben. Hinzu kommt die Lehre, die die Studierenden zu einem grundständigen Wissen befähigen und im günstigsten Fall zu eigener Forschung anregen soll.

Man kann die Geistes- und Kulturwissenschaften nicht wirtschaftlich in Zahlen messen; sie sind ein großes kulturelles Kapital. Mein Fachgebiet ist die neuere und neueste Literatur in der technisch-wissenschaftlichen Welt. An der TU gibt es ein gutes Miteinander mit den Natur- und Ingenieurwissenschaften. Wir haben viele interdisziplinäre Zugänge, etwa bei den Forschungsschwerpunkten „Stadt der Zukunft“ und „Mobilität“. Mein Part ist dann zum Beispiel die Frage: Wie geht die Literatur mit technischer Beschleunigung um? Wie werden Verkehrsmittel in Lyrik und Film gesehen? Diese Fragen der Deutung sind wichtig für unser kulturelles Selbstverständnis. Es geht darum, wie sich unser Bild von der Welt im Zuge technischer Innovation ändert.

Zuletzt habe ich mich mit Karst-Landschaften befasst. Dank einer Förderung der Volkswagenstiftung konnte ich der Frage nachgehen, wie diese Landschaften literarisch abgebildet werden. Sie sind ja eher karg, zugleich aber mannigfaltig in ihrer geoökologischen Vielfalt. Als archaische Rückzugsorte könnten sie noch eine wichtige Rolle an der Peripherie unserer Städte der Zukunft spielen. Gar nicht weit weg im Südharz liegt etwa der Karstwanderweg.“

Serie „TU von A bis Z“: TU Braunschweig bewirbt sich als Exzellenz-Uni

Die Technische Universität Braunschweig ist im Rennen um viele Millionen Euro für die Spitzenforschung. 19 Universitäten beziehungsweise Uni-Verbünde aus ganz Deutschland bewerben sich um den Titel Exzellenz-Universität. Bis zu 11 werden am Ende ausgewählt. Ihnen winken pro Jahr jeweils mehr als 10 Millionen Euro. Auch die TU hat ihren Antrag eingereicht. Möglich ist die Bewerbung nur, weil die Uni im vergangenen Jahr zwei Exzellenzcluster eingeworben hat. Nun soll der zweite Schritt folgen, sozusagen die Krönung. Am 2. und 3. Mai kommen internationale Experten nach Braunschweig, um den Antrag zu prüfen. Am 19. Juli entscheiden sie, welche Bewerber Exzellenz-Unis werden.

Alle schon veröffentlichten Folgen der Serie finden Sie hier.

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