Eine Künstlerin, die Partei ergreift für die Verletzlichkeit

Braunschweig  Franziska Rutz kam aus der Schweiz nach Braunschweig.

Franziska Rutz hat ein wundervolles Gedicht parat, als wir über das Alter und das Altern sprechen. Kluge schöne Zeilen von Jenny Joseph. Ihr überlassen von der ehemaligen SPD-Ratsfrau Kate Grigat. Das Gedicht heißt „Warnung“ und beginnt so:

„Wenn ich einmal eine alte Frau bin, werde ich Purpur tragen, mit einem roten Hut, der nicht dazu passt und mir auch nicht gut steht, und ich werde meine Rente ausgeben für Cognac und Sommerhandschuhe und für Sandalen aus Satin, und ich werde sagen: für Butter haben wir kein Geld …“

Das Älterwerden fange eigentlich schon in der Kindheit an, sinniert Franziska Rutz, die Künstlerin, die seit 1994 in Braunschweig lebt. Und sie betont: „Es reicht nicht, nach dem Sinn des Lebens erst als gereifter Mensch zu suchen.“ Sinnsuche müsse den Menschen stets begleiten.

Das Thema Altern hat sie für eine Ausstellung aufgearbeitet – Fotoarbeiten und Objekte. Sie zitiert ihre Nachbarin, die gesagt hat: „Die Seele altert nicht.“ Ein tröstlicher Spruch in Zeiten des Jugend- und Schönheitswahns. „Wer nicht aktiv bleibt im Alter riskiert Vereinsamung“, meint die Künstlerin.

Eine Schweizerin im Norden. „Obwohl ich doch immer in den Süden wollte“, sagt sie schmunzelnd. Inzwischen denkt sie darüber nach, die deutsche Staatsbürgerschaft zu beantragen.

Sie fühlt sich wohl hier an der Oker. Der Liebe wegen war sie hergekommen. Eine Liebe, die gehalten hat. Und so ist sie geblieben. Im vergangenen Jahr hat Franziska Rutz ihre Partnerin geheiratet. „Ich habe Braunschweig immer als sehr offen erlebt“, sagt sie. Da sie bereits eine Ausbildung als Bildhauerin hatte, suchte und fand sie künstlerische Kontakte nicht an der Kunsthochschule, sondern im BBK, dem Berufsverband der Bildenden Künstler. Lange hatte sie ein Atelier beim Vorsitzenden Christof Nanko im Künstlerhaus Palm.

Doch obwohl sie sich eine Fangemeinde, treue Stammkundinnen, herangezogen hat – allein von der Kunst kann Franziska Rutz nicht leben. So gab sie Kurse und Workshops in soziokulturellen Zentren und an der Bundesakademie für kulturelle Bildung in Wolfenbüttel. An der Volkshochschule auch Lehrgänge in Bildbearbeitung. Heute ist sie zweimal die Woche in Kindergärten aktiv, besucht mit den Kleinen auch Ausstellungen.

In ihrer Kunst fordert Franziska Rutz auf zur Auseinandersetzung mit Vorurteilen und Rollenklischees. „Meinen Arbeiten liegt ein sozialkritischer und politischer Ansatz zugrunde und die Lust, Perspektiven in meinen Bildern auszudrücken.“

Um mehr über die Menschen zu erfahren, beobachte sie und versuche, deren persönlichen Ausdruck kennenzulernen, deren Ausstrahlung oder Körperhaltung. „Ich konfrontiere die gemachten Beobachtungen mit meiner eigenen Lebensrealität und meiner Sicht der Dinge mittels digitaler Weiterverarbeitung der Fotografie.“ Dabei wolle sie Partei ergreifen für das Menschsein und die Verletzlichkeit, wolle sie den Blick lösen von Vorurteilen und festgesetzten Bildern aus der Medienwelt.

Gerade erst ging eine Ausstellung von ihr zu Ende in Thorsten Stelzners kleinen Galerie „Vitamine“. Da schrieb Regine Nahrwold über die Künstlerin. Franziska Rutz hatte in dem Interview gesagt: „In meiner Kunst beschäftige ich mich mit der Jetzt-Zeit und benutze ein künstlerisches Mittel von heute, nämlich das der digitalen Bildbearbeitung.“ Sie unterscheide die aus vielen (immer eigenen) Fotos zusammengefügte Montage und die Decollage, bei der ein einzelnes, meist farbiges Motiv aus einem größeren Kontext isoliert und vor einem neuen, grautonigen Hintergrund freigestellt werde.

So geschehen etwa in der Serie „Lourdes“, in der sie den Glauben an die Glücksverheißungen der Wallfahrt kommentiert. Kritisch, aber nicht ohne Humor, meint Rezensentin Nahrwold.

Nun sammelt Franziska Rutz Kraft und Inspiration für neue Taten. Wir freuen uns drauf.

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