Auf dem Kleine-Dörfer-Weg: 213 000 Schritte rund um Braunschweig

Braunschweig  Martina Bartlings großes Abenteuer ist der Kleine-Dörfer-Weg. Sie hat darüber liebenswürdige Geschichten geschrieben. Nur eines macht ihr Angst ...

Es geht los: Martina Bartling vor Torhaus und Frauenkapelle der Klosterkirche Riddagshausen.

Es geht los: Martina Bartling vor Torhaus und Frauenkapelle der Klosterkirche Riddagshausen.

Foto: Verlag

Braunschweig ist eine Scheibe. Aufgebaut wie eine Dart-Scheibe: In der Mitte thront der Löwe, dann kommt der mittlere Ring mit Wallanlagen und Oker – und ganz außen der Kleine-Dörfer-Weg. So empfängt uns Martina Bartling, die sich ein ganz besonderes Abenteuer vorgenommen hat: mal zu Fuß rund um ihre Heimatstadt.

Der Spur des Kleine-Dörfer-Wegs folgen. Das hat sie getan, in einem brüllend heißen Sommer. 31 Dörfer, sieben Tage, sechs Unterkünfte, 128 Kilometer. Ja, es waren auch ein paar Umwege dabei, Irrwege, Abwege.

Das alles beschreibt Martina Bartling in ihrem Wanderbericht „Lokalrunde“. Das sind kleine, liebenswürdige Geschichten rund um Braunschweig, inspiriert auch von unserer Zeitung, die den Kleine-Dörfer-Weg in einer Serie wiederentdeckt und mit ihren Leser per Rad abgefahren hatte.

Nun also mit Martina Bartling zu Fuß. Mit einer Frau, die staunt in Stiddien und Geitelde, von beängstigenden Geräuschen in Lamme heimgesucht wird, einen Nackten zwischen Bienrode und Waggum trifft, sich im Wald aber immerzu fürchtet und die Pfefferspraydose fester greift, wenn es da im Gebüsch raschelt.

Eine ganz normale Frau also, mit Fußpflaster und hartgekochtem Frühstücksei im Rucksack unterwegs, eine, die wegen ihrer Wald-Angst dann aber doch lieber ein Taxi von Timmerlah nach Lamme nimmt. So wird der feindliche Timmerlaher Busch umrundet. Und mit dem leicht verstockten Taxifahrer spielt sich ein bemerkenswerter Dialog ab:

„Wie, Sie wohnen in Braunschweig?“ – „Ja, wieso?“ – „Und warum übernachten Sie dann nicht zu Hause?“ – „Weil ich auf Reisen bin.“ – „In Braunschweig?“ – „Ja.“ – Schweigen.

So war es ja auch uns auf dem Kleine-Dörfer-Weg gegangen. Entdecke deine Stadt mal ganz neu, gewissermaßen aus der Graswurzel-Perspektive. Entdecke sie in Völkenrode oder Volkmarode, erforsche das wilde Harxbüttel, lass dich treiben in Bevenrode. Die kleinen Sensationen, so sagt man, liegen doch am Weg.

Und der ist schließlich das Ziel, auch für Martina Bartling, PR-Referentin, begeisterte Wanderin, Eintracht-Fan.

So viele Kirchen, wie Perlen an der Schnur. Immer wieder ein Glücksmoment, wenn ihr eine aufgeschlossen wird. „Fast wie bei einer Pilgerreise“, findet sie. Dies hier ist aber mehr eine Expedition an die Ränder der eigenen Stadt und der eigenen Tapferkeit.

Als Frau allein. Tja. Irgendwo hinter Lamme begegnet sie dann einem gedrungenen, vierschrötigen Mann mit einem riesengroßen Jagdhund. Der Mann baut sich breitbeinig vor ihr auf, mustert sie von oben bis unten. Jedenfalls kommt ihr das alles so vor. „Sie als Frau wandern allein?“

Vermutlich denkt sie da an die Szene im einschlägigen Fachhandel, wo sie das Pfefferspray erstand. Mann, das gibt Waffen! Was machst du aber mit so einem Typen? Der riesige Hund will schließlich auch nur spielen und leckt ihr die Hand. Martina Bartling fasst sich ein Herz: „Ist der süß! Machen Sie ein Foto von uns beiden?“ Das klappt. Und so ist sie. Furchtsam zwar, wenn sie aus dem Rüninger Hotelzimmer blickt und sich in der gegenüberliegenden Tankstelle offenbar gerade ein Kapitalverbrechen mit Geiselnahme abspielt. Den Tatort im Kopf musst du aber abschalten auf dem Kleine-Dörfer-Weg. Denn der ist sowas von unspektakulär, dass es schon wieder spektakulär ist.

Im „Gemütlichen Pattkopp“ in Lamme, ganz ehrlich, da will ihr auch keiner ans Leder. Was rumpelt da nur so schaurig-fürchterlich? Nun, das ist bloß die Kegelbahn direkt unterm Zimmer.

Und der Nackte? Ein Nudist am Bienroder See. Der ist aber selber erschrockener als die schreckhafte Wanderin. Wie sie nach erfolgreicher Kleine-Welt-Umrundung zurück am Startpunkt in Riddagshausen ist, da verspürt sie ein eigentümliches Glück, das wir nachvollziehen können.

Sie schenkt sich den Himbeergeist ein, ein Geschenk vom Obsthof am Geitelder Berg – und ist ein glücklicher Mensch. Das sind nette Geschichten, leicht lesbar, nichts für strenge Heimatforscher, die immerzu rauskriegen müssen, wie das alles wohl heißen mag und wie alt es ist. Martina Bartling staunt lieber und freut sich, ja, bloß im Geitelder Holz nicht, da muss sie passen und geht lieber an der Straße entlang. Schließlich hat sie Wald-Phobie, dieses fiese Knacken im Unterholz ...

Schade, es ist das schönste Stück. So entlässt jetzt der Kleine-Dörfer-Weg seine Kinder. Längst hat auch die Politik ihn wiederentdeckt, spendierte zuletzt 50 000 Euro, um den Weg als solchen gut zu planen. Noch 2018 soll es „erste Umsetzungsmaßnahmen“ geben. Vor allem darf man auf eine gute Ausschilderung des Kleine-Dörfer-Wegs hoffen.

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