Alles, was zählt - Eine Geschichte zwischen Angst und Hoffnung

Braunschweig  Als der zweijährige Arian die Diagnose Leukämie bekommt, gerät das Leben der Familie Geffers aus Braunschweig aus den Fugen.

Zwei Jahre ist Arian alt, als die Krankheit in sein Leben kommt. Er hat Fieber, eine Eiterblase am Finger und große blaue Flecken. Am Hals tauchen rote Punkte auf, wie Blutschwämmchen, und die Lymphknoten hinter den Ohren werden dick und hart. Jennifer und René Geffers ahnen, dass es sich nicht nur um eine der üblichen Kinderkrankheiten handelt. Dass es möglicherweise etwas Schlimmeres ist. „Arian war blass, tobte nicht mehr, war kraftlos, er lief wie ein alter Mensch.“

Die Eltern gehen zum Kinderarzt. Der schaut sich den Jungen an, hebt das T-Shirt hoch, tastet den kleinen Körper ab, stellt fest, dass die Organe vergrößert sind. „Sie müssen sofort ins Krankenhaus“, sagt er. Jennifer Geffers schießt eine schreckliche Ahnung durch den Kopf: Leukämie – und fühlt, wie Panik in ihr aufsteigt.

Sie fahren ins Städtische Klinikum in Braunschweig, dort wird Arian sofort Blut abgenommen, sein Knochenmark punktiert. Das Kind ist voll mit bösen Krebszellen. Die Ahnung hat sich bewahrheitet.

Leukämie. Blutkrebs. Jennifer Geffers weiß nicht, was sie denken, was sie fühlen soll. „Zwei Wochen später, und er wäre innerlich verblutet“, sagt sie. Ihr laufen die Tränen, die Gedanken überschlagen sich. Hat ihr Sohn eine Chance? Wie geht es weiter?

„Ich war froh, dass gleich meine Eltern ins Krankenhaus kamen“, sagt die 28-Jährige. Das Kind liegt in Narkose, sie läuft weinend über den Flur und denkt nur: So ist es, wenn Dir jemand den Boden unter den Füßen wegreißt, wenn man keinen Halt mehr findet und fällt. Am Nachmittag sitzt sie mit ihrem Mann im Arztzimmer, sie weint und weint und fühlt sich wie benebelt, als ihr der Arzt erklärt, um welche Art von Krebs es sich handelt: Akute Lymphatische Leukämie, die sogenannte ALL-Leukämie.

Sie hören den Begriff, nehmen kaum etwas wahr. Von einer Sekunde zur anderen ist das Leben auf den Kopf gestellt. Wird Arian es schaffen? Das ist die einzige Frage, die sie zu diesem Zeitpunkt interessiert. Sie sollen sich darauf einstellen, dass ihr Sohn erst einmal drei Wochen im Krankenhaus bleiben muss. Er kommt auf die Station K 5, in das Zimmer mit der Nummer 15.

Die 15 ist eine Schicksalszahl für Jennifer und René Geffers. An einem 15. haben sie geheiratet, am 15. März bekommt ihr Sohn die Diagnose Krebs. Zwei Daten, die ihr Leben verändern, im Guten wie im Schlechten. Und dann noch das Zimmer 15. „Es ist schon ein merkwürdiger Zufall“, sagt Jennifer Geffers.

Ein Wechselbad der Gefühle – das hat die Familie reichlich erlebt. Panik, Schmerzen, Verzweiflung, aber auch Stärke, Hoffnung und ein Zusammenhalt, der nur in Phasen des Leides möglich ist. Langsam nehmen sie die ganze Dimension der Krankheit wahr. Die Akute Lymphatische Leukämie ist die häufigste Form der Leukämie im Kindesalter. Rund 2000 Kinder unter 18 Jahren erkranken in Deutschland jedes Jahr an Krebs, erklärt Dr. Wolfgang Eberl, Leitender Oberarzt und Facharzt für Kinder-Hämatologie und Onkologie am Städtischen Klinikum in Braunschweig. Darunter sind rund 600 von einer ALL-Leukämie betroffen, die meisten sind zwischen zwei und sechs Jahre alt. Bei der Erkrankung entarten Zellen, die normalerweise zu Lymphozyten heranwachsen.

Lymphozyten gehören zu den weißen Blutkörperchen. Sie sind zuständig für die Abwehr von Krankheitserregern. Die Krebszellen breiten sich im Knochenmark aus und behindern die Bildung gesunder Blutkörperchen. „Die Erkrankung entwickelt sich sehr schnell“, sagt Eberl. „Von den ersten Symptomen bis zur Diagnose vergehen oft nur drei bis vier Wochen.“ Unbehandelt führt die Krankheit zum Tod.

Aber es gibt Hoffnung für Arian: Rund 85 Prozent der betroffenen Kinder kann den Krebs schon während der ersten Therapie besiegen. Bei 15 Prozent kommt es zu Rückfällen, aber die Hälfte kann mit Hilfe einer Stammzellentherapie geheilt werden. Es sind bloße Zahlen, Statistiken, aber die Geffers klammern sich an jeden Strohhalm.

Arian bekommt eine Bluttransfusion, einen Venenzugang für die Infusionen, Chemotherapie. „Er hat geschrien und war schon so schlapp, dass er unsere Tränen gar nicht mitbekommen hat“, sagt Jennifer Geffers. Tag und Nacht ist ihr Mann im Krankenhaus, an der Seite seines Sohnes; seine Frau kümmert sich um seinen acht Jahre älteren Bruder, muss ihn trösten, Mut machen und immer wieder erklären, warum der „Kleine“ im Krankenhaus ist.

Schon kurz nach der Diagnose folgt der nächste Nackenschlag: Weil René Geffers bei der Arbeit für längere Zeit ausfallen wird, bekommt er die Kündigung. Es ist eine kleine Firma, den Ausfall könne man nicht kompensieren, heißt es. „Es war eine böse Überraschung, doch am Ende war das erst einmal zweitrangig“, sagt der 33-Jährige. „Alles, was zählte, war Arians Genesung.“

Kinder in diesem Alter akzeptieren ihr Schicksal noch erstaunlich leicht, das erlebt der Mediziner Wolfgang Eberl immer wieder. „Sie haben keine Angst vor der Zukunft, fragen nicht, ob sie überleben – sie haben Angst vor ganz konkreten Dingen, dem nächsten Pieks bei der Blutabnahme etwa.“ Doch sie müssen damit klar kommen, dass ein normales Leben erst einmal nicht möglich ist.

Es folgen Monate mit stationären Aufenthalten und ambulanten Therapien, Monate, in denen die Eltern ständig zwischen ihrer Wohnung und dem Krankenhaus pendeln. Kontakt mit Kranken muss Arian meiden, eine Infektion wäre fatal für sein ohnehin schon schwaches Immunsystem. Die Geffers geben ihre Katze fort an Freunde und die zwei Wellensittiche, die ihre Kinder so geliebt haben. Auch da wäre die Gefahr einer Übertragung von Krankheiten zu groß gewesen. Sie dürfen mit ihrem Sohn nicht in den Zoo, verlassen die Wohnung nur mit Mundschutz und Desinfektionsmitteln. „Man musste das Kind komplett einsperren“, sagt Jennifer Geffers. „Spielplatz, mit anderen Kindern toben – all das konnte Arian nicht machen.“

Im Sommer fallen seine Haare aus von der Chemotherapie. Im Mund, in der Speiseröhre und am Popo bilden sich entzündete Stellen, er ist oft unruhig und aggressiv, will nicht mehr laufen, sein kleiner Körper schwemmt auf – Nebenwirkungen der Medikamente, die er nehmen muss.

Beim Einkaufen werden die Eltern oft angestarrt und gefragt: Was hat er denn? Sie wollen nicht über Arians Krankheit sprechen, sie wollen kein Mitleid, sich nicht erklären müssen. Sie versuchen, irgendwie zu funktionieren, zu lächeln, obwohl ihnen nicht zum Lächeln zumute ist. Arian soll ihnen die Angst nicht anmerken.

Es ist nicht nur die Sorge um das Kind, die Schwierigkeit, den Alltag zu bewältigen, wenn sich alles um den Kampf gegen den Krebs dreht – auch finanziell bekommen die Geffers die Folgen der Krankheit zu spüren. Der Vater steht ohne Job da, die Mutter ist noch in Elternzeit. Sie sind auf Hartz IV angewiesen und auf das Pflegegeld von 316 Euro im Monat. Als das Auto kaputt geht, das sie dringend für die Fahrten ins Krankenhaus brauchen und später auch die Waschmaschine, sind auch die Reserven aufgebraucht.

Der Verein „Weggefährten“, der Eltern von tumorkranken Kindern in Braunschweig unterstützt, ermöglicht der Familie unter anderem eine Auszeit am Bernsteinsee bei Gifhorn. Zweimal können sie für einige Tage dort hinfahren, in Holzhäusern übernachten, auf dem Spielplatz spielen, sich eine Pause gönnen und vor allem: zusammen sein. „Auch für unseren großen Sohn Tjark war es eine schwere Zeit“, sagt Jennifer Geffers. Er muss viel zurückstecken, weil sich fast alles um das kranke Kind dreht, er hat auch mit Verlustängsten zu kämpfen, Panik, dass sein kleiner Bruder sterben könnte.

Für den Mediziner Wolfgang Eberl ist die Hilfe solcher Elternvereine nicht nur deshalb eine wertvolle Begleitung bei der Therapie: „Eine Krebserkrankung ist ein gravierender Einschnitt im Leben einer Familie und die Hilfe der Initiativen ein unverzichtbarer Teil unserer Arbeit geworden.“

Inzwischen gilt Arian als geheilt. Er muss nur noch alle zwei Wochen zur Kontrolle ins Krankenhaus, kann seine Medikamente Zuhause einnehmen. Er rennt durch das Wohnzimmer, tritt gegen einen großen Plastikball und juchzt. In wenigen Wochen wird er drei Jahre alt; auf seinem Kopf sprießen wieder blonde Haare.

Jennifer Geffers hat das Wohnzimmer geschmückt, mit Tannenzweigen, Weihnachtsmännern und roten Kerzen; am Nachmittag wollen sie einen Weihnachtsbaum kaufen, die Kugeln hat sich Arian schon ausgesucht, lila werden sie sein, eine seiner Lieblingsfarben.

„Weihnachten hat für uns in diesem Jahr eine besondere Bedeutung“, sagt Jennifer Geffers. Sie freuen sich darauf, dass sie alle vier zusammen sein können, Zeit und Ruhe haben, das gemeinsame Fest zu genießen. Nächstes Jahr werden sie im Februar oder März noch zu einer Kur in den Schwarzwald fahren, ebenfalls mit der ganzen Familie.

Dort sollen die Eltern auch die Möglichkeit bekommen, das Erlebte aufzuarbeiten, auch mal Zeit für sich haben. „Und dann wollen wir neu starten, eine Arbeit finden, zur Normalität zurückkehren – das ist unser größter Wunsch.“ Jennifer Geffers überlegt kurz, ehe sie ergänzt. „Und natürlich Gesundheit.“

Denn auch wenn die Therapie bei Arian gut angeschlagen hat, der Krebs fürs erste besiegt ist – ein Restrisiko ist da. „Die Angst, dass er zurückkommt wird immer bleiben“, sagt sie. „Ein Leben lang.“

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