Mehr Lärmschutz am Braunschweiger Flughafen?

Braunschweig  SPD, Grüne und BIBS wollen Fortschritte und machen Druck. Doch es gibt auch Gegenwind.

Knapp 30 000 Starts und Landungen gab es im vergangenen Jahr am Flughafen in Waggum, also im Schnitt 80 pro Tag.

Knapp 30 000 Starts und Landungen gab es im vergangenen Jahr am Flughafen in Waggum, also im Schnitt 80 pro Tag.

Foto: Rudolf Flentje

80 Starts und Landungen täglich – das war im vergangenen Jahr der Durchschnitt am Flughafen in Waggum. Wie viel Lärm müssen die Anwohner dort hinnehmen? Wie viel Lärm lässt sich vermeiden? Seit Jahren geht es immer wieder um diese Fragen.

Inzwischen gibt es im Rat der Stadt eine Mehrheit, die sich für mehr Lärmschutz einsetzt: Nicht mehr nur die BIBS, sondern auch SPD und Grüne sehen Handlungsbedarf. Sie wollen jetzt insbesondere bei der Lärmschutzkommission ansetzen.

Ihr Ziel: Die Kommission, die das Ministerium für Wirtschaft, Arbeit und Verkehr in Sachen Lärmschutz berät und elf Mitglieder hat, soll um drei von der Stadt vorzuschlagende Fachexperten erweitert werden. In der letzten Ratssitzung beschlossen die drei Fraktionen mit Zustimmung von Linken und Piraten/Die Partei, dass die Stadt beim Ministerium für eine Erweiterung werben soll. CDU, AfD und FDP halten das für unnötig.

Welche Aussicht auf Umsetzung der Ratsbeschluss hat, ist fraglich. Schon mehrfach hatte das Ministerium kundgetan, dass es keinen Anlass für eine Aufstockung der Kommission sieht. Auch nach dem Ratsbeschluss bekräftigte das Ministerium dies auf Anfrage unserer Zeitung: „Eine Erhöhung der von der Stadt Braunschweig zu entsendenden Mitglieder würde zu einem Missverhältnis gegenüber den anderen in der Kommission vertretenen Organisationen führen. Darüber hinaus ist es im Interesse der Effizienz und Arbeitsfähigkeit nicht geboten, die bereits erreichte Mitgliederanzahl zu überschreiten.“

Die Kommission setzt sich so zusammen: Den Vorsitz hat Marcus Behrens; er vertritt die Gemeinde Lehre. Braunschweig entsendet drei Mitglieder – Sonja Brandes (SPD) und CDU-Ratsfrau Antje Keller, beide aus Waggum und Mitglieder im Stadtbezirksrat Wabe-Schunter-Beberbach, sowie Horst Gasse von der Bürgerinitiative Hondelage, benannt von den Grünen im Rat. Zudem entsenden die Schutzgemeinschaft gegen Fluglärm und das Umweltministerium je einen Vertreter.

Des Weiteren sitzen in der Kommission Boris Gelfert, Flughafen-Geschäftsführer, Professor Joachim Block, Standortleiter des Deutschen Zentrums für Luft- und Raumfahrt (DLR), Bernd Meier, Hauptgeschäftsführer der IHK Braunschweig, sowie je ein Vertreter von Volkswagen Air-Service und des Aerowest-Flugcenters.

Das heißt: In der Kommission sitzen sechs Mitglieder, die vornehmlich die Interessen der Anwohner vertreten sollten, und fünf Mitglieder, die insbesondere auch die Interessen des Flughafens unterstützen. Trotz dieser Verteilung der Mitglieder kommen aus Sicht von SPD, Grünen und BIBS die Interessen der Anwohner zu kurz. Deswegen wollen sie, dass der Anteil der Lärmexperten erhöht wird. Die SPD rät, einen Vertreter der Deutschen Gesellschaft für Akustik hinzuzuziehen, sowie einen Lärm-Experten der TU Braunschweig und einen Lärmschutzgutachter.

Tatjana Jenzen, die für die BIBS im Stadtbezirksrat Wabe-Schunter-Beberbach sitzt, sagt: „Wir wollen mehr Gewicht in Bürgerhand geben – das müssen Leute sein, die sich fachlich auskennen und sich auch mal trauen, gegen VW den Mund aufzumachen. Wir sind nicht gegen den Flughafen und Hauptnutzer VW, aber es muss endlich etwas für die Bürger getan werden.“

Was die drei Fraktionen auch ärgert, ist die Tatsache, dass die Beschlüsse der Lärmschutzkommission nur empfehlenden Charakter haben. „Bis jetzt sind keine belastbaren Verbesserungen zu erkennen“, sagt Nicole Palm (SPD).

Das Ministerium sowie Flughafen-Geschäftsführer Boris Gelfert sehen das anders: So habe der Flughafen auf Empfehlung der Kommission zum Beispiel vor einigen Jahren die Laufzeit der Bordstrom-Aggregate auf jeweils zehn Minuten nach der Landung und vor dem Start begrenzt. Große Schilder weisen die Piloten darauf hin, stattdessen die Bodenstromgeräte des Flughafens zu nutzen, um den Lärm zu verringern.

Das wiederum überzeugt die Kritiker keineswegs: Zum einen hielten sich nicht alle Piloten an die Vorgaben, zum anderen seien auch die veralteten Bodenstromgeräte des Flughafens laut. SPD, Grüne und BIBS haben daher im Finanz- und Personalausschuss kürzlich einen Antrag beschlossen, dessen Umsetzung der Flughafen nun prüfen muss: Die Piloten sollen ihre Bordstrom-Aggregate direkt nach dem Einnehmen der Parkposition ausschalten und frühesten fünf Minuten vor dem Start wieder einschalten. Zudem soll der Flughafen seine alten Bodenstromgeräte ab 2019 durch moderne und leisere Geräte ersetzen.

Doch zurück zur Lärmschutzkommission: Auch innerhalb der Kommission ist eine mögliche Aufstockung umstritten. Seitens des DLR und der IHK heißt es zum Beispiel, die Arbeit laufe konstruktiv und gründlich. „Eine Aufblähung des Gremiums würde die sachliche Arbeit eher erschweren“, so DLR-Leiter Block. Und IHK-Hauptgeschäftsführer Meier sagt, die Geschäftsführung der Flughafengesellschaft zeige sich immer außerordentlich kooperativ, so dass eine Reihe freiwilliger Maßnahmen umgesetzt werden konnte. Darüber hinaus habe sich der Lärm verringert, weil die Zahl der Starts und Landungen gesunken sei. Zudem kämen immer geräuschärmere Antriebe zum Einsatz.

Horst Gasse aus Hondelage, den die Grünen in die Kommission entsendet haben, hat eine andere Sichtweise: Er findet, dass Flughafen-Geschäftsführer Gelfert nicht besonders kooperativ auf Belange der Bürger eingegangen sei. Auch scheitere vieles am Geld. „Die Kommission braucht mehr Kompetenzen“, fordert Gasse.

Und was sagt der Vorsitzende der Kommission, der CDU-Politiker Marcus Behrens aus Lehre? Ihm zufolge hapert es nicht in erster Linie an guten Beschlüssen, sondern eher an der Umsetzung insbesondere durch die Piloten – da müsse noch viel geschehen. Zur gewünschten Erweiterung sagt Behrens: „Ich verstehe zwar den Wunsch, mehr Bürgervertreter zu haben. Das wäre grundsätzlich nicht schlecht. Allerdings haben wir uns dagegen ausgesprochen. Wir nehmen die Beschwerden der Bürger immer sehr ernst – und wir sehen nicht, dass wir mit mehr Mitgliedern noch bessere Beschlüsse fassen könnten.“

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