Zwischenfall in Thune – Wie kam es dazu?

Braunschweig  Am 22. November wurde bei GE Healthcare Buchler schwach radioaktive Flüssigkeit freigesetzt. Das Umweltministerium beantwortet einige Fragen.

Bei GE Healthcare Buchler werden hinter dicken Türen schwach radioaktive Medikamente hergestellt. Quelle: GE Healthcare

Bei GE Healthcare Buchler werden hinter dicken Türen schwach radioaktive Medikamente hergestellt. Quelle: GE Healthcare

Die Sorge vieler Anwohner in Thune und Wenden vor radioaktiver Strahlung ist groß – vor ihrer Haustür arbeiten zwei Firmen mit schwach radioaktiven Stoffen für die Medizin: Eckert & Ziegler und GE Healthcare Buchler. Seit Jahren ist eine mögliche Gefahr durch einen Austritt von Radioaktivität heiß diskutiertes Thema. Und nun ist genau das geschehen: Vergangenen Montag teilte das niedersächsische Umweltministerium mit, dass es bei GE Healthcare Buchler fünf Tage zuvor einen Zwischenfall gegeben habe – ohne Gefährdung für Mensch und Umwelt, wie es heißt. Aus Sicht vieler Anwohner ist das aber ganz und gar nicht beruhigend. Die Pressemitteilung aus Hannover ließ zudem viele Fragen offen. Auf Anfrage unserer Zeitung hat das Umweltministerium daraufhin einige Details erläutert. Ein Überblick:

Was genau produziert GE Healthcare Buchler in Thune?

GE Healthcare gehört zum US-amerikanischen Konzern General Electric. In Braunschweig beschäftigt die Firma rund 100 Mitarbeiter. Sie stellen das Medikament Theracap her. Dabei handelt es sich um radioaktive Kapseln mit Jod-131, die zur Diagnose und Therapie bei Erkrankungen der Schilddrüse eingesetzt werden – etwa bei einer Überfunktion und bei Krebs. Die Produktion der Kapseln erfolgt dem Unternehmen zufolge fast vollautomatisch.

Was ist bei dem Zwischenfall am 22. November passiert?

Laut dem Ministerium wurden beim Ausschleusen eines Abfallbehälters aus einer Produktionsbox rund 40 Milliliter radioaktiv belastete Flüssigkeit verschüttet. Wie es dazu kommen konnte, ist bislang offensichtlich nicht genau bekannt: „Eine detaillierte Analyse des Zwischenfalls erfolgt durch GE Healthcare Buchler“, teilt Ministeriumssprecherin Justina Lethen mit. „Hierzu wird dem Ministerium ein Bericht vorgelegt werden.“ Dieser werde zusammen mit einer unabhängigen Sachverständigenorganisation geprüft.

Was geschah nach dem Auslaufen der radioaktiven Flüssigkeit?

Der Zwischenfall ereignete sich am Mittwoch, 22. November. Laut dem Ministerium bemerkte die Firma einen Tag später, dass die in der Genehmigung festgelegte Tagesabgabe an Radioaktivität um 40 Prozent überschritten wurde. Daraufhin sei die Produktion sofort eingestellt und der Bereich dekontaminiert worden. „Das Ministerium wurde von der Firma fristgerecht am 23. November informiert und hat am gleichen Tag vor Ort alle erforderlichen Maßnahmen veranlasst“, so Lethen.

Was genau hat das Ministerium eingeleitet – und wann?

Dazu sagt die Sprecherin: „Unter Zuziehung von Fachleuten des Niedersächsischen Landesbetriebes für Wasserwirtschaft, Küsten- und Naturschutz wurden Proben aus der Raumluft des Produktionsbereichs und Bodenproben in der Umgebung der Betriebsstätte genommen.“ Die Raumluftproben seien am 23. November genommen worden, die Bodenproben am 27. November.

Wo wurden die Bodenproben entnommen – und wie viele?

Laut Ministerium wurden die Bodenproben an den Probenahmeorten des sogenannten Umgebungsüberwachungsprogramms genommen. Dadurch sei ein Vergleich mit den vorhandenen Messreihen möglich. Die konkreten Orte nennt das Ministerium in seiner Antwort nicht. Beim Umgebungsüberwachungsprogramm handelt es sich um eine Erfassung der Strahlenbelastung. Es wurde vom Ministerium vor einigen Jahren eingeführt, damit sich die Bevölkerung besser informieren kann – die Messwerte sind im Internet einsehbar. So gibt es unter anderem Messpunkte am Zaun des Betriebsgeländes und am Schulzentrum Wenden.

Wie Ministeriumssprecherin Justina Lethen erläutert, wurden im aktuellen Fall drei Bodenproben ausgewertet. „Zusätzlich wurde eine Probe entsprechend der Ausbreitungsrechnung zur Verteilung der freigesetzten radioaktiven Stoffe genommen“, sagt sie.

Was zeigt die Auswertung der verschiedenen Proben?

Dazu heißt es: „Keine Probe zeigt einen Eintrag von radioaktiven Stoffen in den Boden.“ Über die Raumabluft sei Jod-131 an die Umgebung freigesetzt worden. „Ausbreitungsberechnungen ergaben jedoch keine nachweisbaren Messwerte für die Umgebung“, so Lethen. „Auch der Jahresgrenzwert für die Ableitung über die Luft wird weiterhin sicher eingehalten. Eine Gefährdung der Bevölkerung und der Umwelt besteht nicht.“ Eine Überschreitung der Grenzwerte der Strahlenschutzverordnung könne nach derzeitigem Erkenntnisstand ausgeschlossen werden.

Kamen Mitarbeiter bei dem Zwischenfall zu Schaden?

Bei drei Mitarbeitern, die mit den Dekontaminationsarbeiten betraut waren, seien erhöhte Personendosen festgestellt worden. „Bei der Eilauswertung der Dosimeter (Strahlungsmessgeräte) wurde für die Mitarbeiter eine maximale effektive Dosis von 0,5 Millisievert ermittelt“, sagt die Ministeriumssprecherin.

„Die Auswertung der parallel getragenen Fingerring-Dosimeter ergab maximal 6 Millisievert. Für beruflich strahlenexponierte Personen liegt der Grenzwert der effektiven Dosis bei 20 Millisievert im Kalenderjahr, für die Hände bei 500 Millisievert im Kalenderjahr. Die Grenzwerte der Strahlenschutzverordnung für beruflich strahlenexponierte Personen wurden somit nicht überschritten.“ Aufgrund der vorliegenden Werte seien keine gesundheitlichen Beeinträchtigungen zu erwarten.

Warum ist nicht sichergestellt, dass keine belastete Flüssigkeit verschüttet werden kann?

Dazu das Ministerium: „Trotz aller Vorsichtsmaßnahmen sind Handhabungsfehler grundsätzlich nicht auszuschließen. Für zu unterstellende Handhabungsfehler muss sichergestellt sein, dass die Grenzwerte der Strahlenschutzverordnung nicht überschritten werden. Hierfür sind gegebenenfalls weitere Vorsorge- und Schutzmaßnahmen zu treffen.“

Hat das Ministerium Auflagen verfügt, um eine Wiederholung zu vermeiden?

Bislang nicht. GE Healthcare Buchler hat laut dem Ministerium Sofortmaßnahmen veranlasst, um Vorkehrungen gegen eine Wiederholung zu treffen. Welche, bleibt offen. „Weiterhin hat die Firma zwei Untersuchungen angekündigt“, so Lethen. „Eine Untersuchung betrifft die technischen Vorsorge- und Schutzmaßnahmen der Arbeitsprozesse. Eine weitere Untersuchung betrachtet die Schnittstelle zwischen Mensch und Technik, um menschliche Fehler zu identifizieren und zu minimieren.“ Unabhängig davon werde das Umweltministerium unter Zuziehung einer unabhängigen Sachverständigenorganisation den Zwischenfall ebenfalls analysieren. Gegebenenfalls würden dann weitere Vorsorge- und Schutzmaßnahmen veranlasst.

Warum wurde der Vorfall erst am 27. November bekanntgemacht?

Für die Meldung eines Vorkommnisses gemäß Strahlenschutzverordnung gebe es keine Meldefristen, teilt Justina Lethen mit. Schon am 23. November sei erkennbar gewesen, dass keine Gefährdung der Bevölkerung oder der Umwelt zu erwarten sei. Anschließend habe man Proben genommen und Ausbreitungsrechnungen zur Verteilung der freigesetzten radioaktiven Stoffe durchgeführt. „Damit konnte das Ministerium am 27. November mit gesicherten Erkenntnissen an die Öffentlichkeit gehen“, sagt sie.

Warum hat das Ministerium die Stadt nicht informiert?

„Weil keine Gefährdung der Bevölkerung und der Umwelt bestand“, so Lethen.

Wie reagiert die Stadt auf den Zwischenfall?

Wie Sprecher Adrian Foitzik mitteilt, werde die Stadt Kontakt mit dem Ministerium aufnehmen und Infos erbeten. Erst dann könne das Ganze bewertet werden.

Was sagt GE Healthcare Buchler?

Das Unternehmen schickte eine Stellungnahme. Darin heißt es: „Wir haben keine Anzeichen, dass es zu einer Gefährdung von Menschen oder der Umwelt kam. Eine Überschreitung der Grenzwerte der Strahlenschutzverordnung kann nach derzeitigem Erkenntnisstand ausgeschlossen werden. Wir überwachen diese kontinuierlich und führen eine umfassende Untersuchung durch.“

Alle erforderlichen Sicherheitsmaßnahmen seien umgehend erfolgreich eingeleitet worden. „Die Sicherheit unserer Mitarbeiter, der Anwender unserer Produkte und der Umwelt haben für uns oberste Priorität“, so die Firma. „GE betreibt den Standort Braunschweig strikt nach den Sicherheitsvorgaben und -standards für Umwelt, Gesundheit und Strahlenschutz. Wir arbeiten mit allen relevanten Stellen vor Ort eng zusammen. Zusammen mit der Aufsichtsbehörde hat eine Ursachenuntersuchung begonnen. Dabei werden auch Maßnahmen festgelegt, um solche oder ähnliche Ereignisse zu verhindern.“

Und was sagen die Anwohner?

Viele sind empört. Die Bürgerinitiative Strahlenschutz (BISS) ruft am Montag, 4. Dezember, um 16.30 Uhr zu einer Kundgebung vor dem Dorfgemeinschaftshaus in Thune auf. Das Motto: „Es reicht!“ Ab 17 Uhr findet dort eine Bürgersprechstunde mit Stadtbaurat Heinz-Georg Leuer statt.

KOMMENTAR

Fahrlässig

Das Vorgehen von Umweltministerium und Unternehmen wirft nach wie vor Fragen auf: Warum hält es das Ministerium nicht für nötig, wenigstens die Stadt sofort zu informieren? Und warum untersucht die Firma den Zwischenfall selbst – und nicht direkt das Ministerium? All das trägt nicht im Geringsten dazu bei, Vertrauen aufzubauen. Vertrauen, das in Thune so dringend nötig wäre. Natürlich kann man sich immer auf Gesetze und Regeln berufen und argumentieren, alles laufe vorschriftsgemäß. Und natürlich kann man hundertmal betonen, es habe in diesem Fall keine Gefahr für Mensch und Umwelt bestanden. Aber das reicht nicht. Hier entsteht fatalerweise der Eindruck, dass es komplett am Gespür dafür mangelt, wie man einen solchen Zwischenfall angemessen öffentlich kommuniziert. Zudem nährt dieses Vorgehen den Verdacht etlicher Anwohner, dass nicht mit offenen Karten gespielt wird. Auf diese Weise wird Vertrauen fahrlässig verspielt.

Hinweis: Der Artikel wurde aktualisiert. In der früheren Fassung hieß es im Kommentar, GE Healthcare Buchler habe den Vorfall erst einen Tag später bemerkt. Das ist falsch - das Unternehmen hat das Verschütten sofort bemerkt und entsprechend reagiert. Wir bitten, diesen Fehler zu entschuldigen.

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