Fressen im Dienst der Wissenschaft

Adventskalender  Braunschweiger Adventskalender: Wir öffnen das zweite Türchen – dahinter leben die einzigen Milchkühe im Braunschweiger Stadtgebiet.

Florian Hackelsperger trägt ein vier Tage altes Kalb. Es wiegt 32 Kilo. Im ersten halben Jahr leben Kälber vorschriftsmäßig auf Stroh.

Florian Hackelsperger trägt ein vier Tage altes Kalb. Es wiegt 32 Kilo. Im ersten halben Jahr leben Kälber vorschriftsmäßig auf Stroh.

Als sich diese Stalltür ein wenig schwerfällig öffnet, richten wache Augen musternd ihren Blick auf die fremden Besucher. Da rede einer noch mal von dummen Kühen! Ein blödes Sprichwort ist das, findet auch Florian Hackelsperger, und erinnert sogleich an die schwarz-weiß gefleckte 800-Kilo-Dame, die vor einigen Jahren mit ihrem Maul den Handmelder im Stall betätigt und so die Feuerwehr alarmiert hatte. Oder an ihre Artgenossinnen, die mit der Zunge Tür-Verriegelungen öffnen und ein Licht, das eben von Menschenhand gelöscht wurde, flugs wieder einschalten.

„Sie beobachten uns, und wenn sie sich langweilen, fummeln sie an den Sachen rum“, sagt Hackelsperger, und in seinen Worten schwingt durchaus Sympathie mit.

Als Technischer Leiter der Versuchsstation des Instituts für Tierernährung am Friedrich-Loeffler-Institut ist der Diplom-Ingenieur der einzige Milchkuhhalter im Braunschweiger Stadtgebiet. Die 130 Kühe geben täglich 4000 Liter Milch, die das Bundesforschungsinstitut an eine norddeutsche Molkerei verkauft. Das hört sich viel an. Doch Florian Hackelsperger relativiert: „Man braucht 100 Kühe, um mit der Milchwirtschaft eine Familie zu ernähren.“

Für sein Institut ist der Milchverkauf ein Nebengeschäft. Denn die Wiederkäuer stehen im Dienst der Wissenschaft. Hackelsperger zeigt auf eine neue Methan-Messstation im Stall. „Davon gibt es auf der ganzen Welt nur 100 Stück.“ Zwei in Norddeutschland. Die Wissenschaftler wollen herausfinden, wie die Fütterungsstrategie den Ausstoß des Klimakillers Methan beeinflusst. Bekannt ist: Unterschiedliches Futter erzeugt eine unterschiedliche Methan-Konzentration.

„Mit den Ergebnissen unserer Versuchsreihen gestalten wir die Gesetze mit – damit der Verbraucher ordentliche Milch bekommt“, erklärt der Leiter der Versuchsstation. Ein jodiertes Mineralfutter hatte den Jodgehalt in der Milch zum Beispiel einmal beunruhigend ansteigen lassen, wie die Braunschweiger Wissenschaftler herausfanden. Die Konsequenz: EU-weit ist der Anteil, der dem Futter beigemischt werden darf, inzwischen deutlich verringert worden.

Auch die Folgen des umstrittenen Unkrautvernichters Glyphosats im Getreide haben die Forscher unter die Lupe genommen. „In Milch und Fleisch war das Glyphosat nicht wiederzufinden.“

Unerwünschte Stoffe in Futtermitteln sind das Hauptthema der Versuchsreihen, die von zwei Wochen bis hin zu einem Jahr dauern können. Soll etwa ein neues Futter in Deutschland zugelassen werden, fressen es zuvor – quasi im Auftrag der Bundesregierung – die Braunschweiger Kühe. In ihren Ställen auf dem Forschungsgelände an der Bundesallee werden sie auf neues Futter behutsam eingestellt. „Denn eine Kuh“, erklärt Hackelsperger, „mag eigentlich immer das gleiche.“ Bauchweh muss also unbedingt vermieden werden.

Wenn sie nicht gerade fressen und wiederkäuen, rubbeln sich die Milchkühe gern mal an der Kuhputzmaschine, klären die Rangordnung oder legen sich ein wenig zur Ruhe. Einmal im Jahr machen sie auch für acht bis zehn Wochen Urlaub auf der Weide. „Trockenstehen“ heißt das im Fachjargon. Das ist die Zeit, in der die Kühe bis zum nächsten Kalben keine Milch mehr geben.

Der Nachwuchs tummelt sich derweil – wie alles hier bestens überwacht – auf Stroh. 100 Kälber sind gerade geboren. Die jüngsten sind vier Tage alt.

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