Wenn der Schokoriegel echter Luxus ist

Braunschweig  Es gibt ein hohes Armutsrisiko für Alleinerziehende. Wir erkunden einmal den Spagat zwischen Erziehung und Erwerbstätigkeit.

Karl-Johann mit seiner Mutter Kerstin Beckmann, die im Mütterzentrum Braunschweig gerade den Bundesfreiwilligendienst absolviert. Rechts die Leiterin des Hauses, Monika Döhrmann.Foto: Sandra Wahle

Karl-Johann mit seiner Mutter Kerstin Beckmann, die im Mütterzentrum Braunschweig gerade den Bundesfreiwilligendienst absolviert. Rechts die Leiterin des Hauses, Monika Döhrmann.Foto: Sandra Wahle

Wer sein Kind allein erzieht, kann in eine Armutsfalle geraten. Der Anfang März erschienene Armutsbericht des Paritätischen Wohlfahrtsverbandes sieht Alleinerziehende neben Arbeitslosen, Ausländern und niedrig Qualifizierten als Risikogruppe. Betroffen sind zu 80 Prozent Frauen.

Die Gründe sind vielfältig. Wolfgang Kraemer vom Verband alleinerziehender Mütter und Väter Braunschweig (VAMV) kritisiert die unzureichenden Betreuungsangebote: „Wenn man sicherstellen könnte, dass für jedes Kind ein Betreuungsplatz da ist – wenn nötig auch über den ganzen Tag –, dann könnte der oder die Alleinerziehende auch einer Erwerbstätigkeit nachgehen.“ Damit könne ihre Existenz gesichert und der Armut entgegengewirkt werden.

Die Investitionen der Stadt Braunschweig in den Ausbau von Betreuungsangeboten sind in den vergangenen zehn Jahren von 30 auf rund 60 Millionen Euro gestiegen. Insgesamt stehen 12 588 Betreuungsplätze im gesamten Stadtgebiet zur Verfügung. Im Bereich der Ganztagsgrundschulen setzt die Stadt auf einen weiteren Ausbau.

Rechtsanwältin Barbara Gürken sieht das Problem vor allem in ausbleibenden Unterhaltszahlungen: „Wenn ein Elternteil nicht bereit ist, für das Kind Unterhalt zu zahlen, dann geht es oft vor Gericht.“

Doch selbst dort gebe es häufig keine zufriedenstellenden Lösungen. Der VAMV kritisiert, dass die Justiz eine Unterhaltsverweigerung als Kavaliersdelikt ansehe und fordert härtere Strafen für fehlende Zahlungsmoral. Aktuell gibt es rund eine Million Kinder in Deutschland, bei denen ein Elternteil keinen Unterhalt zahlt.

„Alleinerziehende brauchen gesellschaftliche Anerkennung und Unterstützung“, sagt denn auch Monika Döhrmann, Geschäftsführerin des Mehrgenerationenhauses Mütterzentrum Braunschweig. Das Haus in der Hugo-Luther-Straße ist Anlaufstelle für Menschen aller gesellschaftlichen Schichten.

Alleinerziehende Mütter und ihre Kinder kommen hier ganz auf ihre Kosten. Ein buntes Beratungs- und Veranstaltungsprogramm, Kinderbetreuung, Mittagessen und ein Second-Hand-Laden. Sogar eine Kosmetikerin findet sich dort.

Für Kerstin Beckmann ist das Mütterzentrum zum zweiten Zuhause geworden. Ihr Sohn Karl-Johann kam im April 2008 auf die Welt. Die Familienidylle sollte allerdings nicht lange halten.

Die Eltern trennten sich Ende 2009. Die Beziehung sei im Guten auseinander gegangen, nur der Kontakt ist nicht mehr so intensiv, wie er mal war. Nach einer dreijährigen Erziehungszeit ging es zurück in die Erwerbstätigkeit, die Gratwanderung zwischen Arbeit und Erziehung stets auf der Tagesordnung.

Kerstin Beckmann hat eine ganz bestimmte Definition von Armut: „Armut ist, wenn du deinem Kind keine Schokolade mehr kaufen kannst, weil dir das Geld sonst irgendwo anders fehlt.“

Dieses Ereignis habe sie geprägt: „Den Grundbedarf an Nahrung hat jeder von uns im Kühlschrank. Aber es sind eben diese Kleinigkeiten, an denen die Armut sichtbar wird.“

Heute absolviert sie den Bundesfreiwilligendienst im Mütterzentrum und hofft auf eine feste Anstellung, wenn das „Bufdi-Jahr“ im September zu Ende geht: „Seitdem ich hier bin, geht es mir und meinem Sohn so gut wie nie.“ Für einen teuren Strandurlaub reicht das Geld noch nicht. In den Ferien ist Karl-Johann aber sowieso lieber in der hessischen Provinz, bei den Großeltern.

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder
Leserkommentare (39)