Das Ringgleis als Zeitschiene

Braunschweig  Das Braunschweiger Forum lädt zu „Entdeckungen am Ringgleis“ ein. Die erste Tour führt an den Jödebrunnen.

Stadtteilheimatpfleger Klaus Hoffmann erläutert die Geschichte des Jödebrunnens und des Brachvogelschen Kontorhauses.

Stadtteilheimatpfleger Klaus Hoffmann erläutert die Geschichte des Jödebrunnens und des Brachvogelschen Kontorhauses.

Foto: Andreas Eberhard

Mit so vielen Besuchern hatten die Organisatoren vom Braunschweiger Forum nicht gerechnet: Mehr als 70 Neugierige kamen zur ersten von vier „Entdeckungen am Ringgleis“, die noch bis August stattfinden.

Beim Saisonauftakt führten Stadtteilheimatpfleger Klaus Hoffmann und Willi Meister vom Arbeitskreis Braunschweiger Zeitschiene zwischen Westbahnhof und Jödebrunnen durch die Geschichte, Gegenwart und Zukunft des westlichen Ringgleises.

Erste Station ist der Jödebrunnen. Der rechteckige Teich, heute in unmittelbarer Nachbarschaft zur Tangente, war einst ein mystischer Ort, der auch Wilhelm Raabe inspirierte, erklärt Hoffmann.

Heute dagegen wirkt er etwas kahl. Viele der umstehenden Bäume wurden in den letzten Jahren gefällt, weil ihre Wurzeln die Mauern zu zerstören drohten, die den Quellteich einfassen.

Hoffmann erzählt, wie von hier aus einst die Stadt mit Trinkwasser versorgt wurde. Seit dem 15. Jahrhundert habe eine hölzerne Wasserleitung, damals „Pipen“ genannt, das Jödebrunnenwasser über drei Kilometer bis zum Altstadtmarkt transportiert.

Am westlichen Ufer des Quellteiches steht das 1899 von Karl Brachvogel erbaute „Kontorhaus“. Ob der reiche Holzhändler sich wirklich nur zum Arbeiten an diesen romantischen Ort zurückzog?

Anhand historischer Fotografien schildert Klaus Hoffmann den Originalzustand des mit Brettern verrammelten Häuschens: Der Eingangsbereich war einst eine luftige Veranda, der Dachfirst mit einer chinesischen Drachenfigur geschmückt. Das Innere war reich verziert mit ornamentalen Wandmalereien. Der Blickfang: ein prachtvoller offener Kamin.

Tamara Ostermann vom Verein Kontorhaus am Jödebrunnen wünscht sich, dass das alles wieder hergerichtet werden soll. „Wir verhandeln noch mit der Stadt. Aber wenn es gut läuft, könnte es nächstes Jahr losgehen mit der Renovierung.“ Nach den Vorstellungen des Vereins sollen hier kleine Ausstellungen, Lesungen und Konzerte stattfinden.

Wilhelm Meister stellt die Braunschweiger Zeitschiene vor: einen Themenpfad zur Industrie- und Eisenbahngeschichte Braunschweigs. Dieser beginnt am alten Westbahnhof: Im Abstand von 300 Metern sind Steintafeln entlang des Ringgleiswegs aufgestellt. Auf jedem dieser Meilensteine wird ein Jahrzehnt erläutert. Los geht‘s im Jahr 1838, dem Beginn des Eisenbahnwesens im Herzogtum Braunschweig – der Initialzündung der Industrialisierung.

Das Ringgleis wurde in den 1880er-Jahren gebaut. Hoffmann erklärt dessen ursprüngliche Bedeutung: „Das Ringgleis garantierte einen problemlosen Gleisanschluss für die Fabriken. 50 Unternehmen hatten daran Gleis- anschluss.“

Erst das Ringgleis erlaubte Braunschweig, das damals noch eine mittelalterliche Fachwerkstadt war, zum erfolgreichen Industriestandort zu werden. “

Vollendet ist der Geschichtspfad noch nicht. Bisher reicht sie erst bis 1918. Der entsprechende „Dekadenstein“ steht auf Höhe der Gartenstadt. Geplant ist, dass die Braunschweiger Zeitschiene bis in die Gegenwart reicht. Das Ende läge dann im Braunschweiger Lokpark.

Zum Abschluss der Führung gibt es Kaffee und Kuchen im „Garten ohne Grenzen“. Das grüne Areal am Ende der Blumenstraße mit den Obstbäumen und Beet-Parzellen soll ältere Braunschweiger zusammenführen: alteingesessene und solche, die aus anderen Kulturen stammen.

„Wir haben noch etwas Platz“, erklärt Bettina Eiben, die das Projekt sozialpädagogisch betreut: „besonders würden wir uns über weitere Interessenten mit Migrationshintergrund freuen.“

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder