Juden für den Bahnhofsbau enteignet

Braunschweig  Vor 75 Jahren wurden die in Braunschweig lebenden Juden in Ghettos und Vernichtungslager deportiert.

Wahrscheinlich hatten Rachel und Jakob Rosen nicht das nötige Geld, um sich vor ihrer Deportation in die nationalsozialistischen Vernichtungslager ins Exil zu retten. Jacob Rosen war Vorbeter in der Braunschweiger Betstube der ostjüdischen Gemeinschaft. Die Familie lebte in eher bescheidenen Verhältnissen. Die drei Söhne schafften es in einem der Kindertransporte nach Großbritannien. Von den Eltern dagegen verlor sich im Holocaust jede Spur. Das letzte dokumentierte Lebenszeichen: ihre Namen auf der Deportationsliste vom 31.März 1942. Es war der erste und größte Transport Braunschweiger Juden ins Warschauer Ghetto.

An einem öffentlichen Lerntag zum Gedenken der Holocaust-Opfer erinnert die Gedenkstätte KZ-Außenlager Schillstraße am Sonntag, 29.Januar, an die Deportationen der Braunschweiger Juden vor 75 Jahren.

Seit Herbst 1941 wurden die Juden, die noch im Reichsgebiet lebten, in Ghettos und Vernichtungslager im Osten deportiert – die „Endlösung“ durch millionenfachen Mord.

Neue Quellen, die Gedenkstätten-Leiter Frank Ehrhardt in den Archiven erschlossen hat, beleuchten schlaglichtartig das Schicksal Braunschweiger Juden. Zwischen 100 und 200 mögen nach Ehrhardts Schätzung im Jahr 1942 noch in Braunschweig gelebt haben. 1100 waren es laut einer Volkszählung 1933. Wer konnte, hatte das Land längst verlassen. Vor allem ärmere und ältere Menschen aber waren geblieben. „Eine Ausreise nach Amerika“, so Ehrhardt, „kostete ein Jahreseinkommen.“

Der Weg in den Tod war bürokratisch organisiert: Im Frühjahr 1942 erhielten die in Braunschweig lebenden Juden den Deportationsbefehl der Gestapo. Sie sollten sich bereithalten und das Haus nicht mehr verlassen. Mehr als einen Koffer durften sie nicht packen für ihre Reise ins Ungewisse. Einige, weiß Ehrhardt, nahmen sich daraufhin das Leben – darunter auch eine ganze Familie.

Der Eisenbahnwaggon mit den Menschen startete vom damaligen Ostbahnhof an der Helmstedter Straße Richtung Warschau. Niemand kehrte jemals zurück.

Die Archive offenbaren auch, wie schamlos sich das Nazi-Regime an den Juden bereichert hat. Schon in den Jahren zuvor waren Juden über „Sondersteuern“ ausgeplündert worden. Vermögen etwa aus erzwungenen Haus-Verkäufen oder Geschäftsaufgaben gelangten auf Sperrkonten, auf die sie keinen Zugriff mehr hatten.

So waren „Judenhäuser“ am Meinhardshof, an der Hagenbrücke oder der Höhe, in denen sie zusammengepfercht lebten, die letzten Braunschweiger Adressen vieler Deportierter nach „Arisierung“ ihrer Immobilien .

Vor allem wegen des geplanten Neubaus des Hauptbahnhofs hatte Braunschweig ein wirtschaftliches Interesse an der Deportation der Juden. Ehrhardt ist auf ein Schreiben des Braunschweiger Oberbürgermeisters an den Oberfinanzpräsidenten in Hannover gestoßen. Betreff: „Erwerb von jüdischem Grundbesitz.“

Wegen des geplanten Neubaus des Hauptbahnhofs, heißt es darin, müssten etwa 300 Gebäude abgerissen werden. Angesichts der herrschenden Wohnungsnot müsse die Stadt rechtzeitig für Ersatz sorgen – was im „freien Verkehr äußerst schwierig“ sei, hofft die Stadt im Februar 1942 – wenige Wochen vor der Deportation – auf den Zugriff auf jüdische Grundstücke.

Die Finanzbehörde verfolgt indes eigene Interessen: Streng vertraulich – „da die Abschiebung der Juden aus dem dortigen Bezirk noch nicht erfolgt ist“ – erkundigt sich der Oberfinanzpräsident beim Vorsteher des Braunschweiger Finanzamtes, welche dieser Grundstücke für die eigene Verwaltung als Dienst- und Wohngrundstücke geeignet wären.

Eines dieser Grundstücke am Marstall gehörte Samuel und Dina Vasen, die ebenfalls im März 1942 deportiert wurden. Im Mai taucht die Adresse Marstall in der Ankündigung einer öffentlichen Versteigerung auf: „Möbelstücke und Hausratsgegenstände aller Art“ sind im Angebot. Kinderreiche und Bombengeschädigte mit Ausweis werden bevorzugt.“

In zähen und langwierigen Verfahren mussten in den 1950er und -60er Jahren Kinder der Ermordeten um Entschädigung kämpfen. „Meistens“, so Ehrhardt, „ging es um eine entgangene Schul- und Ausbildung.“ In der Regel seien dafür 5000 D-Mark Entschädigung gezahlt worden.

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