NO-Schläger: „Die Schüler haben uns beleidigt“

Braunschweig  Erster Prozesstag gegen einen 24-jährigen Neonazi. Er gibt an, sich von den Schülern provoziert gefühlt zu haben. Er habe die Beherrschung verloren.

Andrang herrschte bereits am frühen Morgen im Amtsgericht. Foto: dpa

Andrang herrschte bereits am frühen Morgen im Amtsgericht. Foto: dpa

Die ersten Besucher warteten bereits um 7 Uhr in der Kälte vor dem Amtsgericht – zwei Stunden vor Verhandlungsbeginn. Die Sicherheitsvorkehrungen waren enorm: Überall standen Polizisten und Wachleute. Alle Besucher mussten sich ausweisen und wurden durchsucht, ihre Handys eingesammelt – um illegalen Aufzeichnungen von der Verhandlung vorzubeugen.

Es war der erste Prozesstag gegen den 24-jährigen Neonazi, der unter anderem zwei Schüler der Neuen Oberschule (NO) auf dem Schulgelände angegriffen und einen von ihnen schwer verletzt haben soll.

Im Vorfeld der Verhandlung hätten rechte wie linke Gruppierungen im Internet ihre Anhänger aufgefordert, der Sitzung zu folgen, erklärte eine Gerichtssprecherin die ungewöhnlich hohen Sicherheitsmaßnahmen. Knapp hundert Zuschauer – unter ihnen viele Schüler der NO und Anhänger der linken Szene – sowie zahlreiche Medienvertreter fanden Platz im Saal, die übrigen Besucher mussten draußen bleiben.

Wüste Beschimpfungen und Hitlergruß im Polizeigewahrsam

Neben der gefährlichen Körperverletzung an der NO wird dem Angeklagten der brutale Angriff auf einen Mitarbeiter der „Falken“ vorgeworfen sowie die Attacke auf einen Fußballfan nach dem EM-Spiel gegen Frankreich. Auf dem Weg ins Gewahrsam soll der Angeklagte außerdem Polizisten massiv beleidigt und den Hitlergruß gezeigt haben. Auf der Fahrt ins Gewahrsam habe er versucht, eine Polizeibeamtin durch mehrere Kopfstöße zu verletzen.

Grundsätzlich ist der Angeklagte geständig und hat sich vor Gericht bei seinen Opfern entschuldigt. Auf Fragen zu seiner politischen Gesinnung antwortete er nicht. Kurz vor der Pause aber öffnete er sein Sweatshirt: Darunter trug er ein Shirt der bei Rechtsextremen beliebten Marke Lonsdale – zu sehen waren die Buchstaben NSDA. Eine bewusste Provokation? „Mir war halt warm“, murmelte der Angeklagte seinem Verteidiger zu.

Ein 18-jähriger Zeuge, Mitglied der rechtsextremen Jungen Nationaldemokraten (JN) und ein Freund des Angeklagten, sagte aus: „Wir sind beide Nationalisten.“ Gemeinsam seien sie als Ordner für die NPD im Einsatz gewesen und hätten an Kundgebungen teilgenommen.

Der 18-Jährige war dabei, als es im Februar zu dem Vorfall an der NO kam. Der Angeklagte hat gestanden, dass er zwei Schülern dort Fausthiebe versetzt und einen von ihnen mit einem gezielten Tritt im Gesicht verletzt hat. Seine Erklärung: Aus der Schülergruppe heraus seien sie beleidigt worden, einer habe in seine Richtung gespuckt. „Sie haben sich provoziert gefühlt und die Beherrschung verloren“, fasste es Richterin Antje Gille zusammen.

NO-Schüler nimmt Entschuldigung des Schlägers nicht an

Der 18-jährige Zeuge schildert es ähnlich wie der Angeklagte: „Uns wurde der Mittelfinger gezeigt, und wir wurden bepöbelt. Die Schüler waren sehr aggressiv.“ Zur NO seien sie gegangen, um dort nach Personen Ausschau zu halten, die am Vortag versucht hätten, dem 18-Jährigen vor seiner Wohnung aufzulauern.

Zahlreiche Schüler, die ebenfalls als Zeugen aussagten, schilderten die Szene auf dem Schulgelände anders: Zwar seien Sätze wie „Nazis wollen wir hier nicht!“ gefallen, und der betroffene Schüler sei auf den Angeklagten zugegangen – aber nicht auf eine Prügelei aus gewesen. Der erste Fausthieb habe ihn völlig überrascht. Kurz darauf sei der Fußtritt erfolgt. Zur Entschuldigung des Angeklagten sagte das Opfer: „So etwas ist nicht so einfach zu entschuldigen.“

Die Verhandlung wird am Mittwoch in zwei Wochen, 21. Dezember, fortgesetzt.

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