Nach 31 Jahren inkognito heißt sie wieder Petra

Braunschweig  Alle hielten sie für ein Mordopfer – doch sie lebt. Der Fall der untergetauchten Frau bewegt nicht nur die Menschen in Braunschweig.

1985 berichtete „Aktenzeichen XY... ungelöst“ über den Fall. Das Foto zeigt eine Schauspielerin.

1985 berichtete „Aktenzeichen XY... ungelöst“ über den Fall. Das Foto zeigt eine Schauspielerin.

Foto: Screenshot Youtube

Selten löst ein Kriminalfall aus unserer Region einen solchen Medienrummel aus: Am Freitag rückten bei der Polizei in Braunschweig Kamerateams vieler Sendeanstalten an, die Telefone standen nicht still.

Polizeisprecher Joachim Grande gab schon um 8.15 Uhr die ersten Interviews. Ob RTL, Focus- und Spiegel-Online, Bild-Zeitung oder Stern TV – alle wollten mehr wissen über den unglaublichen Fall des vermeintlichen Mordopfers, das nach 31 Jahren wieder aufgetaucht ist – quicklebendig. Die Frau, die einst an der TU Braunschweig Informatik studierte, ist inzwischen 55 Jahre alt und lebt in Düsseldorf.

An ihrer Klingel steht noch der falsche Name, unter dem sie all die Jahre lebte. Eine Boulevardzeitung hat die Frau ausfindig gemacht und um ein Interview gebeten – aber sie will nicht mit den Medien reden, hat kein Interesse daran, ihre ganz privaten Gründe, warum sie damals untergetaucht ist, in der Öffentlichkeit zu erklären. Selbst ihre Mutter und ihren Bruder will sie weder sehen noch sprechen.

Warum sie 1984 einfach von der Bildfläche verschwand und alle in dem schrecklichen Glauben zurückließ, ein Gewaltverbrechen sei geschehen, wird vermutlich nie geklärt. Stand sie unter Druck, plagten sie Versagensängste, ging es um Liebe oder Gewalt – Fragen, die die Familie sicherlich quälen. Alles bleibt Spekulation.

Ihr Bruder lebt im Kreis Gifhorn. In den letzten Stunden hat der 47-Jährige etliche Medienanfrage erhalten. Oberkommissar Holger Kunkel, der sowohl mit der Frau in Düsseldorf als auch mit ihrer Familie in Kontakt steht, sagte am Freitag: „Ich habe den Bruder heute Morgen gefragt, aber er hat kein Interesse an einem Interview.“ Das muss man respektieren.

Mit aller Gewissheit weiß man nur: Die Frau lebt. Und das, obwohl vor fast 30 Jahren ein Lehrling aus Wolfsburg zugegeben hatte, die Frau getötet zu haben: Er war für einen anderen Mädchenmord zu acht Jahren Jugendstrafe verurteilt worden und hatte während der Haft in einer mehrstündigen Vernehmung angegeben, zwei weitere Frauen getötet zu haben. Ein falsches Geständnis, wie die Ermittler schnell erkannten (siehe Chronik).

Es gab kein Gewaltverbrechen. Die junge Frau war einfach abgetaucht, hatte sich gegen eine Karriere als Informatikerin und gegen ihre Familie entschieden – und lebte stattdessen in bescheidenen Verhältnissen in Nordrhein-Westfalen. Inkognito. 31 Jahre lang hat sie es geschafft, sich ohne Ausweis, Krankenversicherung, Steuerkarte und Konto durchs Leben zu schlagen. Sie hat sogar einen Job. Doch sie hat Freiheit eingebüßt. „Vor einiger Zeit wäre sie gerne umgezogen. Aber sie sah keine Möglichkeit, ohne Schufa-Auskunft und Einkommensnachweis in Düsseldorf eine neue Wohnung zu bekommen. Also blieb sie“, gibt Oberkommissar Kunkel ein Beispiel.

Dass es ihr gelungen ist, 31 Jahre lang im Verborgenen zu leben, verblüfft selbst die Polizei. Nun muss die Frau aus der Anonymität zurückkehren, wieder ihren alten Namen tragen, der nach so vielen Jahren sicherlich fremd in ihren Ohren klingt: Petra.

CHRONIK

Im Sommer 1983 wird eine 14-Jährige in Wolfsburg vergewaltigt und erdrosselt.

Im Juli 1984 verschwindet eine Braunschweiger Studentin – und zwar auf dem Weg zu ihrem Elternhaus in Wolfsburg.

Im Februar 1985 wird eine 16-Jährige aus Wolfsburg vermisst gemeldet.

1986 wird ein junger Mann des Mordes verurteilt: Er hat das 14-jährige Mädchen getötet. In Haft gibt er an, auch die zwei anderen Frauen getötet zu haben. Kurz darauf aber wird die Leiche der 16-Jährigen gefunden – es war Suizid. Das „Geständnis“ ist falsch.

Im September 2015 stellt sich heraus: Die vermisste Frau aus Braunschweig lebt, sie war nur untergetaucht.

Und die Polizei kann den Deckel zuklappen: „Wir hatten die Akte hier noch stehen“, sagt Polizeisprecher Grande. Fall geklärt!

Den damaligen Beitrag von "Aktenzeichen XY" finden Sie hier.

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