Vom Bleistift bis zur Computergrafik

Braunschweig  Eine Ausstellung von Entwürfen im Architekturpavillon der TU spürt dem Mythos der „Braunschweiger Schule“ nach.

Architekturmuseum Frankfurt. Ein Entwurf (1979) von Annette Meyer-Schwickerath, Studentin im Lehrstuhl Roland Ostertag.

Architekturmuseum Frankfurt. Ein Entwurf (1979) von Annette Meyer-Schwickerath, Studentin im Lehrstuhl Roland Ostertag.

Foto: gtas

Eine Ausstellungseröffnung. Die Technische Universität knöpft sich ihre Architekturausbildung vor – von 1945 bis heute. Rund 5000 Diplomarbeiten sind in den 70 Jahren entstanden. Ein ausgewählter Teil ist jetzt zu besichtigen. Alles verbunden mit der Frage: Sind wir, was die „Braunschweiger Schule“, diese Schule des Sehens und Gestaltens angeht, wirklich so gut, wie wir immer gerne behaupten?

Entwürfe sollen das, was noch wird, vorher erlebbar machen. Am besten heute mit einer Computer-Animation. Man eilt virtuell schon mal durch die Räume, kann mit einem Fingerwisch hinausgehen in die Sonne. Meistens in einen überidealisierten Raum. Der Bleistift bleibt wichtig, um erste Ideen zu skizzieren.

Ist das alles noch „Braunschweiger Schule“ oder müssen wir diesen Begriff, dieses Selbstlob, nur den Baumeistern von einst zuschreiben, etwa dem angeblich magischen Triumvirat, bestehend aus Friedrich-Wilhelm Kraemer, Walter Henn und Dieter Oesterlen?

Architekt Eckhard Gerber (Dortmund), Jahrgang 1938, hat als Student alle drei erlebt. Kraemer war der akademisch ästhetische Hochschullehrer, der zu seinen legendären Freitagsandachten alle kulturell Interessierten der Stadt einlud.

Kraemer habe dabei, erinnert sich Gerber, auch schon mal gesungen, um auf die Wesensverwandtschaft von Architektur und Musik hinzuweisen. Wenn Gerber auf Kraemers Bauten sieht, kommen sie ihm vor wie „eine schöne unnahbare Frau“.

Henn war der absolut pragmatische Typ, der sich gut auf Unternehmer und deren Wünsche einstellen konnte. Oesterlen war der Baumeister. Auch hier Gerbers Vergleich mit einer schönen Frau, nur diesmal einer „liebenswerten“.

Kraemer, Henn, Oesterlen – sie einte nach den Schrecken des Krieges ein unbedingter Fortschrittsglaube. Ihre Form der Trauerarbeit. Ihre Vorbilder waren die besten skandinavischen Architekten darunter Erik Gunnar Asplund und natürlich Ludwig Mies van der Rohe, den Kraemer in Chicago besuchte. Mies van der Rohe wurde auf Kraemers Initiative Ehrendoktor der TH Braunschweig. Mit drei inzwischen berühmten Worten („Weniger ist mehr“) charakterisierte Mies das, was ihm in der Architektur wesentlich erschien.

Ehemalige Studenten sind zur Ausstellung gekommen. Erinnerungen mit einem Schuss Sentimentalität. Diese vielen Stunden im Zeichensaal, in dem sie, die ja irgendwie von den Lehrmeistern loskommen wollten, um einen eigenen Ausdruck rangen, und sei es, sich von zu strenger Geometrie zu lösen. Das Arte-Rundfunkhaus in Straßburg, von Hans Struhk (Braunschweig) entworfen: kein Riegel und keine zu groß geratene Streichholzschachtel, sondern eher ein Musikdampfer, der am Flussufer angelegt hat.

Die bekanntesten Absolventen haben die „Braunschweiger Schule“ immer neu interpretiert, wie Meinhard von Gerkan und Hadi Teherani (beide Hamburg).

Oder Lars Krückeberg, Thomas Putz und Thomas Willemeit. Im Zeichensaal eine nie versiegende gegenseitige Inspirationsquelle. Sie schlossen sich zu „Graft“ zusammen, mit Büros in Berlin, Los Angeles und Peking. Der Schauspieler Brad Pitt beauftragte Graft mit dem Bau seines Privathauses. Auf Wunsch des Hollywood-Stars entwarf Graft Wohnhäuser für die Armenviertel der von einer Sturmflut schwer gezeichneten Stadt New Orleans.

Man könnte diese Geschichten, diese Linien von Braunschweig in die Welt unendlich fortführen. Ein Netzwerk der Erinnerungen, verwirrend wie ein Schnittmusterbogen.

Aber war Kraemer („Bauen, als wenn du schwebst“) wirklich der überragende Baumeister? Egon Eiermann in Karlsruhe war besser. Kraemers Jahrhunderthalle in Höchst (1962), von Heinrich Heidersberger genial fotografiert, wurde in den Architekturzeitschriften gepriesen. Doch dann häuften sich die Klagen über die schlechte Akustik.

Kraemer entwarf am Braunschweiger Bahnhof das Atrium-Bummel-Center und erwartete wie selbstverständlich, dass die ankommenden Reisenden von hier in die Innenstadt flanieren. Da hat er sich getäuscht.

Noch einmal: Was ist mit der „Braunschweiger Schule“? Kann man sich dieses Gütesiegel angesichts der hier ausgebildeten erfolgreichen Architekten einfach selbst verpassen oder muss man das Urteil nicht anderen überlassen? Ein Manifest der „Braunschweiger Schule“, irgendein Gründungstext existieren nicht. Und auch Kraemer, Henn und Oesterlen haben den Begriff nicht verwendet.

AUSSTELLUNG

Die Ausstellung „Findbuch Braunschweiger Schule“ ist bis zum 27. Juni im Architekturpavillon hinter dem TU-Altgebäude, Pockelsstraße 4, zu sehen. Veranstalter sind das Institut für Geschichte und Theorie der Architektur und die Stadt sowie die Sammlung für Architektur und Ingenieurbau der TU.

Öffnungszeiten: Montag bis Freitag 12 bis 18 Uhr, Samstag und Sonntag 10 bis 16 Uhr.

Architektur in Braunschweig zu studieren, ist eine intensive Angelegenheit, aber ist das alles „Braunschweiger Schule“? Was ist daran typisch? Der Architekturtheoretiker Martin Peschken gibt zu, dass man den Begriff wissenschaftlich nicht füllen könne. „Anders als zum Preis des Mythos ist die Rede von der ,Braunschweiger Schule` offenbar nicht zu haben. Aber am Mythos soll und muss man arbeiten.“

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