Beruf: geniale Randexistenz

Braunschweig  In der Serie Braunschweiger Typen wird heute der Floßfahrer und Autor Lord Schadt vorgestellt.

Floßfahrer und Autor Dirk Schadt wurde durch ein bei Ebay ersteigertes Grundstück in Irland zum „Lord of Cork“.

Floßfahrer und Autor Dirk Schadt wurde durch ein bei Ebay ersteigertes Grundstück in Irland zum „Lord of Cork“.

Foto: Michael Völkel

Er besitzt 50 Briefmarken-Alben. Fachgebiet: Diktatoren in der Achse des Bösen. Er sammelte 150 CDs mit Beatles-Coverversionen und hat ein zwei Terabyte großes Hörbuch- und Musikarchiv. Mit dabei: 100 Interpretationen von Bachs Goldberg-Variationen.

Lord Schadt ist ein Entdecker und Sammler – auch von Zitaten. Sein Theaterstück „Lost Modern Love“ – uraufgeführt in den USA – ist eine Liebesgeschichte aus 1500 SMS-, Film- und Fußballerzitaten.

Für die Kneipengeschichte „Kaspar und Heini in der heilen Welt“ setzte er Songzeilen von Mozart bis Rammstein zusammen. „Ich habe einen gewissen Zwang zum Sammeln und Sortieren. Es ist wohl eine milde Form von Asperger Autismus. Sonst könnte ich mir vieles nicht erklären“, berichtet er. Der 36-Jährige hat Soziologie und Philosophie studiert. Er war Kneipier und arbeitete als Finanzberater, wissenschaftliche Hilfskraft und Wahlkampfhelfer.

Heute erzählt er im Sommer als Floß- und Kahnfahrer über Braunschweig, fällt immer wieder als anregender Andersdenker auf – und arbeitet als Online-Journalist und Autor.

Eng verbunden ist er dabei mit Eva G. Hamilton, einer radikalen Performancekünstlerin. Bei ihrer Abschlussarbeit „hoch2schlafen“ bot sie zum Beispiel jedem Professor und jeder Professorin an, eine Nacht mit ihr zu verbringen und bestand mit „summa cum laude“.

In 12 Fotobüchern veröffentlichte sie Fetisch-Kunst, „Muschi-Mandalas“ und „Schwanzalas“. „Eine Künstlerin sagte vor einer Ausstellung: Wenn ich die treffe, bringe ich sie um“, erzählt Lord Schadt. Dass Eva eine Erfindung von ihm ist und die Kunst von ihm stammt, behielt er da lieber für sich. Zurzeit arbeitet er nun an einem Interviewbuch mit der fiktiven Eva Gina.

Alle seine Werke bietet er kostenlos im Internet an. Er ist ein Freund der Umsonst-Kultur und engagiert sich beim Verein „KufA – Kultur für Alle“, der die lokale Szene mit eintrittsfreien Konzerten, Kulturstammtischen und Aktionen bereichert.

Sinn für einprägsame Aktionen hat der gebürtige Braunschweiger schon lange.

1999 etwa wurde er zum heißesten Metal-Keyboarder. Mit seiner Band Atropos spielte er 18 Minuten lang bei 95 Grad in einer Sauna – was nun im Guinness-Buch der Rekorde steht. Von 2007 bis 2012 organisierte er die Braunschweiger WM im Tret- und Paddelbootfahren. Ideen, wie man die Stadt lebens- und liebenswerter gestalten könnte, hat er reichlich.

In den Bürgerhaushalt brachte er gerade mehr als 140 Vorschläge ein. Einige Ideen: 1000 Löwen-Skulpturen für Braunschweig, ein Street-Art-Festival mit Kunst auf Gehwegen, Flohmärkte als Events mit Bühnenprogramm oder regionalspezifische Restaurant-Gerichte („Harfen-Agnes-Toast“).

Sich selbst charakterisiert Lord Schadt als Außenseiter. Bereits im Abi-Buch nannte er als Berufswunsch „geniale Randexistenz“.

Große Teile der Subkultur-Szene nehmen ihn indes vor allem als freundlichen Impulsgeber wahr, der viel unterwegs ist, die Szene kennt und Leute zusammenbringt.

„Als Künstler lebe ich auch am Rand der Einsamkeit. Wenn ich an Projekten arbeite, gibt es schon mal vier Tage am Stück, in denen ich nur mit der Frau im Supermarkt rede“, sagt er. „Aber letztlich bin ich ein glücklicher Mensch.“

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder