Tausende über Aids aufgeklärt

Gesichter in Braunschweig  Der HIV-positive Jean-Luc Tissot ist zum Ehrenmitglied der Deutschen Aids-Hilfe ernannt worden.

Braunschweig. Er gibt Aids in Braunschweig ein Gesicht: Jean-Luc Tissot. Am 13. Mai 1987 hatte er von seiner HIV-Infektion erfahren. „Es war der Tag der größten Herausforderung meines Lebens“, sagt der gebürtige Schweizer im Interview mit Redakteurin Bettina Thoenes. Bis heute setzt sich Tissot unermüdlich für die Aids-Prävention und die Akzeptanz HIV-positiver Menschen ein. Dafür wurde der 68-Jährige in München zum Ehrenmitglied der Deutschen Aids-Hilfe ernannt.

Herr Tissot, in den 80er Jahren bedeutete die Infektion mit dem HIV-Virus für viele das Todesurteil. Haben Sie einfach Glück gehabt, weiter zu leben?

Im Grund genommen ja. Viele Wegbegleiter sind gestorben. 1997 bin ich krank geworden. Ein Jahr zuvor wurde in den USA die erste Kombi-Therapie mit drei getrennt entwickelten Medikamenten auf den Markt gebracht. Sie sollte die Viren in Schach halten. Studien dazu gab es noch keine. Trotz dieser Ungewissheit habe ich nicht lange gezögert. Ohne Medikamente wäre ich gestorben.

In welcher Lebenssituation waren sie damals?

Als ich 1987 von meiner HIV-Infektion erfuhr, war ich 41 Jahre alt und bei Koblenz Geschäftsführer eines Entwicklung- und Friedensdienstes. Ich stand voll im Leben und war glücklich in meiner ersten schwulen Beziehung.

Wie hat die Diagnose Ihr Leben verändert?

Anfangs gar nicht so sehr. Mein Partner hat mich voll unterstützt, und ich war in meinem Job, der für mich eine Berufung war, sehr aktiv. Ich wollte weiterhin reisen, alles auskosten und nicht gebremst werden. Deshalb habe ich im beruflichen Umfeld zuerst niemandem von der Infektion erzählt. Ich hatte Angst davor, bemitleidet zu werden.

Außerdem bin ich davon ausgegangen, dass ich nicht mehr lange zu leben hatte. In den ersten Jahren habe ich nie länger als sechs Monate geplant. Mit der Zeit gab es jedoch einen Gewöhnungsprozess. Doch wusste niemand, wie lange man symptomfrei als HIV-Positiver leben konnte.

Ich denke, mich hat auch meine positive Lebenseinstellung getragen. Der Glaube spielt eine Rolle, mein Grundvertrauen in das Leben.

Ihre damalige Partnerschaft ist nach der Diagnose gescheitert...

Zum Glück hatte ich ihn nicht angesteckt. Doch zerbrach unsere Beziehung zwei Jahre später. Das war für mich bitter. 20 Jahre hatte ich für mein Coming-out gebraucht und nach fünf Jahren schien es die einzige Liebesbeziehung meines Lebens gewesen zu sein. Wer wollte schon mit einem HIV-Positiven zusammen sein?

Dann war es aber doch die Liebe, die Sie nach Braunschweig führte.

Ja, 1990 lernte ich Jürgen kennen, und jetzt leben wir seit 24 Jahren zusammen. Ein Segen! In der Braunschweiger Aidshilfe fand ich eine neue Arbeit. Meine HIV-Infektion habe ich dann nicht mehr als Handicap betrachtet, sondern als Qualifikation. Fünf Jahre war ich hauptamtlich tätig, danach ehrenamtlich. In 15 Jahren habe ich unter anderem Tausende Schüler über Aids aufgeklärt.

Hat Aids dank des medizinischen Fortschritts heute ein weniger erschreckendes Gesicht?

Seit Anfang dieses Jahrtausends haben zwei grundlegende Änderungen das Gesicht von Aids entscheidend geprägt: Erstens ist Aids zu einer chronischen Krankheit geworden. Die Lebenserwartung eines behandelten Infizierten unterscheidet sich kaum noch von der eines Nicht-Infizierten.

Zweitens gibt es Medikamente, die die Virenlast im Blut so verringern, dass sie unter die Nachweisgrenze zurückgedrängt wird. Studien bestätigen, dass Betroffene, die seit mindestens sechs Monaten erfolgreich behandelt werden, andere nicht mehr anstecken. Ich gehöre dazu und bin selbst nicht mehr infektiös. Das ist auch für mein Selbstbewusstsein von großer Bedeutung. So ist auch ein Aids-Test heute ein Präventionsmittel gegen Neuinfektionen geworden.

Hält sich in der Öffentlichkeit aber nicht hartnäckig das Bild einer todbringenden Krankheit?

Ja, die gesellschaftliche Erfahrung der 80er Jahre mit einer sexuell übertragbar tödlichen Krankheit war so traumatisch, dass dieses Bild schwer zu überwinden ist und heute noch die Vorstellung vieler prägt. Davon sind die Betroffenen die ersten Leidtragenden.

Die Aidshilfen ihrerseits fürchten sich vor einer Verniedlichung einer Infektion mit dem HI-Virus. Das alles ist jetzt im Umbruch. Ich plädiere für eine Versachlichung im Umgang mit HIV und Aids. Das würde allen zugute kommen.

Die gesellschaftliche Akzeptanz der Betroffenen ist eines Ihrer großen Anliegen. Einer Ihre Wege: Aids buchstäblich ein Gesicht zu geben.

In Braunschweig habe ich daran mitgewirkt, die Selbsthilfe wieder zu aktivieren. Unsere öffentlich spektakulärste Aktion war sicher die Gestaltung einer Straßenbahn der Verkehrs-AG mit Porträts von acht Braunschweigern, die HIV-positiv waren.

Derzeit engagiere ich mich auf Landesebene beim Aufbau von Pro+, dem „Netzwerk Positiv in Niedersachsen“. Für 2015 planen wir einen Kalender mit Fotos von zwölf Menschen mit HIV und Aids, der zur Normalisierung im Umgang mit der Krankheit beitragen soll. Ich werde mich für den Kalender beim Zahnarzt fotografieren lassen. Eine andere lässt sich mit ihren drei Kindern ablichten. Wir plädieren offen für Akzeptanz: Unser Leben ist ganz normal. Es gibt keinen Grund und keinen Platz mehr für Stigmatisierung und Diskriminierung.

Gerade sind Sie 68 Jahre alt geworden. Sind Sie weiterhin ehrenamtlich aktiv?

Das Ehrenamt ist neben der Kunst eine Säule meines Lebens. In Schulen gehe ich heute nicht mehr. Aber seit fast 20 Jahren bin ich Vorstandsmitglied im Landesverband der niedersächsischen Aidshilfen, und darüber hinaus bauen wir gerade das landesweite Netzwerk Betroffener auf. Ich bin gut beschäftigt und hoffe, es noch lange bleiben zu können.

Wie hat die Krankheit Ihre Auseinandersetzung mit dem Tod verändert?

Wahrscheinlich werde ich nicht an den Folgen von Aids sterben, aber ich werde sterben. 1987 hatte ich Angst vor dem Tod. Heute habe ich sie nicht mehr.

Durch die Infektion fühle ich mich sogar bereichert. Es geht darum, die Begrenzung, den Umgang mit dem Lebensbedrohlichen zu akzeptieren. Das hat Konsequenzen auch für den Alltag. Es hat mir eine Haltung – und auch Halt – gegeben.

Und wenn es dazu eine Ehre gibt, tut das richtig gut (lacht).

EHRUNG

Für seine bundesweiten Verdienste in der HIV- und Aids-Prävention sowie sein Engagement für die Emanzipation homosexueller Männer und HIV-Positiver hat die Deutsche Aidshilfe Jean-Luc Tissot während der HIV- und Hepatitis-Tage in München mit der Ehrenmitgliedschaft ausgezeichnet.

Seit 1992 hat Tissot die Arbeit der Braunschweiger Aidshilfe als hauptamtlicher Mitarbeiter, Vorstandsmitglied und Selbsthilfe-Aktivist mitgeprägt. Die Aids-Hilfe würdigt ihn: „15 Jahre besuchte er als offen schwuler Mann mit Aids Schulen und Jugendgruppen, um die Jugendlichen über den Umgang mit Sexualität und Safer Sex aufzuklären. Aber auch, um als sichtbarer Positiver ein realistisches Bild vom Leben mit der Infektion zu geben und Ängste zu nehmen, die oft Ursache von Vorurteilen sind,“

Ich engagiere mich nicht, um geehrt zu werden, sondern weil es meinem Leben einen Sinn gibt. Aber wenn die Ehre dazu kommt, ist das wunderbar.

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