„Es gibt keine rechtsradikale Fan-Szene bei Eintracht“

Braunschweig  Was ist in der Kurve los? Wir sprachen mit Karsten König, Leiter des Fan-Projekts, über Probleme, Gewalt – und Spaß am Fußball.

Der Diplom-Sozialpädagoge Karsten König ist Leiter des Braunschweiger Fan-Projekts.

Der Diplom-Sozialpädagoge Karsten König ist Leiter des Braunschweiger Fan-Projekts.

Foto: Rudolf Flentje

Das Interview mit Karsten König (53), führte Henning Noske.

Rein sportlich herrscht nach dem 2:0 beim Nachbarschaftsduell in Wolfsburg eitel Sonnenschein bei der Eintracht. Wie ist die Stimmungslage bei den Fans?

„Wir haben seit mehreren Jahren versucht, das hinter den Kulissen zu kitten.“
Karsten König über den schwelenden Konflikt mit UB 01 in der Fan-Szene.

Die sportliche Seite steht im Vordergrund, in der Breite der Fan-Szene ist das das entscheidende Thema. Es ist überhaupt keine Frage, dass alle hinter dem Trainer stehen. Auch hat man begriffen, dass dieser Kurs, den der Verein jetzt fährt, genau richtig ist. Jeder versteht, dass man nicht Millionen für neue Spieler ausgibt. Jeder konnte sehen, wie groß der Rückhalt bei den Fans ist.

Das hat bundesweit für Aufmerksamkeit gesorgt und wurde als einmalig empfunden. Für bundesweite Aufmerksamkeit haben jedoch auch die negativen Ereignisse in Mönchengladbach gesorgt, als Eintracht-Fans aufeinander losgingen. Was war da los?

Der Verein hat versucht, es darzustellen. Es gibt einen Konflikt, der seit vielen Jahren schwelt – eine Weile außerhalb des Stadions, weil die „Ultras Braunschweig“ (UB 01) dort gar nicht anwesend waren. Dennoch kennen sich viele persönlich, auch aus der Vergangenheit. Da gibt es persönliche Animositäten. Wir haben ja auch versucht, das seit mehreren Jahren hinter den Kulissen zu kitten.

Man muss einfach sagen: Die Ablehnung der Gruppe UB 01 ist in der Fan-Szene wirklich auf ganz großer Breite vorhanden. Mit der politischen Dimension hat das erst einmal gar nichts zu tun. Natürlich ist die ganze Fan-Szene sauer, wenn sie da als Nazis und Rechte beschimpft wird.

Das bundesweite Echo sogar in Medien wie „Spiegel online“ und „Zeit online“ lautete: Ausgerechnet diejenigen, die das Richtige sagen und den Finger in die Wunde legen, werden bei Eintracht aus dem Stadion geworfen.

Ja, UB 01 hat sich Unterstützung im ganzen Land geholt, die sind mit ihrer Sicht der Dinge hausieren gegangen.

Gibt es bei Eintracht Braunschweigs Fans Rechtsradikale?

Das lässt sich immer schwer feststellen. Gibt es politische Strukturen, die auch außerhalb des Fußballs aktiv sind? Das ist nicht der Fall. Einzelne kann man nie ausschließen. Überführen kann man doch nur denjenigen, der gewissermaßen auf frischer Tat ertappt wird.

Gibt es Rechtsradikale, die bei Eintracht geschützt und gedeckt werden?

Nein.

Gibt es eine rechtsradikale Fan-Szene bei Eintracht Braunschweig.

Nein, nicht in einer geschlossenen Form. Wir haben keine Fan-Szene, die von rechten Hooligans dominiert wird. Das stimmt definitiv nicht.

Der Verein sagt: Wenn es belegbar und belastbar ist, werden diese die gleichen Konsequenzen zu tragen haben wie UB 01.

Ja, das ist richtig und gut. Und deshalb ist das Hauptaugenmerk jetzt auch auf den Ordnungsdienst zu legen. Man kann von einem Fan in einem knallvollen Block nicht erwarten, dass er da hinmarschieren kann, wenn er 15 Meter weiter etwas beobachtet, was nicht erlaubt ist. Vieles ist doch in so einem Fanblock auch rein technisch gar nicht machbar. Es gibt doch bereits Stadionverbote für einzelne. Aber ohne belastbare Beweise geht es eben nicht.

Sie haben die Vorgeschichte von UB 01 angesprochen. Was ist deren Anliegen aus Ihrer Sicht?

Ich nehme UB 01 schon ab, dass sie gegen Faschismus und Rassismus sind – und dass sie das ernst meinen.

Heute kann man ihnen das abnehmen – trotz ihrer zweifelhaften Vergangenheit, die schon Jahre her ist. Bei den Übriggebliebenen und denen, die ich kenne, ist das so. Nur, sie treiben das zu sehr auf die Spitze. Und sie übertreiben sehr viel. Und das bringt dann die gesamte Fan-Szene noch mehr gegen sie auf.

Da werden auch Leute denunziert, die anschließend Schwierigkeiten im Job bekommen. Und wenn man mit denen dann spricht, stellt sich das etwas anders dar: „Ja früher, da haben wir da auch schon einmal mit einer Fahne oder ähnlichem gestanden, es war aber auch Provokation dabei, das ist aber lange her.“ Wir haben das natürlich selbst auch recherchiert. Es gibt keine erkennbaren Zusammenhänge mit rechten politischen Strukturen. Allerdings gibt es unter jungen Menschen immer welche, die gerne damit kokettieren. Das macht es nicht besser – und hier muss eben auch die Arbeit und die ganze Aufmerksamkeit ansetzen.

Der NPD-Vorsitzende gab sich als Eintracht-Fan. Jetzt hat er Stadion-Verbot.

Den kennt hier kein Mensch. Das ist ja auch so ein Punkt: Da werden Zusammenhänge hergestellt, aber der NPD-Vorsitzende weiß halt auch ganz genau, wie er Aufmerksamkeit kriegen kann. Den kennt hier keiner. Wir haben herumgefragt, da gibt es nichts. Natürlich ist das Stadionverbot richtig.

Mit Gewaltbereiten gibt es aber doch Probleme. Auch am vergangenen Samstag in Wolfsburg gab es Angriffe auf die Polizei und verletzte Beamte.

Man muss doch zur Kenntnis nehmen, dass wir Gewaltphänomene in unserer Gesellschaft haben, nicht nur am Rande von Fußballspielen. Gewalt ist in unserer Gesellschaft vorhanden – und dann natürlich auch im Fußball. Das ist kein fußballtypisches Problem.

Aber Toleranz kann es da nicht geben.

Nein, natürlich nicht und gibt es auch nicht. Völlig klar! Als Fanprojekt sind wir dezidiert ein Jugendhilfeprojekt und wirken darauf hin, dass Bewusstsein für diese Problematik einkehrt, wir führen Gespräche, initiieren Programme und Veranstaltungen. In der Fan-Szene laufen halt auch viele Leute mit der Haltung rum: Wenn mir einer dumm kommt, dann haue ich den um. Auf Schützenfesten und andernorts gibt’s das auch. Mich stört, dass das immer nur zum Problem des Fußballs erklärt wird.

Woher kommt die latente Aggressivität gegenüber der Polizei?

Die Ablehnung von Polizei ist in bestimmten Fan-Kreisen sehr deutlich. Doch auch aufseiten der Polizei werden Fehler gemacht. Bei Auswärtsfahrten wird man als Fan schon mal drangsaliert. Klar, das wird mit Gefahrenabwehr erklärt und ist ja auch zum großen Teil richtig. Manchmal sind einzelne Beamte auch überfordert. Das Sprühen mit Pfefferspray hat überhand genommen, auch bei Lappalien. Da werden auch Unschuldige mit getroffen.

Warum ziehe ich mich dann nicht einfach zurück? Warum gehe ich genau da hin, wo die Beamten ihren Dienst tun, wenn ich doch weiß, das ist eine brisante Situation?

Häufig kommt man einfach nicht weg, ich habe das auch schon erlebt. Da sind oft auch Leute dabei, die zu Unrecht beschuldigt werden. Klar, es gibt Gewalttäter, aber oft sind auch viele dabei, die gar nichts dafür können.

Gibt es problematische Fangruppen? Was ist denn von Fangruppen wie „Alte Kameraden“ oder „Fette Schweine“ zu halten?

Im Grunde genommen sind das schon Leute, die Gewalt akzeptieren und in bestimmten Situationen auch ausüben. Aber man kann auch diese Gruppen nicht in Gänze verdammen. Da sind sicherlich schwierige Leute drin. Und für die Älteren gilt doch auch das Recht, dass sie aus der Vergangenheit einiges gelernt haben. Man sollte davon ausgehen – und so erlebe ich sie auch –, dass sie vernünftiger geworden sind.

Gerade bei jüngeren Leuten ist es so, dass sie ihre Affekte oft nicht kontrollieren können. Das ist ein bekanntes Phänomen, wenn es emotional aufgeheizt und hysterisch wird. Dann fällt die Affekt-Kontrolle aus.

Was kann das Fan-Projekt tun, was Verein und Politik? Hier kristallisiert sich ein gesellschaftliches Phänomen besonders am Fußball in der Fan-Szene heraus. Was muss getan werden?

Zum einen ist es ja immer eine Finanzfrage – wo fließen Gelder hin? Dass wir mit unserem Fan-Projekt unterfinanziert sind, das habe ich mehrfach betont. Mit zwei Leuten stehen wir hier einer Wand gegenüber. Letztlich müssen wir mit allen arbeiten, nicht nur mit Jugendlichen, auch mit Erwachsenen. Es kommt also schon darauf an, wieviel man in solche Fragen investiert – auch gesamtgesellschaftlich gesehen.

In Schulen fängt es an. Dafür machen wir auch das Projekt Lernort Stadion, wo es darum geht, mit Schulklassen zu arbeiten. Das geht in die richtige Richtung. Aber es ist zu wenig.

Wo ist Ihr persönlicher Platz zwischen dem Verein, den Fans , der Polizei und all den Erwartungen und Ängsten der Gesellschaft?

Unsere Hauptaufgabe ist eine Beziehungsarbeit mit den Fans. Da muss Vertrauen herrschen, wir müssen über alles reden können. Dann muss ich auch mal jemandem offen sagen können: Das war Sch... , was du da gemacht hast. Wenn keiner mit mir spricht, kann ich nach Hause gehen.

Wir müssen also netzwerken. Wir sitzen an der Nahtstelle zwischen allen. Gerade in so einem Konflikt zwischen „UB01“ und dem Rest der Fan-Szene ist es schwierig, nicht zwischen den Mühlsteinen zerrieben zu werden.

Wir sind keine Richter oder Entscheider – und eigentlich geben wir auch keine Presseverlautbarungen von uns. Wir arbeiten vor Ort mit den Leuten, wollen dort Dinge bewegen.

Wie arbeiten Sie?

Es gibt die Beziehungsarbeit, wir müssen also immer dabei sein, wo etwas los ist. Dann gibt es Bildungsarbeit mit Projekten. Und schließlich die Netzwerkarbeit, mit allen Akteuren im Gespräch zu sein.

Deshalb haben wir auch den Fan-Rat mit initiiert und gegründet, um eine Struktur in der Fanszene zu haben, um über Dinge sprechen zu können. Dann geht es über Kanäle weiter in die Fanklubs. Auch das Fan-Parlament ist so ein Schritt. Bei einem Personalschlüssel von 1 zu 20 000 kann man sich ja vorstellen, dass die Möglichkeiten dann auch sehr begrenzt sind.

An der Schwelle zur ersten Liga und in der ersten Liga wurden neue Probleme deutlich. Es kam zu Gewalt in der Stadt, zu Auseinandersetzungen in Mönchengladbach. In Wolfsburg wurden Beamte angegriffen. Wo stehen Sie mit der Fan-Arbeit? Was muss getan werden?

Es sind jetzt viel mehr Fans in der Szene – und es sind auch neue Leute gekommen, die keiner kennt. Das ist einfach ein Fakt. Das muss man beachten und analysieren. Dann verschiebt sich der Personalschlüssel nochmal.

Letztlich eine Aufgabe, die mehr Unterstützung benötigt, damit das Ganze Sport, ein Spaß, eine Werbung für Stadt und Verein bleibt.

Ja, und es ist auch bereits viel erreicht. Es haben sich viele Fanklubs positioniert, wir haben mit allen Beteiligten gesprochen. Alle haben unisono gesagt: „Wir haben mit Rechts nichts am Hut, wir sind keine Nazis.“ Auch die genannten Gruppen. Das ist eine gute Situation.

Das Thema Gewalt muss man differenzierter sehen, zum Beispiel auch am Wochenende in Wolfsburg. Ich frage mich, warum man es nicht hinbekommt, neue Stadien zu bauen und dabei unproblematische Anmarschwege gleich mitzuplanen. Damit es nicht zu solchen Engpässen kommt. In Hannover haben wir leider eine ähnliche Situation. Da kann man die Fan-Gruppen nicht vernünftig räumlich trennen.

Aber ansonsten ist mein Eindruck im Moment eher positiv: Es gibt in der Fan-Szene bei Eintracht einen Ruck, sich mit Dingen auseinanderzusetzen, von denen man früher behauptet hat, dass es sie im Stadion nicht gibt. Es ist aber da.

Und wie sieht es vor dem wahren Derby aus? (Für Nicht-Fans: das Spiel in Hannover am 8. November) Was muss man befürchten?

Ich bin relativ entspannt. Sicherlich sind da viele jetzt aufgeregt, manche auch zu aufgeregt. Jeder will irgend etwas machen. Auch medial. Jeder will eine Stellungnahme abgeben. Manchmal ist es besser, gar nicht so viel zu sagen. Und einfach zu sagen: Wir spielen da Fußball und fertig. Natürlich wird vieles auch aufgebauscht. Das ist kontraproduktiv. Aber wir sind gerade in dieser Hinsicht, was das Derby betrifft, ganz gut aufgestellt.

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