Die Bestien aus dem Niemandsland

Braunschweig  Kriminalhistoriker Ulrich Zander erinnert an den Prozess gegen Frauenmörder Rudolf Pleil - Teil 2.

Im Sommer 1946 begann eine der unfassbarsten Mordserien. Entlang der Zonen-grenze, bis nach Bayern, so stellte das Schwurgericht Braunschweig fest, wurden zehn Frauen umge-bracht. Rudolf Pleil wurde zum übelsten Sexualmörder der Nach-kriegszeit.

„Pleil wurde von der Marine wegen Epilepsie, Sauferei und Diebstahl ausgemustert.“
Ulrich Zander, Kriminalhistoriker aus Berlin

– Am 19. Juli 1946 ist Grenzführer Pleil allein auf Tour. Er bietet seine Dienste einer etwa 25-jährigen Frau an. Im Wald zwischen Walkenried und Ellrich am Rande des Südharzes tötet er die Unbekannte mit einem Hammer und schändet die Leiche.

– Am 19. August ziehen Kom-plize Karl Hoffmann und Pleil im oberfränkischen Grenzort Hof mit einer etwa 25-jährigen durch die Kneipen, locken sie anschließend auf das Gelände des Güterbahn-hofs, wo ihr Hoffmann mit seinem Fallschirmjägermesser den Kopf zertrümmert. Pleil missbraucht die Sterbende. Dann durchtrennt ihr Hoffmann die Kehle und raubt die Tote aus.

„Der 18-jährige Karl Schüßler wurde von Pleil als Lockvogel für die Opfer eingesetzt.“
Ulrich Zander, Kriminalhistoriker aus Berlin

– Am 2. September stößt das Duo nahe der Grenzübergangs-stelle Bergen auf eine 25-Jährige, die Pleil gefällt. Er erschlägt sie mit einem Feldstein und „bearbeitet“ die Leiche, die Hoffmann an-schließend im Wald verscharrt.

– Mitte September machen die beiden in der Eisenbahn die Be-kanntschaft einer etwa 25-jähri-gen Schwarzhändlerin, die auf dem Weg in die Ostzone ist. Vom unterfränkischen Trappstadt aus begeben sie sich Richtung Zonen-grenze. Im Wald fällt Hoffmann über die Frau her und schneidet ihr den Kopf ab. Die Habseligkeiten nimmt er an sich.

– Ende November. Im Wald zwischen Walkenried und Ellrich bietet Pleil einer jungen Frau an, sie in die Ostzone zu schleusen. Plötzlich fällt er, nachdem er zuvor eine Flasche Schnaps geleert hatte, in Ohnmacht. Ein epileptischer Anfall. Als er später erwacht, hält er ein blutbesudeltes Hufeisen in Händen. Neben ihm liegt das Mädchen. Erschlagen.

– Am 12. Dezember überfallen Pleil und Schüßler bei Nordhausen eine 55-jährige Witwe. Die Männer dreschen mit Knüppeln auf sie ein, Pleil hat es auf ihren Schnapsvorrat abgesehen. Sie hatte das Glück, nicht in sein sexuelles Opferschema zu passen. Die Täter halten die Bewusstlose für tot und fliehen. Die Frau aber überlebt und wird später vor Gericht gegen ihre Peiniger aussagen.

– Am 14. Dezember tötet Pleil im Beisein des Komplizen Konrad Schüßler eine 37-jährige Frau im Bahnwärterhäuschen von Vienen-burg mit einer eisernen Kupplungsstange und wirft die Leiche in einen Brunnen. Das bestialische Szenario wiederholt sich fünf Tage später. Opfer ist eine 44-jährige Witwe.

– Am 16. Januar 1947 verspre-chen Hoffmann und Pleil einer 20-Jährigen, sie zu Verwandten in die Ostzone zu führen. Pleil er-schlägt sie nahe der Straße Ab-benrode – Stapelburg. Die geschändete Leiche werfen die Mör-der in einen Bach.

– Mitte Februar wird in einem Wald bei Dudersieben eine 49-jährige Frau aufgefunden. Die Tote weist mehrere Schädelbrüche auf. Wieder hatte Pleil zugeschla-gen, wieder hatte Hoffmann die Leiche beraubt.

– Den letzten und grausigsten Frauenmord begehen Pleil und Hoffmann Anfang März 1947. Na-he Zorge, aber schon auf sowjetisch besetztem Gebiet, tötet Hoffmann eine unbekannte junge Frau mit seinem Messer, und Pleil tut, was er immer in solcher Situation tut.

Derweil schneidet Hoffmann den Kopf ab und geht damit umher. Pleil will ob dieser Grausamkeit schockiert gewesen sein, worauf Hoffmann ihn als „Memme“ bezeichnet. Dieser entsetzliche Mord – der Körper wird in der Ostzone gefunden, der Kopf auf britischem Hoheitsgebiet – wird später als Analogie für die Verro-hung der Menschen in einem wi-dernatürlich zerrissenen Land ge-deutet.

Am 31. Oktober 1950 beginnt vor den Braunschweiger Schwur-gericht der erste Sensationspro-zess der deutschen Nachkriegsge-schichte. Im Fokus der Aufmerk-samkeit steht vor allem Pleil, „die Bestie aus dem Niemandsland“.

Rudolf Pleil wurde am 7. Juli 1924 in Kühberg bei Bärenstein im Erzgebirge geboren. Vom Vater, einem haltlosen Trinker, lernte er das Schmuggeln, die Tschecho-slowakei lag „nur einen Katzen-sprung entfernt“. Rudolf war ein miserabler Schüler, jähzornig und hatte einen Hang zur Tierquälerei. So begleitete er gern seinen Onkel, einen reisenden Schweine-kastrierer, bei dessen barbarischer Arbeit. Spielkameraden berichteten, dass der stets hungrige Rudolf Katzen „erledigte“ und sie „auffraß“.

Nach Kriegsbeginn kam Pleil zur Marine, wurde aber wegen Epilepsie, ständiger Sauferei und Diebstahl ausgemustert. Er sollte nach entsprechenden Nazi-Gesetzen entmannt werden und entging dem nur, weil beide Krankenhäuser, in denen der Eingriff hätte vorgenommen werden können, kurz zuvor Bombenangriffen zum Opfer gefallen waren.

Pleil arbeitete dann als Kellner, Koch und Hilfspolizist. Sein hem-mungsloser Sadismus wurde kurz nach dem Krieg im erzgebirgi-schen Zöblitz noch einmal offenbar. Er hatte „aus Versehen“ einen „plündernden Iwan“ angeschossen. Der Blutfluss und das Stöhnen des Verletzten erregten Pleil dermaßen, dass er nur mit Mühe von seinem Opfer getrennt werden konnte. Rudolf Pleil war, wie Hoffmann auch, zwischenzeitlich verheiratet.

Karl Hoffmann, geboren 1913 im sächsischen Hausdorf, hatte den Beruf des Nadelsetzers gelernt. Er galt als roh und gefühllos und tötete ausschließlich um der Beute willen. Der Fleischer Konrad Schüßler, ein hübscher Junge aus Leukersdorf im Erzgebirge, war zur Tatzeit gerade mal 18 Jahre alt. Pleil setzte ihn, den leicht Beeinflussbaren, als Lockvogel für die späteren Opfer ein, da er selbst, klein und dicklich, mit platter Nase und schütterem Haar, Mondgesicht und runder Nickelbrille wenig vertrauenerweckend wirkte.

Die Verhandlung gegen das Mördertrio aus Sachsen erregt vor allem die Aufmerksamkeit der in-ternationalen Presse. Korrespon-denten aus dem europäischen Ausland finden sich zum ersten spektakulären Prozess in Deutschland ein, bei dem es nicht um Nazi-Verbrechen geht.

Hoffmann streitet jede Beteiligung ab – und bleibt dabei. Schüßler gesteht und zeigt Reue. Pleil prahlt mit seinen Taten, ist sichtlich stolz auf seine Triebhaftigkeit und seine Killerqualitäten. Mittlerweile will er „40 Stück totgemacht“ haben.

Allmachtsfantasien scheinen auch eine Rolle gespielt zu haben, seine in der psychiatrischen Anstalt Königslutter entstandenen „Memoiren“ nennt er „Mein Kampf“ in Anlehnung an das damals jedermann bekannte Machwerk Adolf Hitlers.

Mittlerweile ist eine Fortsetzung aufgetaucht. Die Kopfzeile lautet: „Ich mache alles gern tot“. Unterschrift: „Rudolf Pleil, Totmacher a. D. Zelle 69 III“. Pleils „Mein Kampf Band 2“. Das besagte Original befindet sich im Archiv der Braunschweiger Zeitung und beschreibt detailliert und in primitiver Ausdrucksweise einige der Morde. Ein Dokument des Grauens: „Da hape ich den Apperat genommen un hap ihr vorn Tetz geballert da viel sie auch schon.“

Das eigene Wohlergehen dagegen liegt Pleil am Herzen: „Eine Decke brauche ich auch noch denn mich friert nachts immer so“. Auf einem handgeschriebenen Zettel verlangt er, dass die Braunschwei-ger Zeitung und Goslarer Zeitung von einem Ortstermin ausgeschlossen werden, da sie „viel Schlechtes und auch Unwahres über mich geschrieben haben“. Andernfalls, droht er, „sage ich gar nichts“.

Pleil spekulierte darauf, für geisteskrank erklärt zu werden, doch die psychiatrischen Sach-verständigen einigten sich nach einigem Hin und Her auf „voll zu-rechnungsfähig“. Am 17. Novem-ber 1950 fiel das Urteil. Alle drei Angeklagten wurden – die Bun-desrepublik hatte die Todesstrafe abgeschafft – zu lebenslanger Haft verurteilt.

Karl Hoffmann starb 1976 in der Haft an Herzversagen. Konrad Schüßler wurde Ende der 1970er Jahre begnadigt und auf freien Fuß gesetzt. Und Rudolf Pleil? Der übelste Sexualmörder der Nachkriegszeit hat sich noch ein-mal als Totmacher betätigt: Am 16. Februar 1958 erhängte er sich in seiner Zelle.

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