Der Friedhof der Außenseiter

Braunschweig  Zwei Grabsteine erinnern daran, dass das Mehrgenerationenhaus auf einer ehemaligen Ruhestätte erbaut wurde.

Von der Straße aus ist der verwitterte Grabstein kaum zu sehen. Doch wer direkt vor dem Eingang des Mehrgenerationenhauses in der Hugo-Luther-Straße im Westlichen Ringgebiet stehen bleibt, erkennt: Zwischen Tischen und Bänken, einem Grill und spielenden Kindern thront in der Mitte des offenen Eingangsbereich auf grüner Wiese ein großer grauer Grabstein.

Die Inschrift ist nicht mehr zu entziffern. Nichts lässt mehr darauf schließen, für wen und wann dieser Grabstein aufgestellt wurde.

Was jedoch bekannt ist: Dieser Grabstein stand einst auf dem ehemaligen St. Michaelis-Friedhof, der sich genau an dieser Stelleist befand.

Und er erinnert uns daran, dass die Gebeine derjenigen, die vor vielen Jahren dort ihre letzte Ruhe fanden, noch heute dort liegen.

Der Friedhof der Braunschweiger St. Michaelis Gemeinde erstreckte sich an dieser Stelle einst über mehrere Hunderte Meter. „Ungefähr 1800 gab es den Erlass an die Kirchen, ihre Kirchhöfe außerhalb des Umflutgrabens anzusiedeln“, weiß Stadtteilheimatpfleger Klaus Hoffmann. Der Braunschweiger wuchs wenige Meter von der Hugo-Luther-Straße entfernt auf und erinnert sich noch gut an den Friedhof. „Bis circa 1945 wurden hier noch Menschen beigesetzt“, sagt er.

Ulrich Boeß, Diakon der St. Michaelis-Gemeinde, ergänzt: „Die St. Michaelis-Kirchen waren stets im Westen einer Stadt angesiedelt, als Beschützer der Städte vor dem Bösen. Warum? Weil man damals glaubte, dass das Böse stets aus dem Westen kam“.

St. Michaelis sei eine Armenkirche gewesen. Auf dem Friedhof in der Hugo-Luther-Straße seien deswegen neben dem Fabrikanten Johann Heinrich Stobwasser und dem ehemaligen Stadtdirektor Wilmerding auch Selbstmörder, Verbrecher, Huren oder arme Menschen beerdigt worden.

1949, nach Kriegsende, entschloss sich der schwedische König der Stadt Braunschweig eine Kindertagesstätte zu schenken – ein Geschenk an die Trümmerfrauen, „um die Wunden zu heilen, die der große Weltenbrand geschlagen hat“, wie es in der Festschrift von damals heißt.

Das „Schwedenheim“ entstand auf dem vorderen Teil des Friedhofsgeländes und steht dort auch immer noch.

Heute ist dieser Teil der Hugo-Luther-Straße ein trubeliger Ort, sowohl in der Kita als auch im Mehrgenerationenhaus springen viele Kinder umher.

Mütter sitzen in der Sonne, um im Schatten der Bäume das Essen vorzubereiten, während ältere Mitbürger sich mit Blick auf den Grabstein über Gott und die Welt unterhalten.

Der einstige Ort zur Erinnerung der Toten ist zu einem Ort des Lebens und der gelebten Zukunft geworden. Ein schönes Gefühl.

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