Bessere Lebenschancen durch Sport

Braunschweig  Große Freude beim VfB Rot-Weiß: Der Verein ist für den Deutschen Engagementspreis nominiert.

Im Sportunterricht schult Torsten Sümnich die motorischen Fähigkeiten der Kinder.

Im Sportunterricht schult Torsten Sümnich die motorischen Fähigkeiten der Kinder.

Foto: Daniela Nielsen

Als Torsten Sümnich den Raum betritt, stürzen sich die Kindergartenkinder der roten Gruppe sofort auf ihn und halten ihn fest. „Torsten ist da!“, rufen sie durcheinander und strahlen ihn an. Der Sportpädagoge lacht und umarmt den Haufen. Gemeinsam marschieren sie in den kleinen Sportraum der Einrichtung, wo die Drei- bis Sechsjährigen sich erwartungsvoll auf die Bänke setzen. Sie wissen: Ihnen steht eine tolle halbe Stunde vor.

Einmal die Woche kommt der Sportpädagoge zu ihnen, um mit ihnen zu turnen und herumzutollen. Die Kita Frankfurter Straße liegt im Westlichen Ringgebiet, einem Viertel, in der, so Kita-Leiterin Karin Bork, viele Familien sich in einer „schwierigen Lebenssituation“ befinden.

Seit 2008 kommt Sümnich regelmäßig in ihren Kindergarten. Kostenlos. Denn: Die Kita nimmt am Projekt „Lebenschancen durch Sport“ teil, mit dem der VfB Rot-Weiß seit 2008 in Schulen, Horten und Kindergärten des Westlichen Ringgebiets aktiv ist. „Wir sind sehr froh, dass es dieses Projekt gibt. Die Kinder lieben Torsten und lernen eine Menge von ihm“, sagt Bork.

Im Sportraum teilt der ehemalige Eintracht-Profi inzwischen Springseile aus. „Stellt euch vor, diese Seile sind in Wirklichkeit Mauern und ihr seid Pferde, die da jetzt drüberhüpfen“, erklärt er den Kindern. Diese machen sich mit Feuereifer ans Werk. Die Pferde galoppieren um die Mauern, hüpfen und drehen sich in der Luft.

Im Laufe der Stunde verwandeln sich die Kinder noch in Autos, Seiltänzer und kleine Spinnen. Spielerisch führt der Sportpädagoge sie an die unterschiedlichen Disziplinen heran: Es wird balanciert, Koordination und Rückwärtslaufen geübt.

Nicht immer klappt alles, doch das ist nicht so schlimm. „Je öfter die Kinder diese Dinge üben, umso besser werden sie“, erklärt Sümnich. Damit die Kinder sich nicht langweilen, bringt er jede Woche ein anderes Hilfsmittel mit, die Inhalte der Sportstunde bleiben die gleichen.

„Unser Ziel ist es, die Kinder spielerisch an den Sport heranzuführen und die Defizite in ihren motorischen Fähigkeiten auszugleichen, die sie mitbringen.“

Das Projekt baut auf drei Säulen auf. 31 Stunden ist Sümnich im Moment jede Woche in insgesamt acht Kitas unterwegs. Während des ersten Projektzeitraums, von 2008 bis 2012, waren auch einige Schulen dabei. Parallel dazu schult er die Pädagogen der Einrichtungen darin, wie sie mehr sportliche Übungen in ihren Alltag einbauen können. Kinder, die gerne mehr Sport treiben würden, sich den Mitgliedsbeitrag des VfB aber nicht leisten können, unterstützt der Verein über ein Patenschaftsmodell.

„Wir sind in einem Stadtteil angesiedelt, der bei den Arbeitslosenzahlen einen traurigen Spitzenwert aufweisen kann“, erklärt Bernhard Schnelle, Sprecher des Vereins. „Diese Kinder sind weitestgehend aus dem gesellschaftlichen Leben ausgeschlossen, der Zugang zum sportlichen und kulturellen Sektor ist verbaut“, begründet er das Engagement des Vereins. Schnelle ist sich sicher: Deutschland kann es sich nicht leisten, Kindern ein Gefühl des „Nicht-Dazugehörens“ zu vermitteln. Der Verein versuche deswegen, den Heranwachsenden im Sportsektor eine Perspektive zu geben.

Für seine Bemühungen im Quartier wurde der VfB Rot-Weiß 2012 mit dem „Aktiv für Demokratie und Toleranz“-Preis und dem Braunschweiger Präventionspreis ausgezeichnet. Die Gewinner des Deutschen Engagementpreises werden im Dezember bekanntgegeben.

Die Idee für das Modellprojekt „Lebenschancen durch Sport“entstand auf Bundesebene. Der VfB Rot-Weiß bewarb sich und startete das Projekt 2008. Bis 2012 wurde es drittelfinanziert vom Bund, der Stadt und dem Verein. Seit Januar 2013 trägt die Stadt die Kosten.

2012 befanden sich 80 Kinder im Patenschaftsmodell. Durch das Bildungs- und Teilhabepaket hat sich die Zahl seitdem halbiert.

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