Alkohol in der Schwangerschaft ist wie Russisches Roulette

Braunschweig  Eine Studie soll die Aufklärung über die unkalkulierbaren Risiken verbessern. Denn schon ein Glas Wein am Wochenende kann schädlich sein.

Der Experte Dr. Reinhold Feldmann nennt es Russisches Roulette mit dem ungeborenen Leben: Vier von fünf Schwangeren trinken Alkohol – nicht ahnend, dass auch schon das Gläschen Wein am Wochenende fatale Folgen haben kann.

„Jede beliebige Menge kann dem Ungeborenen schaden“, warnt Wissenschaftler Feldmann von der Universitätsklinik Münster vor einem nicht kalkulierbaren Risiko. „Man weiß nicht, wen es trifft.“ Aufklärung tut aus seiner Sicht daher dringend not.

Unter Federführung des Leiters einer bundesweit einmaligen Spezialambulanz für alkoholgeschädigte Kinder in Münster startet jetzt in Braunschweig ein Projekt, das Prävention wie auch die Frühförderung betroffener Kinder verbessern soll. Die Studie setzt da an, wo Eltern bzw. Kinder Kontakt zu Fachkräften haben: bei Hebammen, Pädagogen, in Geburtsvorbereitungskursen oder der Drogenberatung.

Mit 10 000 Euro fördert die Braunschweiger Kroschke Stiftung für Kinder das einjährige Projekt, das im Pädagogisch-Psychologischen Therapie-Zentrum in Braunschweig angesiedelt ist.

„Eine Alkoholschädigung ist die häufigste Behinderung Neugeborener“, sagt Feldmann. Jedes hundertste Kind sei irreversibel geschädigt. Eines von dreihundert Kindern weist Feldmann zufolge gar das durch Alkoholmissbrauch verursachte Vollbild des Fetalen Alkoholsyndroms (FAS) auf. Die gesellschaftliche Teilhabe dieser Kinder sei gering. Regelkindergarten und -schule könnten sie kaum besuchen.

Das FAS ist aus Expertensicht die einzige Form einer körperlichen, geistigen und seelischen Behinderung, die grundsätzlich verhindert werden kann. Eine frühzeitige Diagnostik und damit verbundene Frühförderung könne den Lebensweg betroffener Kinder zudem erleichtern.

Doch werden gerade leichtere Schädigungen oft nicht auf Alkohol zurückgeführt, hier sieht Feldmann Aufklärungsbedarf. Über die Art der Schädigung entscheide der Reifegrad des Ungeborenen: Schädige Alkohol im frühen Stadium der Schwangerschaft die sich bildenden Organe, könne er in der Spätschwangerschaft zu Denk- und Konzentrationsschwächen führen.

Um die Aufklärung über das nicht gerade im Fokus der Öffentlichkeit stehende Thema zu professionalisieren, wollen die Wissenschaftler gemeinsam mit der städtischen Gesundheitsplanung ein auf Braunschweig zugeschnittenes Präventionskonzept erarbeiten. „Das Wissen ist sehr unterschiedlich“, so Feldmann. Fachkräften will er daher im Umgang mit alkoholgeschädigten Kindern und deren Eltern Informationen und Hilfestellungen anbieten.

Dr. Sabine Pfingsten-Würzburg, Leiterin des Gesundheitsamtes, ist froh über die Studie, die das aktuelle Braunschweiger Aktionsjahr gegen Sucht ergänzt. „Wir sehen die geschädigten Kinder in den Kindergärten und Schulen.“

Feldmann ergänzt: Es gehe nicht um Schuldzuweisungen an die Eltern. Es gehe um Hilfe.

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