Geschichten aus Licht über den Dächern der Stadt

Braunschweig  Licht an auf der Toblerone. Das Bürohaus im Brawo-Park wird seit Montagabend mit Video-Kunst bespielt. 350 000 Leuchtdioden sorgen dafür.

Die Hohe Kunst – 60 Meter über dem Erdboden. Seit Montagabend erzählen 350 000 Leuchtdioden auf dem Dach der „Toblerone“ Geschichten. Video-Kurzfilme aus der Dortmunder Ideenschmiede des preis-dekorierten Filmregisseurs Professor Adolf Winkelmann und ausgewählte Beiträge von zwölf Braunschweiger Kunst-Studenten ziehen am Berliner Platz die Blicke künftig nach oben.

Es war gestern Abend so etwas wie die vorgezogene Krönung des Brawo-Parks, der ja eigentlich erst im Werden ist – mit strahlkräftiger Inszenierung des Büroturms im Laserlicht, Feierstunde, Schaulustigen und einer Hundertschaft geladener Gäste der Volksbank Braunschweig-Wolfsburg, die in den nächsten Jahren für 130 Millionen Euro aus dem ehemaligen Postareal ein Fachmarkt- und Bürozentrum macht.

Muster für die Braunschweiger Lichtinstallation ist der U-Turm der ehemaligen Dortmunder Union-Brauerei. Das wiederbelebte Wahrzeichen der Westfalenmetropole bespielt Winkelmann seit zweieineinhalb Jahren mit seinen bewegten Bildern – weil Essen und das Ruhrgebiet seinerzeit den Zuschlag zu Europas Kulturhauptstadt 2010 erhalten hatten und nicht Braunschweig. Ironie der Geschichte, dass diese Entscheidung der Stadt nun doch noch ein künstlerisches Schlaglicht von Format beschert.

Wozu aber braucht Braunschweig ein solches Lichtspiel-Haus? Volksbank-Chef Jürgen Brinkmann sagt es so: „Städtebaulich wie künstlerisch unterstreicht die außergewöhnliche LED-Installation den für uns wegweisenden Ansatz kreativer Stadtentwicklung. Der gesamte Brawo-Park soll eine identitätsstiftende Rolle für das Stadtbild rund um den Braunschweiger Hauptbahnhof übernehmen.“ Filmemacher Winkelmann formuliert es so: „Die Lichtquellen, die die Menschen in der Stadt wahrnehmen sind ausschließlich funktional oder haben Werbezwecke. Ich will die Menschen mit Licht ansprechen, will sie erfreuen.“ Und er will Kommunikation entfachen. „Deshalb ist es wichtig, dass die Bilder durch Überraschung oder Verfremdung nach Entzifferung verlangen und zum Nachdenken anregen.“

Täglich von 5 bis 24 Uhr (am Abend auflagengerecht gedimmt) lässt der Filmprofessor das Licht sprechen. Er lässt Wellen gegen die Gesetze der Natur brechen oder Erdbeeren in Zeitlupe effektprall ins Wasser plumpsen. Werbung ist absolut verpönt. Material für sechs Wochen haben Winkelmann und sein Team vorproduziert – der überwiegende Teil reale Aufnahmen, allesamt am Computer aufbereitet. Immer mittags ist Motivwechsel hoch oben über dem Bahnhofsvorplatz – damit Pendler sich abends auf dem Heimweg auf ein neues Seherlebnis freuen können.

Zu jeder vollen Stunde erlaubt sich Winkelmann eine lebhafte Spielerei mit dem stilisierten Wappen-Löwen der Stadt. Und wenn die Eintracht Heimspiel hat, läuft das blau-gelbe Programm mit Ball über die neun Felder der Projektionsfläche, die aus der Ferne aussieht wie transparente Jalousien.

Dienstags und mittwochs machen Studenten der Hochschule für Bildende Künste das Programm. Die Volksbank hatte für sie einen Wettbewerb ausgeschrieben, um den kreativen Kräften der Stadt Raum für öffentliche Darstellung zu geben.

Professor Adolf Winkelmann (66) lehrt Film-Design an der Fachhochschule Dortmund und ist als Regisseur und Produzent tätig. Für den TV-Mehrteiler „Contergan“ erhielt er 2008 den Deutschen Fernsehpreis. Weitere Auszeichnungen von Rang: Adolf-Grimme-Preis, Bambi und Goldene Kamera. Zur Weltausstellung 2000 in Hannover drehte Winkelmann Film-Porträts über die 16 Bundesländer, die während der Expo im deutschen Pavillon gezeigt wurden. Im Gespräch mit unserer Zeit sprach er

...über den anschwellenden Überfluss an Licht und Bewegtbild im städtischen Raum.

Ja es gibt diesen Überfluss. Gerade deshalb müssen die Menschen lernen, mit dieser neuen, wachsenden Form der Bewegt-Bild-Kommunikation umzugehen. Das ist einer unserer Ansätze. Wir sprechen da von einer Schule des Schauens. Bilder kommen normalerweise nicht ohne erläuternden Text aus. Das unterscheidet unsere Installation von anderen Bildern. Sie ist ohne Begleittext, werbefrei und an einem Ort, an dem man normalerweise keine Bilder erwartet. Deshalb wird sie im Gegensatz zu Reklamedisplays auch wahrgenommen.

…zur identitätsstiftenden Kraft des Lichts .

Unsere Installation auf dem U-Turm hat Dortmund verändert. Irgendwann ist einmal eines der Projektionsfelder ausgefallen – die Servicetelefone bei der Stadt haben nicht mehr stillgestanden. Und ich habe mein Handy irgendwann ausgeschaltet. Da war uns klar: Die Stadt-Gesellschaft ist nicht mehr bereit, auf diese Bilder zu verzichten. Lokale Motive gehören auch dazu, sind aber nicht entscheidend dafür. Wichtiger ist, das wir Auseinandersetzung mit den Bildern herstellen. Einen solchen Effekt erwarte ich auch in Braunschweig.

…über die Gefahr der Ablenkung seiner Bilder mit Unfallfolgen auf dem Berliner Platz.

In Dortmund hatten wir in zweieinhalb Jahren nur einen Blechschaden, weil eine Studentin auf die Videos und nicht auf den Verkehr geachtet hat. Das klingt nicht nach Häufung von Unfällen, wie alle zuvor befürchtet hatten. Auf jeden Fall können Rotphasen an Ampeln am Bahnhof künftig angenehmer werden.

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