„Braunschweigs Zukunft liegt am Ringgleis!“

Braunschweig  Die Städtebauer der Technischen Universität haben ein Modell vorgestellt, das zeigt, wie sie sich die künftige Entwicklung der Stadt vorstellen.

Professor Uwe Brederlau (von links), Silke Lubahn, Isabella Lorenz und Florian Holik mit dem großen TU-Ringgleis-Arbeitsmodell.

Professor Uwe Brederlau (von links), Silke Lubahn, Isabella Lorenz und Florian Holik mit dem großen TU-Ringgleis-Arbeitsmodell.

Foto: Rudolf Flentje

Kann es sein, dass das Ringgleis bislang unterschätzt wurde? Kann es sein, dass es viel mehr ist, als ein wunderschöner Freizeitweg, wie Rat und Verwaltung bislang meinen? Die TU-Städtebauer sind dieser Ansicht. Sie behaupten Unglaubliches: Braunschweigs Zukunft liegt am Ringgleis!

Das Ringgleis ist kein Freizeitweg, das Ringgleis ist ein Entwicklungsweg. Was so ungewöhnlich klingt, ist es tatsächlich nicht. Als vor 125 Jahren der erste Zug vom Nordbahnhof zum Westbahnhof dampfte, hatten Braunschweigs Stadtväter gleichzeitig die Voraussetzung geschaffen, dass sich entlang der Strecke Industrie ansiedelt. Eine Erwartung, die in Erfüllung ging. Das Westliche Ringgebiet entwickelte sich entlang der Gleise.

Die Gleise sind größtenteils verschwunden, die Trasse ist geblieben. Und nun haben die Städtebauer um Prof. Uwe Brederlau etwas getan, was vor ihnen noch keiner so konsequent getan hat. Sie haben sich gefragt: Was liegt eigentlich links und rechts des Ringgleises? Welche Entwicklungsflächen liegen dort, und wie könnte Braunschweig davon profitieren?

Wo liegen unsere Entwicklungsflächen, wo liegt die Zukunft unserer Stadt? Das sind Fragen, die alle Städte zurzeit bewegen. Das Konzept von Hannover, berichtet Brederlau, sehe zum Beispiel vor, den öffentlichen Raum neu zu überplanen. Sogar Plätze in der Innenstadt sollen verkleinert werden, um neuen Wohnraum in der Landeshauptstadt zu schaffen.

Ist das etwas, was sich in Braunschweig wiederholen wird? Brederlau sagt: „Das Ringgleis verschafft Braunschweig andere und viel bessere Möglichkeiten.“ Doch der Reihe nach. Diffus ist nämlich die Vorstellung, was das Ringgleis überhaupt genau ist. Schließlich ist die Strecke 19 Kilometer lang. So eine lange Strecke neu zu denken und optimal zu entwickeln, das ist selbst für Städtebauer eine Herkules-Aufgabe.

Umso mehr als das, was Wissenschaftler „Quellenlage“ nennen, schlecht ist. Brederlau beschreibt es so: „Es gibt zwar für Streckenteile Bebauungspläne. Doch sie nehmen keinen Bezug aufeinander. Ein Entwicklungskonzept, einen Stadtentwicklungsplan für Braunschweig konnten wir nicht entdecken.“ Ein großes Manko. „Ohne Plan kann man die Zukunft Braunschweigs nicht gestalten. Wer es dennoch versucht, überlässt das Ergebnis dem Zufall.“ Eine Vorstellung, vor der sich jeder Planer graust. Und so haben Brederlau und Mitarbeiter ein riesiges Arbeitsmodell des Ringgleises gebaut. 12 Quadratmeter ist es groß. Das Modell veranschaulicht den angedachten Verlauf des Ringgleises. Und, was neu ist, es zeigt Entwicklungsflächen, die am Ringgleis oder in der Nähe liegen. Denn die TU-Städteplaner betrachten Trasse und Entwicklungsflächen als Einheit.

Das ist eine völlig andere Betrachtungsweise als die der Grünflächenplaner des Rathauses. Sie haben zwar einen Masterplan für das Ringgleis erstellt und konkretisieren ihren Plan zurzeit mit Hilfe von Bürgern, die in Arbeitskreisen ihre Vorschläge einbringen.

Dieses Vorgehen, den Blick allein auf das Ringgleis zu richten, hat allerdings einen Makel. Brederlau-Mitarbeiter Florian Holik bringt es so auf den Punkt: „Das Ringgleis entwickelt seine Qualität durch die Umgebung und nicht durch sich selbst!“ Das ist starker Tobak!

Denn im Klartext heißt das: Die lobenswerte Arbeit der Grünflächenplaner, die jeder auf dem fertigen Teilstück erfahren kann, bedarf der Unterstützung der Stadtplaner. Denn es sei nicht alles Gold, was am Ringgleis glänze. Als Beispiel führt Brederlau das Teilstück Westbahnhof an: „Auf der einen Seite liegt der städtische Betriebshof, auf der anderen Seite Kleingärten. Nachts ist dort niemand. Am Westbahnhof fehlt die soziale Kontrolle durch Anwohner. Dort fehlt Wohnbebauung.“

Was nicht heißt, dass man jedes freie Plätzchen am Ringgleis für Wohnbebauung reservieren sollte. Alle Optionen stünden einem Planer offen, sagt Brederlau: „Gezielt kann auch Industrie angesiedelt werden, und gezielt könnten Stadtteile, denen Grünflächen fehlen, Grünflächen am Ringgleis erhalten.“

So könnte das Ringgleis, „zu einem Musterbeispiel einer zukunftsweisenden Stadtentwicklung werden“.

Das Ringgleis – eine bloße Spielwiese für Stadtplaner, die ein neues Stück Braunschweig auf dem Reißbrett entstehen lassen? Auf keinen Fall, verneint Brederlau: „Das Ringgleis haben Bürger erdacht, und es entstand aus einer Bürgerbaustelle heraus. Wer nach einem Beispiel für Bürgerbeteiligung in Braunschweig sucht, der findet das beste im Ringgleis-Projekt. Wir wissen von 60 Bürger-Projekten am Ringgleis. Tatsächlich werden es wohl 200 sein. Die Bürger müssen natürlich weiter beteiligt werden!“

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