„Kein Standort für einen Industriebetrieb dieser Art“

Braunschweig  Antworten der Bürgerintiative Strahlenschutz BISS auf Fragen unserer Leser zum Leserforum Atommüll in Thune ?!“

Dr. Thomas Huk von der Bürgerinitiative BISS beim Leserforum im Pressehaus.

Dr. Thomas Huk von der Bürgerinitiative BISS beim Leserforum im Pressehaus.

Foto: Rudolf Flentje

Nach dem Leserforum „Atommüll in Thune?!“ setzen wir die Veröffentlichung der Fragen unserer Leser und der Antworten fort. Heute Antworten, die uns von Dr. Thomas Huk und Peter Meyer von der Bürgerinitiative Strahlenschutz BISS in Thune erreichten.

Womit begründen Sie die von Ihnen behauptete Gefahr aus dem Industriegebiet Thune, dessen Strahlungswerte nirgends die natürliche Radioaktivität in ihrer Schwankungsbreite übersteigen, welche an einigen Stellen im Stadtgebiet und an anderen Orten im Bundesgebiet sogar höher ist als in der unmittelbaren Umgebung des Industriegebietes?

Diese Behauptungen sind nicht korrekt und verharmlosen die tatsächliche Situation. Natürliche Radioaktivität ist nicht harmlos! Es ist allgemein anerkannt, dass es keine Schwellenwerte gibt, unterhalb derer radioaktive Strahlung harmlos ist.

Die Radonkonzentration in Häusern wird der natürlichen Strahlung zugerechnet. Das Bundesamt für Strahlenschutz schätzt die Zahl der jährlichen Todesfälle durch dieses Radon in Deutschland auf 1900.

Es konnte von Dr. Alfred Körblein vom Umweltinstitut München darüber hinaus statistisch abgesichert gezeigt werden, dass eine Erhöhung der Hintergrundstrahlung um 1 Millisievert (mSv) pro Jahr mit einer Erhöhung der Krebsrate um 10 Prozent und einer um 21 Prozent erhöhten Säuglingssterblichkeit zusammenhing.

Wir haben bislang jedoch vor allen Dingen auf den Missstand hingewiesen, dass hier in direkter Nachbarschaft zu Schulen und Wohnbebauung Eckert & Ziegler (und scheinbar auch deren Vorgängerfirmen) mit radioaktiven Stoffen in enormer Größenordnung umgehen, die bereits jetzt schon vergleichbar mit der Gesamtaktivität der 126 000 Fässer der Asse ist.

Trotz dieser äußerst sensiblen und stadtplanerisch höchst fraglichen Lage wird hier scheinbar nicht das Minimierungsgebot angewendet: Der Betrieb hat weitaus höhere Direktstrahlungsemissionen als ein Kernkraftwerk und die erlaubten Emissionsgrenzwerte für radioaktives Jod 131 liegen mit 100 bis 250 Becquerel pro Kubikmeter Abluft (1 Becquerel = ein radioaktiver Zerfall pro Sekunde) wesentlich über den in der Strahlenschutzverordnung angegeben Grenzwerten von maximal 5 Becquerel pro Kubikmeter.

Unter Wissenschaftlern wird seit langem über die Wirkung von Niedrigstrahlung gestritten (u.a. hat Dr. Körblein nachgewiesen, dass im Umkreis um Atomkraftwerke die Kinderkrebsrate – insbesondere Leukämien – erhöht ist). Unstrittig ist jedoch das höhere Risiko radioaktiver Strahlung für Kinder.

Und in nur 200 Meter Abstand befinden sich zwei Schulen. Eine Krippe wird demnächst gebaut. Wohngebäude stehen schon auf der gegenüberliegenden Straßenseite. Das ist kein Standort für einen Industriebetrieb dieser Art!

Womit erklären Sie die Tatsache, dass die Mitarbeiter im Industriegebiet dort seit Jahren ohne erkennbare nachgewiesene Strahlungsschäden für sich und ihre Familien und ohne Äußerung von Angst um ihre Gesundheit arbeiten?

Gegenfrage: Woher wissen Sie, dass die Mitarbeiter keine Strahlenunfälle oder Krebskrankheiten hatten? Wir kennen hier äußerst gegensätzliche Aussagen. Die Physikerin Prof. Inge Schmitz-Feuerhake sagt hierzu folgendes: „Die Fachwelt ist zu dem Schluss gekommen, dass ein reales Krebsrisiko innerhalb der Dosisgrenzwerte für beruflich Strahlenexponierte existiert.“

Das bedeutet, die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind zweifelsohne einem höheren Krebsrisiko ausgesetzt. Die Aussage, dass es „seit Jahren“ keine „nachgewiesenen Strahlenschäden“ bei Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern im Thuner Industriegebiet gibt, lässt sich durch die folgenden drei Punkte gut erklären:

Hier muss zuerst der „Healthy Worker Effect“ berücksichtigt werden. Er besagt, dass die Firmen in der Regel bei der Einstellung von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern darauf achten, dass diese eine gute körperliche Verfassung haben und daher eine geringere Krebsinzidenz aufweisen als der Durchschnitt der Bevölkerung.

Zweitens haben die meisten strahlenbedingten Krebserkrankungen lange Latenzzeiten (Zeit zwischen radioaktiver Bestrahlung und dem Ausbruch von Krebs): Personen, die an Krebs erkranken, arbeiten unter Umständen bei Ausbruch der Krankheit nicht mehr in der Firma, da es Jahrzehnte dauern kann bis zum Ausbruch der Krankheit.

Drittens ist es äußerst schwierig für Betroffene nachzuweisen, dass der Krebs durch die radioaktive Strahlung am Arbeitsplatz verursacht wurde. Daher verwundert nicht, dass es scheinbar keine offiziell erkennbaren nachgewiesenen Strahlenschäden bei den Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern gibt.

(Wird fortgesetzt)

Anmerkung der Redaktion: Wir veröffentlichen die Antworten so, wie wir sie erhalten. Dies ermöglicht den Lesern einen Einblick in den Stand der Diskussion und die eingenommenen Standpunkte aller Seiten. Dabei kommen die Stadt, das Gewerbeaufsichtsamt, die Bürgerinitiative und das Unternehmen Eckert & Ziegler zu Wort.

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