Eckerts Attacke: „Braunschweig, die Stadt der Ressentiments“

Braunschweig  Dieser Abend hatte Spaltkraft. Andreas Eckert hat sich mit einer ganzen Stadt angelegt. „Braunschweig, die Stadt der Ressentiments“, rief er in den Raum.

Kollektives Misstrauen hemme wirtschaftliche Entwicklungen. So sieht es der Chef der Nuklear-Firma Eckert & Ziegler. Wer ins Wörterbuch schaut, findet zur Übersetzung Begriffe wir Abneigung, Feindseligkeit, Voreingenommenheit, Widerwille. Eckert, so scheint es, dürfte gleich die komplette Batterie an Synonymen im Sinn gehabt haben. Denn er legte nach. Er beklagte, dass ein Rachebedürfnis die Diskussion um die Standorterweiterung seines Unternehmens antreibe. Jene, die sich daran beteiligten, seien mit viel Halbwissen und noch mehr Aberglauben ausgestattet. Es gehe Mitredenden um wahltaktische Profilierung, um Auflagen- und Quoteninteresse.

Für alle, die seinen Worten nicht so schnell folgen konnten oder wollten, schickte der Unternehmer seine Anwürfe zum Nachlesen noch auf den großformatigen Computer-Bildschirm.

Eckert spielt offenkundig gern die tiefen Töne auf der Klaviatur der Provokation. Das hat er den Braunschweigern schon beim Hearing in der Stadthalle in gleicher Sache gezeigt. Im Pressehaus griff er so tief, dass er die Gegner seiner Expansionsideen als „moderne Taliban“ brandmarkte.

Die anhaltenden Reizungen verfingen nicht. Die Gegenseite blieb – abgesehen von einigen wenigen Zwischenrufen („Lügner“) – bis zum Ende des Abends im Tonfall moderat.

Man muss nach diesem Zusammentreffen aber zumindest hinterfragen, ob das auch außerhalb einer solchen Diskussionsrunde immer der Fall ist, fernab von Dokumentation und Veröffentlichung. Moderator Henning Noske verlas in Abstimmung mit dem Betriebsratsvorsitzenden von Eckert & Ziegler, Frank Eigner, einen Brief aus der Belegschaft an den
Rat der Stadt – vielfach unterzeichnet.

Zeilen, die den Bürgern aus Thune die Angst vor der Strahlengefahr nehmen sollten – von Menschen, die täglich mit den radioaktiven Stoffen von Berufs wegen zu tun haben.

Da steht zum Beispiel: „Wir selbst sind es, die ein sehr großes Bestreben haben, unsere Abläufe optimal zu planen, zu prüfen, zu überwachen und nichts dem Zufall zu überlassen.“

Zeilen, die aber ebenso die politisch Verantwortlichen in der Stadt aufschrecken sollten. Denn in dem Brief sind auch Sätze wie diese zu lesen: „Die Entwicklung der Standortsituation ist für einige Mitarbeiter mit ihren Familien an einem unerträglichen Punkt angelangt. Es ist bedauerlich, dass Kinder, deren Eltern an diesem Standort ihren Lebensunterhalt rechtschaffen verdienen, in Kindertagesstätten, Schulen und Vereinen Diskriminierung und Manipulation ausgesetzt sind.“

Und weiter: „Ebenso kommt es leider vor, dass Mitarbeiter bei der Wohnungssuche gesagt bekommen, dass keine Mitarbeiter der Eckert & Ziegler AG willkommen sind.“

Offene Worte der Beschäftigten. Aber selbst diese stießen nicht bei allen im Publikum auf kritikfreien Widerhall – zu verhärtet sind die Fronten der beiden Lager.

Dieser Abend hatte Spaltkraft.

Den Leitartikel von Henning Noske, Leiter der Lokalredaktion Braunschweig, zum Thema lesen Sie hier.

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