Mit dem Schmetterlingsjäger auf Spurensuche

Stadtmarketing erweitert Touristikangebot: Schauspieler Andreas Jäger bietet Erlebnisführungen zur Stadt der Wissenschaft

Professor Heinrich von Löwenstadt (Andreas Jäger) beginnt seine Erlebnisführung vor dem Gauß-Denkmal.    

Professor Heinrich von Löwenstadt (Andreas Jäger) beginnt seine Erlebnisführung vor dem Gauß-Denkmal.    

Foto: s: Peter Sierigk

"Brunis Wo steckst Du?" Mit fliegenden Kittelschößen eilt Professor Doktor Heinrich von Löwenstadt den Gaußberg herab und wedelt wild mit seinem Schmetterlingsnetz. Der Tropenhelm sitzt schief, die schmucke Halsbinde umso korrekter. Professor von Löwenstadt ist auf der Jagd nach einem seltenen Exemplar: dem Brunis Dankwardis, einer Schmetterlingsspezies, die nie zuvor ein Mensch gesehen hat.

Doch statt des Falters findet der Forscher am Fuße des Gaußbergs eine kleine Schar Neugieriger vor, die darauf brennt, ihr Wissen über die Wissenschaft in dieser Stadt zu mehren, und willens ist, mit von Löwenstadt auf historische Spurensuche zu gehen.

Hinter dem Mann mit der Schmetterlingsfliege und dem Einstein-Schnäuzer verbirgt sich nämlich ein Stadtführer der besonderen Art: der Schauspieler Andreas Jäger, der eigens für die Stadt der Wissenschaft eine unvergessliche und lehrreiche Erlebnistour ausgetüftelt hat.

"Weiß jemand zufällig, wo der höchste Punkt der Stadt ist?", fragt der Forscher-Führer das Trüppchen hinterlistig. Nun ja. Der Gaußberg vielleicht? Wäre schließlich im wahrsten Sinne des Wortes naheliegend. Die falsche Antwort quittiert von Löwenstadt mit genüsslichem Kopfschütteln. "Der Nußberg!", ruft triumphierend ein Passant in die grübelnde Runde, offenkundig ein Mitarbeiter der Stadtreinigung. "Hoho, Herr Professor in Orange", frohlockt der Schmetterlingsjäger, "leider auch falsch: Der Geitelder Berg misst 111 Meter und ist somit der höchste."

Von Löwenstadt hat noch mehr Statistik zu bieten: "Braunschweiger unter 20 Jahren heiraten statistisch gesehen gar nicht oder wenn, dann höchst selten", ruft er einem jungen Mann mit Baseball-Kappe und Blousonjacke zu, der zufällig vorbeischlurft, aber auf die unvermittelte Ansprache schnell den Schritt beschleunigt und die Flucht ergreift.

Von der Heiratsunwilligkeit der jungen Braunschweiger schlägt von Löwenstadt elegant den Bogen zum großen Gauß. Wieder ist das Publikum gefragt: Wer sagen kann, mit welchem Rechenkniff der kleine Gauß einst in Windeseile die Zahlen 1 bis 100 zusammenzählte, bekommt ein großes Lob und darf das Schmetterlingsnetz tragen – eine weithin sichtbare Auszeichnung für Vielwisser, die einem aber schnell wieder abgenommen wird, wenn man bei der nächsten Antwort patzt.

Oben auf dem Gaußberg zeigt von Löwenstadt auf jene Stelle, wo einst das Geburtshaus des mathematischen Genies stand und dann – ein graziöser Schwenk mit dem Arm nach rechts – auf die einstige Accouchieranstalt. Dort hatten ledige Frauen zu Herzog Carls Zeiten ihre Kinder zu bekommen. Um wegen der Alimentenzahlungen den Namen des Kindsvaters herauszubekommen, fragte man die werdenden Mütter in der heißesten und schmerzhaftesten Phase des Gebärens nach dessen Namen – in der Hoffnung, dass sie im Angesicht der Pein alles ausplaudern würden.

Schon hat von Löwenstadt ein neues Thema drauf: der erste bemannte Ballonflug in Braunschweig am 10. August 1788, als der Franzose Jean Pierre Blanchard dem Gaußberg gegenüber zu seiner 32. Luftreise abhob.

"Der Wind trug ihn... Na, wohin?" Schweigen im Wäldchen auf dem Hügel "nach Lamme", seufzt von Löwenstadt mit sehnsüchtigem Fernwehblick. Ja, damals habe die Flugbegeisterung der Braunschweiger ihren Anfang genommen. Der Schmetterlingsjäger schlägt die Brücke ins Jetzt und preist den Braunschweiger Forschungsflughafen als den größten in Europa, "nach Toulouse" setzt von Löwenstadt etwas leiser nach.

Mit ausladenden Gesten und weithin vernehmbarer Stimme weist der schrullige Führer seinen aufmerksamen Zuhörern nun den Weg zum nächsten Punkt der Wissenstour: einen Baum im Inselwall-Park. Hier sinniert der Forscher über das Grün in den Blättern und geht der Frage nach, warum der Himmel blau ist und Autoreifen schwarz sind. "Wenn sie nicht schwarz wären, würden sie ständig auf der Straße festkleben." Denn Reifen bestünden aus der Grundmasse Kautschuk, und der sei bernsteinfarben und im rohen Zustand klebrig wie Kaugummi. Wieder haben Wissenschaftler das Problem gelöst – wenn auch nicht aus Braunschweig. Wir lernen: Mit Ruß versetzt bekommt der Kautschuk die richtige Härte, damit er auf dem Asphalt nicht festklebt.

Und weiter geht’s. Kurz vor der Neustadtmühle kritzelt von Löwenstadt mit Kreide aufs Pflaster, wie sich Steigungen berechnen. Über das Wirrwarr alter Maßeinheiten kommt der Führer schließlich zur PTB – "die jenes Chaos in den Dingen physikalisch und technisch ordnet und als Vatikan der Messtechnik gilt."

Eineinhalb Stunden lang füttert uns von Löwenstadt launig mit Informationen und Anekdötchen. Das mehrt nicht nur das Wissen und die Kunde von der Heimat – sondern ganz enorm auch den Stolz auf Braunschweig.

Schade. Wir hätten Professor von Löwenstadt so sehr gegönnt, dass ihm der Brunis Dankwardis schließlich doch noch ins Netz gegangen wäre

Kommentar-Profil anlegen
*Pflichtfelder