Osterode am Harz. Die Polizei findet im Harz eine ganze Cannabis-Plantage und Waffen. Der Angeklagte beteuert: Er sei nun mal ein Gärtner-Talent. Ein Gerichtsreport.

Eine Marihuana-Plantage, mehrere Waffen und Profi-Equipment in der Kammer: Vor dem Amtsgericht in Osterode verhandelt ein junger Mann aus Bad Grund seine Zukunft. Denn bei den Taten, die ihm zur Last gelegt werden, kennt der Gesetzgeber keinen Spaß: bewaffnetes Handeltreiben mit Betäubungsmitteln in nicht geringer Menge. Freiheitsstrafe, nicht unter fünf Jahren, sieht das Betäubungsmittelgesetz (BtMG) unter Paragraf 30a, vor. Ein Drogenboss mitten in Bad Grund im Harz? So liest es sich zumindest in der Ankündigung des Verfahrens.

Der Mann, der sich an einem Montagmorgen still an den Tisch im Saal 2 des Amtsgerichtes setzt, sieht nicht aus wie ein hartgesottener Krimineller. Ein breites Kreuz hat er zugegebenermaßen und eine Brust wie ein Fass. Die Haare, die er auf dem Kopf schon verloren hat, gleicht ein rotblonder Vollbart wieder aus; die dickrandige Brille und die Schiebermütze erwecken mehr den Eindruck „Soziologiestudent“, als abgebrühter Krimineller. Die Schöffen wissen vor Gericht nicht recht, was sie halten sollen von dem jungen Kerl.

Waffen und Cannabis in der Wohnung in Bad Grund im Harz

Denn die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft liest sich einigermaßen dramatisch: „Der 30-jährige Angeklagte soll in seiner Wohnung eine Cannabisplantage mit neun Pflanzen unterhalten haben sowie über 135 Gramm bereits abgeerntetes Marihuana und 27.7 Gramm Haschisch verfügt haben.“ Im selben Raum soll sich zudem eine geladene Schreckschusspistole, ein Einhandmesser, ein japanisches Katanaschwert und ein Teleskopschlagstock befunden haben. Die Anklage unterstellt dem Angeklagten, er habe beabsichtigt, sein Arsenal gegebenenfalls gegen Menschen einzusetzen. Denn die Menge Cannabis – weit über 1000 Konsumeinheiten – ist weit jenseits vom sogenannten Eigenbedarf. Da stecken kommerzielle Ziele dahinter, die man gegen andere Kriminelle schützen müsse, vermutet die Staatsanwältin. Um seine Ware am Ende exakt abmessen zu können, habe er sich sogar schon die nötige Feinwaage besorgt.

Schwerer Tobak. Der Angeklagte lässt seinen Verteidiger für sich reden – zunächst. Dieser räumt viele Punkten der Anklage ein. Denn ja, an den Fakten könne man wenig herumdeuteln. In dem Zimmer in seiner Wohnung standen mehrere Pflanzen in sogenannten „Grow-Tents“, das geerntete Produkt, die Blüten der Cannabis Pflanze, hatte er getrocknet, sortiert und mit Feuchtigkeitsmessern versehen in Einmachgläsern verwahrt. Alles sauber beschriftet, versteht sich. Doch die Unterstellung der Anklage, er habe mit seiner beträchtlichen Ernte handeln wollen, die weise er von sich. Es habe keine Unterredung mit Dritten gegeben. Und seit über einem Jahr habe er sich von der Droge zwischenzeitlich ferngehalten: Er sei jetzt clean, lasse sich das regelmäßig mit Gutachten verbriefen.

Raus der Beschaffungskriminalität, hinein in die Anbaukriminalität in Bad Grund

Bei der Beweisaufnahme windet sich der Angeklagte im Stuhl, rutscht am Tisch auf und nieder. Immer wieder tauscht er Blicke mit seinem Verteidiger aus. Der lässt ihn auf die Fragen des Richters irgendwann selber antworten. Der 30-Jährige möchte sich selbst ins rechte Licht rücken. Er arbeite schon lange für ein großes Unternehmen in der Region, warte Maschinen, war früher im Außendienst viel unterwegs. Indien, Südafrika, Nigeria zum Beispiel. Vom Stress auf der Arbeit erhole er sich am liebsten mit Gras – seit seinem 18. Lebensjahr schon. Das er eine Sucht entwickelt habe über die Jahre – das gibt er freimütig zu.

So sei es am Ende auch zu der Plantage gekommen. Er habe herausgewollt, aus der Beschaffungskriminalität und sich daher auf den Weg der Anbaukriminalität begeben. Und über das Ziel hinausgeschossen. Aus der Mimik des Richter spricht Skepsis: „Es fällt mir schwer zu glauben, dass Sie so eine gewaltige Menge Cannabis züchten und das dann selbst verbrauchen wollten. Das hätte mehrere Jahre gehalten – und Sie hatten bereits die nächsten Pflanzen im Wachstum.“ Der Angeklagte lacht verlegen: „Naja – das wird ja nicht schlecht, wissen Sie?“

Polizei betont Höflichkeit des mutmaßlichen Marihuana-Besitzers aus Bad Grund

In dieser Verhandlung treffen Welten aufeinander. Der Richter und die zwei Schöffen sind sich unsicher, ob der junge Mann sie an der Nase herumzuführen versucht. Warum habe er denn so viele verschiedene Sorten produziert? – „Ich habe über die Jahre einen ziemlichen Enthusiasmus entwickelt“, antwortet der Angeklagte. „Ich habe ein sehr hohes Interesse und Verständnis von Technik: Der Anbau war wie eine Herausforderung für mich. Wie ich festgestellt habe, habe ich sowas wie einen grünen Daumen. Und die Sorten – nun ja, das ist wie beim Wein auch. Jede Traube schmeckt und wirkt ein bisschen anders.“ Aber wofür dann die Waage? „Ich bin Techniker. Ich wollte meinen Ertrag prüfen und festhalten“, sagt er schüchtern, wringt seine Hände.

Als Zeugen sagen an diesem Tag zwei Polizisten aus, die den Angeklagten im Sommer 2022 erst überwacht, dann die Wohnung durchsucht hatten. Doch die Beamten betonen in ihren Aussagen, dass sie keinerlei Listen, Tütchen oder sonstige Hinweise darauf gefunden hätten, die auf eine Verkaufsabsicht hindeuten könnten. Sie bekräftigen dafür, wie nett und kooperativ sich der Angeklagte gegeben habe. Als sie ihm den Durchsuchungsbefehl zeigten, habe er sie direkt in die Kammer geführt: „Sie werden es sowieso finden“, soll er gesagt haben. Im Raum fanden die Polizisten nicht nur die fraglichen Drogen. Sondern auch eine Menge Videospiele und eine Sammlung bunter Mützen.

So entscheidet das Gericht über den Marihuana-Plantagen-Besitzer aus Bad Grund

Bleibt am Ende die Frage nach den Waffen. Die Schreckschusspistole zum Beispiel? Ein alter Scheunenfund. Auf den Bildern der Anklage ist der Rost und Abnutzung gut zu erkennen. Das Katana dann? Ein Spielzeug, stumpf und unbrauchbar für Selbstverteidigung. Bleibt der Teleskopschlagstock: Er könne sich nicht erinnern, wie lang er diesen schon habe. Er habe ihn vor Jahren im Internet gekauft – warum wisse er heute auch nicht mehr. Wiederhaben möchte er alle Gegenstände auch nicht, der Staat darf sie behalten.

Doch was wird am Ende aus dem Marihuana-Enthusiasten? Die Staatsanwaltschaft schenkt dem Angeklagten nur wenig Gehör, glaubt nur Schutzbehauptungen gehört zu haben. Sie fordert ein Jahr und drei Monate Haft – zur Bewährung. Die Verteidigung hält dagegen und bekräftigt: Der Angeklagte sei ein Sammler gewesen, kein Händler mit Profitabsicht. Dieser Fall sei am Ende lange nicht so spannend, wie angekündigt. Drei Monate Freiheitsstrafe zur Bewährung, das sei in diesem Fall angemessen.

Das Gericht entscheidet am Ende: Neun Monate Gefängnis müssen es sein für den 30-Jährigen. Zur Bewährung. Außerdem muss er der Fachstelle „Sucht und Suchtprävention“ der Stadt Osterode 1000 Euro zahlen. „Ich hatte nicht das Gefühl, dass sie uns einen auftischen wollten“, erklärt der Richter zum Abschluss. Vielmehr habe er strafmildernd in Betracht gezogen, dass der Angeklagte vollständig geständig gewesen sei und umfassende Schritte unternommen habe, seine Sucht zu überwinden. Im kommenden Jahr plant die Bundesregierung unterdessen, Cannabis von der Liste der verbotenen Substanzen streichen zu lassen.