Ende einer traditionsreichen Garnison

Bis Oktober rücken alle Soldaten aus Braunschweig ab – Statt Enttäuschung herrscht Realismus vor

Ironie der Geschichte: Oberstleutnant Jürgen Ammann betrieb bereits die Auflösung des Panzerbataillons 24 in der Rautheimer Heinrich-der Löwe-Kaserne, als der Kommandeur im Mai 2002 mit 110 Soldaten für sechs Monate in den Kosovo aufbrach. Es war der erste reale Einsatz des seit 1962 in Braunschweig stationierten Bataillons.

Für Ammann eine Erfahrung, die seinen Blick fürs Wesentliche schärfte: "Wenn man Not leidenden Familien in Bergdörfern helfen kann, merkt man, wie banal Themen wie zum Beispiel Dosenpfand sind." Im Kosovo habe er das Bewusstsein für den Sinn und Zweck eines solchen Einsatzes bekommen.

Die Auslandseinsätze im Nachkriegs-Kosovo – wie auch Hilfeleistungen Braunschweiger Soldaten beim Elbe-Hochwasser – stehen für einen Rollenwandel der Bundeswehr nach Ende des Kalten Krieges. Schnell verlegbare Infanterie-Truppen seien für Auslandseinsätze wichtiger geworden, sagt Oberstleutnant Ammann. Die Folge: eine Reduzierung der vielen Kampfpanzer im deutschen Heer wie in den Nato-Streitkräften.

Die Braunschweiger Truppe mit 800 Soldaten gehört zu den sieben Panzerbataillonen, die bis 2003 bundesweit aufgelöst werden. Habe es in den 80er-Jahren noch 60 Panzerbataillone gegeben, blieben nun 13 übrig, erklärt Ammann.

Ein Großstandort der Bundeswehr wie ehemals ist Braunschweig ohnehin schon längst nicht mehr. Mit Auflösung der Panzerbrigade II im Jahr 1992 verließen 2800 Soldaten die Stadt. 600 Zivilarbeitsplätze gingen verloren.

In Braunschweig erhalten bleibt nach der erneuten Truppenreduzierung nur das Kreiswehrersatzamt – mit zwei Soldaten neben den Zivilbeschäftigten. Damit wird der Bundeswehrstandort weitgehend aufgegeben.

Bataillonskommandeur Jürgen Ammann sagt nur so viel: "Wir Soldaten unterliegen dem Primat der Politik und haben die Entscheidungen mit allen Konsequenzen zu akzeptieren. Aber es ist schade und auch bedrückend, dass eine Tradition in Braunschweig zu Ende geht."

Doch sei die anfängliche Enttäuschung über die im Februar 2001 gefallene Entscheidung mittlerweile einem "professionellen Realismus" gewichen.

Von den 800 Soldaten des Panzerbataillons haben viele schon Braunschweig verlassen. 350 sind noch in der Löwenstadt im Dienst, die meisten sind Wehrdienstleistende.

Am härtesten wird die Standortauflösung nach Ammanns Einschätzung die Berufssoldaten treffen, die mit ihren Familien in Braunschweig verwurzelt sind. Gerade die Unteroffiziere seien in der Vergangenheit von Versetzungen verschont geblieben. "Keiner verliert seinen Arbeitsplatz. Aber für sie steht ein Ortswechsel an."

Den rund 100 Zivilkräften würden ebenfalls Angebote unterbreitet. "Aber für viele wird der Verlust des Arbeitsplatzes Realität", fürchtet Ammann.

Der gebürtige Wolfenbüttler Oberleutnant Dennis Köhler, seit sechs Jahren beim Panzerbataillon 24, ist einer von denen, die sich auf einen Umzug vorbereiten. Als Offizier sei ihm allerdings klar gewesen, dass irgendwann ein Ortswechsel anstehe, meint er. "Meine Familie trägt das mit."

Bis Oktober soll die Abwicklung des Standortes abgeschlossen sein. Bereits im Laufe des Jahres wurden 49 der 53 Leopard-2-Panzer in Bundeswehr-Depots abtransportiert, gefolgt von Betten, Spinden und Gerätschaften wie den 5000 Handfeuerwaffen.

Nach der Husaren-, der Tannenberg, der Mölders- und Leutnant-Müller-Kaserne stehen nun die letzten beiden Braunschweiger Kasernen vor der Schließung. Die Standortübungsplätze Wohld und Herzogsberge (Landkreis Wolfenbüttel) eingerechnet, gibt die Bundeswehr eine Fläche von 6,2 Quadratkilometern auf.

Sollen die Übungsplätze in Landschaftsschutzgebiete umgewandelt werden, ist die Zukunft der Rautheimer Heinrich-der-Löwe-Kaserne sowie der Roselieskaserne indes noch ungewiss. Einem Sprecher der Braunschweiger Stadtverwaltung zufolge wird das für die Vermarktung zuständige Bundesvermögensamt eine Machbarkeitsstudie in Auftrag geben. Erst danach werde über Möglichkeiten der Nutzung verhandelt. Was sich Oberstleutnant Ammann wünscht: das Casino in der Heinrich-der-Löwe-Kaserne als Begegnungsstätte für die Traditionsverbände zu erhalten – und dort mit einer militärgeschichtlichen Sammlung an Braunschweig als jahrhundertealte Garnisonstadt zu erinnern.

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