VW vor 75 Jahren: Der totale Krieg als Treiber des Umsatzes

Wolfsburg.  Als die Amerikaner einrücken, bricht die Ordnung im Werk zusammen. Und: Eine Millionensumme verschwindet für immer.

Schon kurz nach Errichtung des Volkswagen-Werkes ist an eine zivile Automobilproduktion nicht mehr zu denken. Kübel und Schwimmwagen werden am Mittellandkanal stattdessen von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Insassen gebaut. 1941 fordert Ferdinand Porsche  für das VW-Werk Zwangsarbeiter an. Sowjetische Kriegsgefangene wie hier auf dem Bild, bauen VW-Schwimmwagen für die Front.

Schon kurz nach Errichtung des Volkswagen-Werkes ist an eine zivile Automobilproduktion nicht mehr zu denken. Kübel und Schwimmwagen werden am Mittellandkanal stattdessen von Zwangsarbeitern, Kriegsgefangenen und KZ-Insassen gebaut. 1941 fordert Ferdinand Porsche für das VW-Werk Zwangsarbeiter an. Sowjetische Kriegsgefangene wie hier auf dem Bild, bauen VW-Schwimmwagen für die Front.

Foto: volkswagen ag

Vor 75 Jahren endet der Zweite Weltkrieg. Die Stadt des KdF-Wagens bei Fallersleben sollte erst danach jene Entwicklung nehmen, die auch die Nationalsozialisten versprochen hatten. Doch der von ihnen angekündigte Volkswagen für die Massenmotorisierung der Deutschen lief in der 1938 erbauten Fabrik am Mittellandkanal erst unter der Regie der britischen Besatzer von den Bändern.

Das VW-Werk war zuvor Teil der Rüstungsindustrie des Dritten Reiches und damit auch seit Juni 1940 zum „Arbeitsplatz“ für die ersten 300 Zwangsarbeiterinnen aus Polen geworden. Der Krieg endet im späteren Wolfsburg am 11. April mit dem Eintreffen der amerikanischen Truppen. Erst tags zuvor wurde die Produktion eingestellt. Die Volkswagenwerk GmbH hat mit Stichtag 30. April 1944 19.065 Beschäftigte, darunter viele Fremd- und Zwangsarbeiter, Kriegsgefangene und KZ-Häftlinge. Die beiden letzten Gruppen machten 1944 zwei Drittel der Belegschaft aus.

In den Wirren des Kriegsendes findet kein Kassensturz mehr statt. Die offizielle Volkswagen-Chronik vermeldet für den Zeitraum bis zum 28. Februar 1945 einen Umsatz von 13,7 Millionen Reichsmark. Produziert wird aber weiter bis zum 10. April. „Mit der Fertigung der letzten 50 Kübelwagen endet die 66.258 Fahrzeuge umfassende Kraftfahrzeugfertigung während des Krieges“, bilanziert die Chronik. Die Automobilfertigung, der eigentliche Zweck der Fabrik, begann 1940 im Zuge der Heeresmotorisierung. „Die Serienfertigung von Kübelwagen und dann ab 1942 von Schwimmwagen etablierte ein zweites Standbein“, heißt es in der Unternehmensgeschichte. In die Rüstungsproduktion war Volkswagen Ende 1939 für die Luftwaffe eingestiegen. Im Werk wurden Reparaturarbeiten an der Junkers 88 durchgeführt sowie Tragflächen und hölzerne Bomben-Abwurfbehälter produziert.

Der Ausweitung des Krieges und vor allem der alle Ressourcen und Kräfte verschlingende Feldzug gegen die Sowjetunion erwies sich für das Volkswagenwerk als Basis für wirtschaftliches Wachstum. Der Umsatz stieg zwischen 1940 und 1944 von 31 auf 297 Millionen Reichsmark.

Im April und Juni 1944 wird die Fabrik von amerikanischen Verbänden bombardiert, die Schäden sind „beträchtlich“, wie die Chronik konstatiert. Die Produktion des Schwimmwagens wird im September eingestellt – 14.276 Einheiten des VW 166 stellt Volkswagen der Wehrmacht zur Verfügung.

Dieses Jahr, das im Sommer mit dem Zusammenbruch der Heeresgruppe Mitte den erst in Berlin endenden Siegeszug der Roten Armee Richtung Reichsgebiet einläutet, verschafft Volkswagen den gigantischen Umsatz von 297,6 Millionen Reichsmark und den bis dahin höchsten Gewinn von 10,3 Millionen Reichsmark. Den größten Einnahmeposten bildet eine Abschlagszahlung von 70 Millionen Reichsmark, die für Kriegsschäden anfallen. Deren Höhe wird auf insgesamt 156 Millionen Reichsmark beziffert, „von denen bis Ende 1944 86 Millionen Reichsmark anerkannt werden“, wie die Chronik auflistet.

Schon vor dem Zusammenbruch des Deutschen Reiches und dem Untergang des Nazi-Regimes hat sich das Volkswagen-Management um Ferdinand Porsche und seinen Schwiegersohn Anton Piëch abgesetzt. Faktisch hatte Piëch, der Vater des späteren VW-Chefs Ferdinand Piëch, das Sagen im operativen Bereich. Und er hatte offenbar den Zugriff auf die Finanzen. Als er sich 1945 rechtzeitig aus der Barackenstadt absetzte, hatte er einen Koffer dabei. Der Inhalt: 10 Millionen Reichsmark. Wo dieses Geld geblieben ist, haben die Historiker bisher nicht herausfinden können. Ihrem eigentlichen Bestimmungszweck wurden die Millionen auf jeden Fall nicht zugeführt.

Piëch gehörte seit 1941 der dreiköpfigen Geschäftsführung der Volkswagenwerk GmbH an. Seine Partner in diesem Führungsgremium waren sein Schwiegervater Ferdinand Porsche und Bodo Lafferentz, der Leiter der Organisation Kraft durch Freude. Piëch oblag faktisch die Führung des Unternehmens, das längst nur noch Rüstungsgüter produzierte.

Piëch war seit Mai 1933 eingeschriebenes Mitglied der illegalen NSDAP in Österreich und wurde 1938 in die reichsdeutsche NSDAP aufgenommen. Seit 1941 lebte und arbeitete er – die meiste Zeit ohne seine Familie – auf einem Grundstück, das er vom Gutsbetrieb Mörse-Wolfsburg gepachtet hatte. Seine Hausmacht stärkte er, in dem er seinen Vetter Georg Tyrolt mit der „Gefolgschaftsleitung“, also der Personalführung, betraute. Sein Ziel war es nach Ansicht der Historiker Hans Mommsen und Manfred Grieger „Das Volkswagenwerk und seine Arbeiter im Dritten Reich“), „das Unternehmen auf mittlere Sicht zu privatisieren“. Piëch verließ das Hauptwerk 1945 „nach dem Panzeralarm und verlegte die Konzernleitung unter Mitnahme großer Bargeldbeträge von Mörse nach Neudeck und vor dort nach Zell am See“.

„Vorgeblich“, so die Historiker weiter, sollte das Geld dem Zweck dienen, die Auslagerung der Neudecker Wollkämmerei nach Nenzing im Allgäu zu betreiben. „Die kam aber nicht mehr zustande, so dass die 10 Millionen RM dann größtenteils für die Finanzierung der Porsche KG Verwendung fand“, schlussfolgern die Autoren des Standardwerkes.

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