„Es geht weniger um Technik als um Macht“

Braunschweig.  Arbeitnehmer sollten bei der Digitalisierung mehr für sich einfordern, erklären Experten in Braunschweig.

Der Roboter arbeitet, der Mensch guckt zu? Die Digitalisierung verändert unsere Tätigkeiten im Beruf.

Der Roboter arbeitet, der Mensch guckt zu? Die Digitalisierung verändert unsere Tätigkeiten im Beruf.

Foto: Carmen Jaspersen / dpa

Die Auswirkungen der Digitalisierung auf unsere Arbeitswelt sind keineswegs ein „Naturgesetz“, sondern eine Frage des gesellschaftlichen Aushandelns. Das wurde bei einer Diskussion in Braunschweig zu gerechten Löhnen und der Wertschätzung von Arbeit deutlich. Welche Techniken künftig unter welchen Bedingungen eingesetzt werden, müsse verhandelt werden. „Da sind wir bei gesellschaftlichen Fragen wie Macht“, sagte Nicole Mayer-Ahuja, Soziologie-Professorin mit den Schwerpunkten Arbeit, Unternehmen und Wirtschaft an der Universität Göttingen. Auch der stellvertretende VW-Betriebsratschef in Braunschweig, Mathias Möreke, stellte klar, es handle sich nicht um eine Frage der Logiken: „Das ist eine Macht-Frage“ – wie auch die Lohnhöhe.

Möreke, der auch im Vorstand der Allianz für die Region sitzt, führte ein aktuelles Beispiel aus dem VW-Werk in Braunschweig an, das durch die steigende Bedeutung der Elektromobiliät im Umbruch steckt. Für die Batteriefertigung braucht der Autobauer Mitarbeiter mit Elektriker-Kenntnissen, bezahlt wurde bislang aber für die Tätigkeit, nicht die Qualifikation. Doch warum sollte ein Elektriker dort arbeiten, wenn er deutlich weniger verdient als sonst mit seiner Ausbildung?

Eingeladen hatte die gemeinnützige Gesellschaft „Wissenschaft im Dialog“ aus Berlin. Henning Noske, Lokalchef unserer Zeitung, moderierte die Diskussion, die Teil einer bundesweiten Reihe im „Wissenschaftsjahr 2018“ des Forschungsministeriums war, das sich um die „Arbeitswelten der Zukunft“ dreht. Das Thema trifft offenbar einen Nerv der Zeit: Mit knapp 100 Zuhörern waren fast alle Stühle im Haus der Wissenschaft besetzt.

Ein Grund dafür könnten auch Befürchtungen sein: Was wird aus meinem Job, löst mich bald ein Roboter ab? Ängste seien legitim, betonte Simone Kauffeld, Arbeitspsychologin an der TU Braunschweig. Doch wir müssten nicht in eine Angststarre verfallen. Wie aus jeder Krisensituation lasse sich auch aus der Digitalisierung der Arbeitswelt lernen, und die Veränderungen würden auch Chancen bergen.

In den Augen der Professorin stehen die Chancen, Forderungen zu stellen, für die Arbeitnehmer zurzeit außerdem in vielen Branchen gut. Denn die Bewerberzahlen gehen zurück, nicht nur in der Pflege. Kauffeld forderte Angestellte auf, bei Ungerechtigkeiten wie niedrigen Löhnen den Job zu wechseln – dann werde sich etwas bewegen.

Mayer-Ahuja erinnerte zudem daran, dass das Szenario der menschenleeren Fabrik bereits Jahrzehnte alt ist – und bisher nie eingetroffen; zwar entfielen auch Arbeitsplätze, doch vor allem veränderten sich die Tätigkeiten. Durch die Diskussion um den Wegfall von Jobs, die teils selbst bei gestandenen Kollegen Ohnmachtsgefühle auslöse, erzeugten Unternehmen eine Stimmung, in der sie ihre Interessen leichter durchsetzen können. Die Debatte um die Industrie 4.0 bezeichnete sie als „genialste Werbekampagne“.

Beim Gerechtigkeitsempfinden spielen mehrere Faktoren eine Rolle, wie Psychologin Kauffeld erklärte. Viel mehr als der Input und Output im Vergleich setze den Leuten zu, ob das Verfahren, wie Gehälter zustande kommen, gerecht sei. Bei VW-Managern etwa können viele Menschen die Höhe nicht nachvollziehen. Soziologin Mayer-Ahuja erläuterte, wie sich auch in Gehältern gesellschaftliche Zuschreibungen offenbaren. Deren Höhe habe weniger mit der Komplexität der Tätigkeit zu tun, wie etwa relativ niedrige Gehälter in der Pflege zeigen. Finanzdienstleistungen hingegen seien gesellschaftlich hoch bewertet, obwohl dazu auch schädliche Tätigkeiten gehören. Und wenn Frauen in zuvor männerdominierte Berufe kommen, sänken die Löhne und die Arbeitsbedingungen verschlechterten sich.

Möreke rief die Rechnung aus den 1960er Jahren in Erinnerung, dass ein Facharbeiter von seinem Gehalt zwei Kinder großziehen können sollte, in den Urlaub fahren sowie ein Haus bauen oder eine Wohnung kaufen. Alle drei Diskutanten forderten die Politik auf, diese gesellschaftlichen Aushandlungsprozesse anzugehen. Auch aus dem Publikum kamen Forderungen; bei der sogenannten Fishbowl-Diskussion waren die Zuhörer, die im Kreis um die Diskutanten saßen, ausdrücklich zum Mitdiskutieren aufgefordert. Barbara Wehsner aus Braunschweig zum Beispiel, die eine Pflegestation betreibt, erläuterte, dass die Gehälter in der Pflege auch von den Zahlungen der Krankenkassen abhängen. Höhere Beträge müsste die Politik einführen, bestätigte Kauffeld. Mayer-Ahuja stimmte der Unternehmerin Wehsner zudem zu, dass Hauptschüler nicht vom Arbeitsmarkt abgehängt werden dürften.

Detlef Ahting, Verdi-Landesbezirksleiter Niedersachsen-Bremen, verurteilte aus dem Publikum heraus, dass bei Unternehmen ohne Tarifbindung sowie Solo-Selbständigen die gesamte Gesellschaft die soziale Absicherung bezahlen müsse. „Wir müssen Mindestkriterien definieren“, verlangte der Gewerkschafter. Mayer-Ahuja kritisierte darüber hinaus den Trend, Projektziele zu vereinbaren – Vorgesetzte könnten sich dann zurücklehnen: Die Mitarbeiter müssten unter sich ausmachen, wie sie diese schaffen.

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